Transidentität

Sauerländerin will leben als Frau und keine Lüge als Mann

Wer Jasmin Grabbe nicht kennt, sieht auf Anhieb keinen Mann mehr in ihr. Die 46-Jährige wird als Oliver geboren, lange lebt sie als Mann, obwohl sie schnell merkt, dass sie transident ist.2018 will sie endlich ganz Frau sein.  

Foto: Rita Maurer

Wer Jasmin Grabbe nicht kennt, sieht auf Anhieb keinen Mann mehr in ihr. Die 46-Jährige wird als Oliver geboren, lange lebt sie als Mann, obwohl sie schnell merkt, dass sie transident ist.2018 will sie endlich ganz Frau sein.  

Liesen.  Jasmin Grabbe ist transident. Sie merkt als Kind, dass ihr männliches Geschlecht nicht zu ihr passt. 2018 will sie ihr neues Leben beginnen.

Jasmin Grabbe hat einen großen Vorsatz für 2018 gefasst: Sie will rausgehen, bummeln, andere Menschen treffen, Kaffee trinken und endlich wieder lachen. Was sich für die meisten völlig alltäglich anhört, ist für die 46-Jährige eine Riesenüberwindung, für die sie seit Jahrzehnten kämpft. Denn sie ist transident. 1971 wurde sie als Oliver geboren, bemerkte aber schon als kleines Kind, dass sie anders war als andere Jungs und ihr Geschlecht nicht zu ihrem Körperempfinden passte.

Die Rolle als Mann

Transidentität ist nach derzeitigem Forschungsstand schon vor der Geburt festgelegt und keine Krankheit. Aber sie kann krank machen. Wie bei Jasmin Grabbe. Sie wuchs in einem Ortsteil von Schmallenberg auf und zog später mit ihrer Familie nach Hallenberg. Mit fünf Jahren probierte sie heimlich die Kleider ihrer Mutter an und schminkte sich, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Mit acht Jahren versuchte sie unter der Dusche, sich ihren Penis abzuklemmen. In der Familie, in der Schule und im Freundeskreis spielte sie die Rolle, von der sie selbst keine Ahnung hatte. Bis sie im Alter von elf Jahren einen Fernsehbericht über Transidentität sah und ihr klar wurde, dass das der Grund für ihre zunehmenden Selbstzweifel und auch ihren Selbsthass war. Dennoch wagte sie es weiterhin nicht, sich jemandem anzuvertrauen: „Ich bin im Sauerland groß geworden und weiß, wie es jemandem ergehen kann, der nicht ins Schema passt.“

Der Versuch, sich gegen sich selbst zu wehren

Jahrzehntelang versuchte sie deshalb, sich mit aller Kraft gegen sich selbst zu wehren, ihre Psyche zu unterdrücken, nach außen hin ein Mann zu sein. Dazu kam, dass sich 1990 ihr Vater umbrachte und wenige Jahre später ihre Mutter durch einen Schlaganfall pflegebedürftig wurde. Heftige Depressionen und die Unfähigkeit, weiter in ihrem Beruf als Maler zu arbeiten, waren die Folge.

1997 hielt Jasmin Grabbe ihre Lebenslüge nicht mehr länger aus und suchte therapeutische Hilfe. Der erste Psychologe überwies sie in eine Klinik nach Baden-Baden, die ihr angeblich helfen sollte. Dort waren jedoch Suchtkranke untergebracht, mit Transidentität kannte sich niemand aus. Währenddessen erfuhr ihr Vermieter den Grund für ihren Klinikaufenthalt und kündigte ihr die Wohnung in Hallenberg. Ein Therapeut riet ihr, in eine Schwulen-WG zu ziehen, dort würden sich ihre Probleme schon lösen. Eine andere Ärztin wollte ihr Akupunkturnadeln setzen – um sie von der Transidentität zu „heilen“ wie von einem lästigen Ausschlag.

Verwandte und Angehörige eingeweiht

1998 weihte sie Angehörige und Freunde ein – und wurde ausgelacht oder als „Schwuchtel und Transe“ verhöhnt. Deshalb traute Jasmin Grabbe sich auch weiterhin nicht an die Öffentlichkeit. Acht Jahre war sie verheiratet, ihre Ehefrau wusste über alles Bescheid. Die beiden verloren im sechsten Schwangerschaftsmonat ein Kind, die Ehe scheiterte.

Seit 2009 bekommt Jasmin Grabbe Hormone verschrieben, die ihren Haarwuchs abschwächen, die Brust wachsen lassen und ihre Figur insgesamt weiblicher machen. Dem vorausgegangen sind umfangreiche psychologische Untersuchungen, zwei unabhängige Gutachten und Alltagstests, um die Diagnose der Transidentität hieb- und stichfest zu machen. 2011 waren auch die rechtlichen Voraussetzungen gegeben, um beim Amtsgericht ihre Papiere und endlich ihren Vornamen ändern zu lassen. Und doch verkroch sich Jasmin Grabbe immer mehr vor der Umwelt. Fast zehn Jahre hat sie ihre Wohnung in Liesen nur noch für die nötigsten Besorgungen verlassen.

Bis Mitte Dezember wurde sie von so starken Depressionen gequält, dass sie nur noch zwei Auswege sah: Suizid, wie ihn rund die Hälfte der von Transidentität betroffenen Menschen laut einer Studie der Uni Mainz begehen – oder der Schritt an die Öffentlichkeit. Jasmin Grabbe wählte Alternative zwei und schrieb im Internet einen bewegenden Brief: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, endlich auch äußerlich als Frau zu leben und das Gefühl kennenzulernen, glücklich zu sein.“

Operationen in Planung

Das WP-Interview ist seit langer Zeit ihr erster Kontakt mit der Außenwelt. Dafür hat sie sich dezent geschminkt und sich die halblangen, stufig geschnittenen Haare zurecht gemacht. Die Kette aus dunkelblauen Steinen passt farblich zu ihrer Wickeljacke und dem darauf abgestimmten Shirt. Mit ihrer Frisur ist sie noch nicht zufrieden, die Haare sollen wachsen und befinden sich im Übergangsstadium, wie sie sich entschuldigt. Außerdem will sie noch ein paar Kilo abnehmen. Frauenthemen.

Wer Jasmin Grabbe nicht kennt, sieht auf Anhieb keinen Mann mehr in ihr. 2018 soll ihr Jahr werden – der Start in ein neues, in ihr richtiges Leben, das sie 46 Jahre lang verleugnen musste. Die geschlechtsangleichenden Operationen in Marburg und Hagen sind schon in Planung.

Als erstes will sie nun den Schritt nach draußen wagen und hofft darauf, dass sie einfach so akzeptiert wird, wie sie ist. Beim Bummeln, Kaffeetrinken und Mensch sein.

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