Tradition

Spielmannszug Oberschledorn setzt einen Notruf ab

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Der Spielmannszug Oberschledorn ist bei vielen Festen ein gern gesehener Gast. Aber längst hat er nicht mehr so viele Mitglieder wie hier auf dem Foto.

Der Spielmannszug Oberschledorn ist bei vielen Festen ein gern gesehener Gast. Aber längst hat er nicht mehr so viele Mitglieder wie hier auf dem Foto.

Foto: Verein / WP

Oberschledorn.  Der Spielmannszug Oberschledorn hat Sorgen. Der fast 60 Jahre alte Verein findet kaum noch Nachwuchs. Ist die Musik an Schützenfesten in Gefahr?

Müsste der Spielmannszug Oberschledorn ein Musikstück intonieren, das seine aktuelle Situation am besten beschreibt, dann wäre das „S.O.S.“ von ABBA. Denn der Notruf kommt aus tiefstem, besorgten Herzen. Corona, die generelle Scheu, sich an einen Verein zu binden und untereinander konkurrierende Möglichkeiten der Freizeitgestaltung haben dazu geführt, dass der einzige Spielmannszug im Stadtgebiet Medebach um seine Existenz bangt. „Finden sich nicht jetzt sofort neue oder ehemalige Spielleute, dann ist es mit dem Verein vorbei“, sagt die 1. Vorsitzende Ramona Frese mehr als deutlich.

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Initiative starten

Was waren das noch für Zeiten, als der Spielmannszug in großer Besetzung auf den Schützenfesten für Stimmung sorgte? Und jetzt? Für die Feste vom 16. bis 18. Juli in Schwalefeld und vom 30. Juli bis 1. August in Oberschledorn hat der Verein seine Teilnahme schon mit einem Fragezeichen versehen. „Wir wissen nicht, ob und in welcher Form wir auftreten können. Wir würden vermutlich sogar reduzieren und bei beiden Veranstaltungen nur am Sonntag spielen“, sagt Ramona Frese. Ihr Verein sucht daher zunächst einmal für diese Saison dringend Unterstützung – vornehmlich aus dem Kreis der Ehemaligen. „Wir brauchen eine Initiative, wie sie damals schon einmal von Wilhelm Brass ergriffen wurde, als es in den Jahren 1989/90 ähnlich mau war. Durch die Gründung der Revival-Band wurde eine Saison gerettet. Genau so etwas brauchen wir jetzt.“

In Sachen Nachwuchsarbeit muss sich der Verein keine Vorwürfe machen. Seit Kurzem gibt es einen eigenen Raum für Probenabende und Versammlungen. Neue Mitglieder - sofern vorhanden - werden aus den eigenen Reihen ausgebildet, was die Kosten für Eltern niedrig hält. Dasselbe gilt für die Bereitstellung von Instrumenten und sonstiger Ausstattung. Aktuell hat der Verein gerade mal 13 aktive Mitglieder plus vier Nachwuchsmusiker. Von den Aktiven können nicht immer alle da sein: Studium, Arbeit, Schichtdienste. Katharina Thiele, 2. Vorsitzende: „Der Mitgliedermangel zieht sich bereits seit einigen Jahren durch den Verein. Aber jetzt ist der absolute Tiefpunkt erreicht.“

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Dabei, so der Spielmannszug, habe man nichts unversucht gelassen, um die Reihen wieder zu füllen: Man habe bei vielen Gelegenheiten Präsenz gezeigt, im weiteren Umfeld Werbung gemacht und auch das Vereinsleben durch coole Aktionen wie Workshops, Jahresfahrten, Camps oder andere Freizeitaktivitäten attraktiv gestaltet. Es gab Nachwuchs- und Jubiläumskonzerte oder auch Ü-18-Fahrten - die nächste soll dieses Jahr wieder stattfinden. Das Miteinander zu stärken, sei immer oberstes Gebot gewesen.

Jugendleiterin Ricarda Rupprath: „Wir eröffnen gerade eine neue Sparte – die musikalische Früherziehung. Unser Maskottchen Viola entführt uns in die Welt der Klänge. Hier starten wir gerade mit dem Kindergarten Maris Stella in Medebach ein Projekt, bei dem wir mit den Kids verschiedene Instrumente erforschen und zusammen musizieren. Zum Jahresthema des Kindergartens ,Sendung mit der Maus’ führen wir dann beim Sommerfest die Titelmelodie gemeinsam auf. Im Herbst werden wir das Projekt in unserem Verein weiterführen.“

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Auch während der schwierigen Corona-Phase gaben die Spielleute nicht auf und versuchten alles, um die Mitglieder bei der Stange zu halten. Aber das Nachwuchsproblem und der Mitgliederschwund bleiben bestehen: Die Hälfte der aktiven Mitglieder besetzen schon seit Jahren den gleichen Vorstandsposten, es kann daher keinen großen Wechsel in den Ämtern geben. Für Ramona Frese und ihre Vorstandskollegen liegt das Problem auch darin, dass junge Leute nicht mehr so gerne verpflichtenden Hobbys nachgehen wollen. „Das Angebot an verschiedenen Vereinen ist groß, meist sind die gleichen Leute in bis zu drei Vereinen gleichzeitig. Hinzu kommt, dass das Musizieren im Spielmannszug geringer geschätzt wird als in der Blaskapelle. Aber das ist falsch. Auch Spielleute können sehr gute Orchester auf die Beine stellen.“

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Kampf um die Existenz

Die Mitglieder des SZO wissen, dass sie nicht der einzige Spielmannszug sind, der um seine Existenz kämpft oder in der Vergangenheit auf der Strecke geblieben ist. In ganz NRW gibt es bereits viele Vereine die nur noch mit 15 bis 20 Leuten auf der Straße spielen. Und die Oberschledorner Spielleute wären mehr als traurig, wenn künftig kein Spielmannszug mehr die Festumzüge anführen würde. Für sie ist damit aber nicht das Ende der desaströsen Fahnenstange erreicht. Die Vorsitzende: „Gibt es immer weniger Spielmannszüge, steigt die Belastung für die Blasmusiken, die mittlerweile ein ähnliches Schicksal teilen. Auch sie müssen manchen Schützenvereinen absagen weil sie den steigenden Anfragen verzweifelter Schützenvereine nicht nachkommen können. Außerdem sind durch das Fernbleiben der Musiker über Jahre gepflegte Freundschaften in Gefahr.“

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Der Spielmannszug Oberschledorn besteht nun 59 Jahre; gern würde er 2023 sein 60-Jähriges erleben. Ramona Frese: „Daher benötigen wir Hilfe. Wer uns unterstützen möchte oder überlegt, nach langer Corona-Pause wieder einem musikalisches Hobby nachzugehen, der kann sich bei mir melden: 0151 59133062.“ Ein wirklicher S.O.S.-Ruf...

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