Serie A46

Straßenwärter auf A46 bei Olsberg: Arbeit am offenen Herzen

Check: „Master-Meister" Dierk Goecke sorgt dafür, dass die Autobahn zu jeder Zeit für die Verkehrsteilnehmer sicher befahrbar ist.

Check: „Master-Meister" Dierk Goecke sorgt dafür, dass die Autobahn zu jeder Zeit für die Verkehrsteilnehmer sicher befahrbar ist.

Foto: Thomas Winterberg / wp

Olsberg/Bestwig.  Sie haben den gefährlichsten Job. Ihre Arbeit ist wie eine OP am offenen Herzen. Das neue Autobahnstück verlangt den Straßenwärtern einiges ab.

Sie arbeiten quasi am offenen Herzen, müssen in den laufenden Verkehr eingreifen und werden dafür beschimpft und neuerdings mit Gegenständen beworfen. Straßenwärter haben einen der gefährlichsten Jobs überhaupt. Von Autofahrern werden sie oft nur als störend wahrgenommen. Wenn sie in ihrem orange-farbenen Outfit auftauchen, blinken meist irgendwelche Lichter und der Verkehr stockt. Aber ohne sie wären unsere Straßen und Autobahnen nicht sicher. „Sicherheit“ das ist für Dierk Goecke oberstes Gebot. Sicherheit für seine Mitarbeiter und für alle Verkehrsteilnehmer. Der studierte Bau-Ingenieur leitet die drei Autobahnmeistereien Werl (mit Enste), Bad Wünnenberg und Herford. Auf ihn und sein Team kommen ab 18. November acht Kilometer mehr Arbeit zu. Sie betreuen die drei Kilometer der neuen B480 und die fünf neuen Autobahnkilometer der A46.

Ein Hotspot im Winter

„Das hier ist der südlichste Teil unseres Zuständigkeitsbereichs. Oben grenzt unser Distrikt bei Melle an Niedersachsen. Aber dieses neue Stück hat es in sich. Wir fahren auf der höchsten Talbrücke Nordrhein-Westfalens und der Abschnitt stellt auch wegen seiner Lage eine Besonderheit dar“, sagt Goecke. Gemeint ist damit z.B. der künftige Winterdienst an dieser recht steilen Ein- und Ausgangspforte in eine touristisch geprägte Region. „Das wird im Winter einer unserer Hotspots. Wir haben bis zu einhundert Meter Höhendifferenz. Die Brücke wird mit einem Sender ausgestattet, der u.a. Boden- und Lufttemperatur misst und die Daten an die Winterdienst-Zentrale in Hamm weitergibt. Von dort wird dann das Räumen und Streuen koordiniert.“

Hinzu kommt die Topographie, sprich Hanglage. „Die Hangsicherung ist die aufwändigste ihrer Art auf der gesamten A46“, sagt der Fachmann und zeigt auf die unzähligen Gabionen. Kilometerlang reihen sich die mit Naturstein befüllten Drahtkörbe aneinander und türmen sich in exakter Ordnung auf. Die Gabionen-Galerien sind sogar befahrbar – allerdings nur für die Straßenwärter. Einmal im Jahr müssen sie künftig die unzähligen Drainageleitungen spülen. „Wir haben das ja noch nicht gemacht, aber ich denke, damit sind wir eine volle Woche beschäftigt.“

Acht Kilometer mehr Arbeitsfläche bedeuten nicht automatisch mehr Mitarbeiter. „Allgemein wird der Personalbedarf nach dem Bestand ermittelt – also wie viele Kilometer Schutzplanken haben wir, wie viele Brücken, wie viele Grünflächen“, zählt Dierk Goecke auf. Wegen organisatorischer Umstrukturierungen auf Bundesebene bleibt es aber vorläufig beim jetzigen Personalstand. Und das bedeutet, dass sich die Straßenwärter vom Werler Stützpunkt Enste aus zusätzlich um das neue Stück Autobahn kümmern. Jeden zweiten Tag wird die Streckenkontrolle den Abschnitt in Augenschein nehmen. Gibt es Schäden an der Fahrbahn oder an den Leitplanken? Sind Tierkadaver oder geplatzte Reifen zu beseitigen? Wie ist es um die Aufleger der Brücken bestellt? Sind die Wildzäune noch intakt? „Durch das Vorkommen von Wildkatzen haben wir hier ganz besondere Metallgitter, die zum Wald hin abgekantet sind, so dass die Tiere sie nicht überwinden können.“

