Literatur

Szenische Lesung in der Lok

Bernd Schläger und Christiane Kretzschmar (von links) sorgten mit vielen Textbeispielen dafür, dass das Publikum sichtlich begeistert war. Dirk Mündelein  (rechts) begleitete das Programm musikalisch.

Bernd Schläger und Christiane Kretzschmar (von links) sorgten mit vielen Textbeispielen dafür, dass das Publikum sichtlich begeistert war. Dirk Mündelein (rechts) begleitete das Programm musikalisch.

Foto: WP

Brilon.   Literatur der Kontaktanzeige: Christiane Kretzschmar und Bernd Schläger locken mit humorvollen Texten viele Besucher in die Lok.

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„Habe Häuschen, da würden wir dann leben“, lautete der Titel der szenischen Lesung mit Christiane Kretschmar und Bernd Schläger am Wochenende. Rund 60 Gäste folgten der Einladung von Thomas Mester, BWT-Brilon Kultour, in die Musikkneipe Lokomotive. Die Plätze im Saal waren ausgebucht. Kein Wunder, ging es doch um die wunderbare, oft urkomische Welt der Verpartnerungsprosa.

Es gibt sie noch immer, die Literatur neben der Literatur. Etwa 50 Prozent der Deutschen lesen sie: Die Literatur der Kontaktanzeige. Freiwillig komisch, meistens aber doch unfreiwillig ist sie, „diese wahre Enzyklopädie, randvoll mit Privatem“, so die Verantwortlichen. „Sie ist mehr als Lyrik. Sie spricht von dem was ist, was fehlt und was bitte sein soll und macht aus allen Menschen Autoren und Autorinnen“, klärten Bernd Schläger und Christiane Kretzschmar die Gäste auf.

Kuriose Fakten

Im Mittelpunkt des Programms standen die Annoncen selbst, doch die beiden reicherten sie mit geschichtlichen Hintergründen und allerhand kuriosen Fakten an. So ist beispielsweise am 19. Juli 1695 in einem Londoner Wochenblatt folgende Anzeige erschienen: „Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von ca. 3000 Pfund.“ Der Verleger musste schließlich öffentlich erklären, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.

Seit dem 19. Jahrhundert konnte sich die Prosa der Kontaktanzeigen dann voll entfalten. Heute schreiben die Inserenten, „wie sie sich selbst sehen oder gesehen werden möchten. Hier entwickeln sie ihre ganz eigenen Ideale eines erfüllten Lebens und Liebeslebens“, so die beiden Literaten. Keine leichte Aufgabe, denn dazu müsse sich der Inserent erst einmal im Klaren darüber sein, wer er ist (oder als wer er gerne gesehen werden möchte), was er will, träumt und fürchtet. Die meisten haben zuvor selber viele Kontaktanzeigen gelesen und deshalb „ähneln sie oft nicht mehr dem Menschen, sondern Menschen aus Kontaktanzeigen“.

Die Motive

Bei Kontaktanzeigen gibt es viele Motive. Und so schlängelten sich Christiane Kretzschmar und Bernd Schläger von einem Motiv zum nächsten und wieder zurück. Es geht nicht immer um Geld oder Liebe, heißt es. Da gibt es die Zweckgemeinschaften („Rentner, 80 Jahre alt, sucht Frau ohne Möbel, die zu ihm kommt auf Lebenszeit“ oder „Habe Häuschen, da würden wir leben“) oder die, die sich nach Zärtlichkeiten sehnen: „Schöne Hände, Knackarsch, super Verführer, psychologisch gewandt, sucht …“. Das Publikum und selbst Bernd Schläger konnten sich das Lachen nicht verkneifen.

Eigene Vorlieben

Während heutige Internetanzeigen eher Verkupplungsmaschinen sind, die nach Algorithmen den passenden Partner auswerfen, muss bei Kontaktanzeigen genauestens überlegt werden: Was will ich, was will ich nicht (Beispiel: „Was ich nicht mag: SPD-Wähler, Gläubige, Quälgeister oder Hausdrachen oder pro: Friedensverträge mit den alliierten Siegermächten, zusammen das Finanzwesen reformieren, Vollwertkost, Veganer …“).

„Sie wissen vielleicht, was sie wollen, aber mehr wissen sie, was sie nicht wollen“, so Kretzschmar. Und manch einer macht es sich einfach: „Hänsel sucht Gretel, die Hexe hatte ich schon.“ Auf wen soll das nun passen?

Fazit

Das Publikum war begeistert. Wunderbar! Was für eine Zusammenstellung von urkomischer Partnerbörsenpoesie mit einer glänzenden Auswahl an Textbeispielen und bissigen Kommentaren. Dirk Mündelein sorgte mit seiner Gitarre für das passende Ambiente.

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