Kyrill

Rehe und Hirsche „profitieren“ von Sturmschäden durch Kyrill

Auch die Hirsche in Brilon und dem gesamten Hochsauerland haben von der neuen Situation am Waldboden profitiert.

Auch die Hirsche in Brilon und dem gesamten Hochsauerland haben von der neuen Situation am Waldboden profitiert.

Foto: Tanja Pickartz

Hochsauerlandkreis.  Vor allem Pflanzenfresser wie Rehe und Hirsche haben im Hochsauerland von den Folgen des Orkans Kyrill profitiert – die Population ist gestiegen.

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Knapp zehn Jahre ist es her, dass der Orkan Kyrill im Hochsauerlandkreis wütet und große Schneisen in die Wälder reißt. Abgeknickte Äste und Bäume sind allgegenwärtig, viele einst dicht bewaldete Flächen liegen nun komplett unter freiem Himmel – und ausgerechnet die Tierwelt zieht Nutzen daraus.

„Es gibt eigentlich keine Tierart, die in den letzten zehn Jahren nicht von den Folgen von Kyrill profitiert hat. Vor allem Pflanzenfresser leben dadurch aktuell unter extrem günstigen Bedingungen“, erklärt Christoph Bernholz, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Hochsauerland. Die Schalenwildarten wie z.B. das Reh, haben sich seit dem Sturm vor zehn Jahren rasant vermehrt: „Die Jäger müssen aktuell zwischen 50 und 80 Prozent mehr Tiere schießen, als noch vor zehn Jahren“, ergänzt Bernholz.

In den ersten drei Jahren ging es um Pflanzenwachstum

Zunächst ist der Anstieg in der Tierpopulation nicht spürbar: „In den ersten drei Jahren nach Kyrill mussten die Pflanzen auf den Brachflächen erstmal wachsen, allerdings waren die Bedingung durch das fehlende Blätterdach dafür natürlich deutlich besser“, erklärt Bernholz. Die Folge: Auf Flächen, auf denen zuvor große Fichtenwälder standen, konnten sich am Waldboden nun neue Pflanzen entwickeln.

„Büsche, Sträucher und andere Fresspflanzen haben die Nahrungsvielfalt in den Verbreitungsgebieten der Tiere deutlich erhöht. Vorher gab es dort nur einen Monokulturwald, der vor allem am Boden kaum Nahrung für viele der heimischen Tierarten bereithielt“, sagt Bernholz. Das Blätterdach verhinderte zudem, dass neue Pflanzen ausreichend Licht zum Wachsen bekommen und damit die Entstehung eines neuen Pflanzenbestandes.

Mehr Tiere geschossen als früher 

Population der Tiere stieg rasant an

Während die Population in den ersten drei Jahren nur langsam zunahm, stiegen die Zahlen anschließend rasant in die Höhe. „Die Bedingungen für viele Tierarten waren ideal. Mäuse haben sich in Scharen am Waldboden gesammelt und von dem vielen Futter profitiert, so wurden Raubvögel und auch Füchse angelockt, die sich im Anschluss natürlich auch besser vermehren konnten“, erklärt Bernholz. Besonders profitiert hätten auch mehrere Wildarten, eine positive Bestandsentwicklung gäbe es speziell beim Rot-, Muffel- und Schalenwild. „Das Reh ist eigentlich ein Konzentrationsselektierer, pickt sich also nur die „Rosinen“ aus der vorhandenen Nahrung raus. Die große Nahrungsvielfalt war wie eine Salatbar, die vor den Tieren offen ausgebreitet war“, sagt Bernholz.

Es werden deutlich mehr Tiere geschossen als früher

Der starke Anstieg der Tierbestände um 50 bis 80 Prozent hat natürlich auch Folgen für die Jäger. „Wir müssen schon deutlich mehr Tiere schießen als noch in den vergangenen Jahren, zudem ist es durch die neu bepflanzten Wälder im Moment sehr schwierig, die Tiere überhaupt zu finden“, erklärt Bernholz. Die neuen Baumbestände sind aktuell etwa mannshoch, hinzu kommen die zahlreichen Büsche und Sträucher, die durch das noch offene Blätterdach weiter gedeihen und Schutz für das Wild bieten. „Vor Kyrill war das deutlich einfacher, da es nur bestimmte Versteckmöglichkeiten für die Tiere unter den hohen Fichten gab“, erklärt Bernholz.

Situation im Wald kann sich bald wieder ändern

Die aktuellen Bedingungen sind für die Tierwelt optimal, in einigen Jahren dürfte es aber schon wieder anders aussehen. „Die Wälder werden natürlich auch wieder höher, in ein paar Jahren ist das Blätterdickicht wieder geschlossen und die Pflanzenvielfalt am Waldboden nimmt wieder ab“, erklärt Bernholz. Die Tiere verschwinden aber so schnell nicht wieder: „Die Bestände sind natürlich erstmal da, aber der Anstieg der Population wird natürlich wieder ein wenig zurückgehen. Ob es sich dann wieder auf den Stand von vor Kyrill senkt, müssen wir schauen“, erklärt Bernholz.

Lesen Sie hier, wie nach dem Orkan Kyrill der Briloner Bürgerwald entstand.

Auswirkungen auf die Vogelwelt 

Große Auswirkungen auf die heimische Vogelwelt

Während Pflanzenfresser am Boden von den Orkanfolgen profitieren, haben sie größere Auswirkungen auf die Vogelwelt. „Aber auch nicht in einem extremen Ausmaß. In den Fichtenwäldern ist traditionell eher wenig los“, erklärt Heinz Kowalski, stellvertretender Vorsitzender der NABU in Nordrhein-Westfalen. Betroffen sind nur einzelne Arten, die auf Fichtenwälder spezialisiert waren und aus ihren Brutgebieten vertrieben wurden.

„Beispiele sind etwa der Tannenhäher oder der Fichtenkreuzschnabel, die durch die Schäden in andere Gebiete ausweichen müssen“, erklärt Kowalski. Gleichzeitig schränkt er aber auch ein: „Die Vogelwelt ist sicherlich stärker getroffen worden als die übrigen Tiere, der größte Schaden liegt aber bei der Forstwirtschaft.“ Größere Einbrüche bei der Population habe es nicht gegeben, neben den in den Fichtenwäldern heimischen Vögeln waren vor allem Tiere betroffen, die sich von Fichtenzapfen ernähren.

Einige Arten haben von der Neupflanzung sogar profitiert: „Der Baumpieper hat sich etwa in den neuen Waldbeständen angesiedelt und stürzt sich von den Baumwipfeln aus auf die Büsche und Sträucher am Waldboden, um dort Nahrung zu bekommen. Vorher war er in der Region nur selten zu sehen.“

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