Wenn die Bankette wachsen

Im Sommer kommen dann Gras-Schnitt und Gehölzpflege hinzu: „Man glaubt es nicht, aber die Bankette entlang der Fahrbahn wachsen von Jahr zu Jahr“, erklärt der Master-Meister – so die genaue Berufsbezeichnung von Dierk Goecke. Im jungfräulichen Zustand der Autobahn sind die Bankette gut und gerne drei Zentimeter tiefer als die eigentliche Piste. Aber Abrieb, Staub und Unkraut lassen die Bankette wachsen. „Der Abtrag kann nicht einfach so deponiert werden. Er muss untersucht werden, ob sich z.B. Öl oder andere Schadstoffe darin befinden.“ Um den ordnungsgemäßen Zustand der Schutzplanken kümmert sich eine Spezialfirma, mit der die Autobahnmeistereien Wartungsverträge haben.

Das gilt übrigens auch für das Entsorgen des Mülls. Die Tonnen an den beiden sogenannten PWCs (Parkplatz mit selbstreinigenden Toilettenanlagen) werden zweimal wöchentlich abgefahren. Die Klos selbst und das Gelände müssen trotzdem von den eigenen PWC-Teams sauber gehalten werden. „Ich habe eine besondere Hochachtung vor den Kollegen, die das machen. Das ist nicht immer angenehm“, sagt Dierk Goecke. Ob die Toilettenanlagen bis zum Autobahnstart fertig werden, wird sich zeigen. Zur Not wird es vorübergehend eine Alternative geben.

Urin statt Fanta

Eigentlich sei es unvorstellbar, was so alles in den Straßengräben lande. Es sei durchaus Absicht, am Autobahnende noch einen Rastplatz vorzuhalten, wo man seinen Müll loswerden und seine Notdurft verrichten könne. „Sonst sähe es neben den Fahrbahnen noch verheerender aus“, sagt Goeke und lenkt den Blick auf leere Fanta-Flaschen. „ Meistens ist das kein Limonadenrest, sondern Urin, den Lkw-Fahrer, die unter einem enormen Zeitdruck stehen, auf die Art und Weise losgeworden sind.“

Zeitdruck ist für den Bau-Ingenieur, der aus einer Straßenwärter-Dynastie kommt (auch Vater und Bruder waren bzw. sind in dem Job tätig) ein Tabu: „Das geht nicht. Bei dichtem Verkehr kann es fünf und auch zehn Minuten dauern, bis ein Mitarbeiter sich auf die Fahrbahn trauen kann, um z.B einen toten Fuchs zu bergen. Da nutzt kein Drängeln. Es ist ganz wichtig, dass die Kollegen sich untereinander gut verstehen und aufeinander aufpassen.“ Denn Sicherheit geht vor und ist nicht verhandelbar.

52 km Autobahn gesperrt

Diese Einstellung hat Dierk Goecke im Februar 2010 zu ungewollter Popularität verholfen: Nach einer Serie von Glätteunfällen und einem Unfall mit Toten war er es, der einen 52 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn 44 zwischen Erwitte/Anröchte und Diemelstadt für mehrere Tage sperrte. „Es gab nicht mehr genügend Streusalz, es gab keine Alternative, ich konnte das nicht mehr verantworten.“

Für die Arbeit seiner Kollegen wünscht sich Dierk Goecke mehr Rücksicht und mehr Verständnis. „Wir wollen niemanden behindern, wir machen nur unsere Arbeit – und ohne die wäre ein sicheres Befahren der Straßen nicht gewährleistet.“

Alle Serienteile finden Sie auf www.wp.de/a46

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