Pflege

„Überlegen, was wäre wenn“

Gaby Tingelhoff und Sonja Anders arbeiten in der Seniorenresidenz Brilon und wissen, wie sensibel das Thema Umzug in ein Heim sein kann.

Gaby Tingelhoff und Sonja Anders arbeiten in der Seniorenresidenz Brilon und wissen, wie sensibel das Thema Umzug in ein Heim sein kann.

Foto: Laura Baer

Brilon.   Umzug in Seniorenheim mit Schmerz verbunden. Mitarbeiterinnen der Seniorenresidenz Brilon geben Tipps für sensiblen Umgang mit Thema.

Mit ihren 92 Jahren ist sie bislang noch gut alleine zurechtgekom-men, hegte und pflegte ihren kleinen Garten, kochte sich selber ihr Mittagessen. Dann stürzt sie in der Dusche, muss für wenige Tage ins Krankenhaus. Zurück in ihrer Wohnung bekommt sie Panik. Alleinsein, das geht nicht mehr. Der Umzug ins Heim ist notwendig und überrumpelt ihre Angehörigen und sie dennoch.

So wie der Dame und ihrer Familie im Beispiel geht es vielen, wenn es um den Umzug in ein Pflegeheim geht. Gedanken um Ablauf, Planung und Einzug überfluten die Beteiligten, die Umzugskartons müssen schnell gepackt werden. Doch was soll mit? Was gilt es am Einzugstag zu beachten? Und wie hätte man das Thema vorher ansprechen können, ohne den Angehörigen zu verletzen? Sonja Anders und Gaby Tingelhoff arbeiten im begleitenden sozialen Dienst der Seniorenresidenz Brilon und wissen, wie sensibel das Thema ist.

Wann ist ein Umzug in ein Pflegeheim überhaupt notwendig?

Gaby Tingelhoff: Generell gilt ambulant vor stationär. Betreuungsmöglichkeiten in der Familie, der Nachbarschaft, ambulanter Versorgung oder über 24-Stunden-Kräfte sollten so lange wie möglich genutzt werden, um dem Angehörigen Unterstützung in seinem gewohnten Umfeld zu bieten. Erst wenn all diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, ist es sinnvoll nach Absprache mit dem Angehörigen, der Familie und den Vertrauten über eine Senioreneinrichtung nachzudenken. Mögliche in Frage kommende Einrichtungen sollten vorher gemeinsam besucht werden, um dann den neuen Lebensraum auswählen zu können.

Wer entscheidet darüber, ob ein Angehöriger in ein Pflegeheim zieht?

Sonja Anders: Normalerweise der Betroffene selbst, mit Unterstützung der Angehörigen. Wenn es keine Angehörigen gibt, kann diese Rolle auch ein Betreuer einnehmen. Oftmals entsteht der Erstkontakt für einen möglichen Einzug in eine Senioreneinrichtung über den sozialen Dienst eines Krankenhauses. Der Betroffene und die Angehörigen werden immer mit einbezogen.

Das Thema Pflegeheim wird oft erst angesprochen, wenn ein Umzug schon unvermeidbar ist – wann und wie sollte man das Thema in der Familie ansprechen, ohne dabei den betroffenen Angehörigen zu verletzen?

Gaby Tingelhoff: Rechtzeitige Planung hilft. Wenn das Problem noch gar nicht ansteht, kann man mit dem Angehörigen überlegen, was wäre wenn. Dann ist es einem nicht so fremd, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte. Ein positiver Impuls kann helfen, das Thema anzugehen. Das kann zum Beispiel eine gute Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis des Betroffenen sein. Und mal ehrlich, wer verlässt schon gerne sein Zuhause? Mit Verlust und Schmerz geht das immer einher. Das sollte man dann auch nicht kleinreden, sondern den Angehörigen in seinen Gefühlen wertschätzen und ehrlich miteinander umgehen. Ganz wichtig ist, dass solche Gedanken und Planungen keine Tabuthemen in Familien sind und man sich Zeit für sie nimmt.

Was sollte auf jeden Fall mit in die neue Lebensumwelt einziehen – welche Gegenstände und Erinnerungsstücke helfen zum Beispiel dem Personal einen Zugang zum neuen Bewohner zu finden?

Gaby Tingelhoff: Das sind vor allem biografische Dinge. Wie Bilder, der Lieblingssessel oder Fotos von Familienmitgliedern. Aber auch ganz banale Informationen. Zum Beispiel, ob jemand früher lieber geduscht, oder gebadet hat und welche die Lieblingszahnpasta ist.

Sonja Anders: Wenn uns eine Anfrage bezüglich eines neuen Bewohners erreicht, geben wir auch immer unseren Biografiebogen mit. Den können dann die Angehörigen gemeinsam mit dem betroffenen Familienmitglied in häuslicher Atmosphäre ausfüllen, oder wir erarbeiten ihn später mit dem Bewohner gemeinsam in Gesprächen in seinem Zimmer. Die Informationen bieten biografische Einstiegshilfen für Gespräche mit dem neuen Bewohner, man lernt sich kennen, macht sich vertraut.

Gaby Tingelhoff: Der Biografiebogen bietet viel Platz für Details, die es dem neuen Bewohner ermöglichen, in der Seniorenresidenz seine Gewohnheiten beizubehalten. Zum Beispiel, dass man nicht gerne mit einem großen, sondern lieber mit einem mittelgroßen Löffel isst. Alle Informationen sind natürlich freiwillig und vertraulich. Aber sie helfen uns auch bei der Beziehungsarbeit. Die braucht viel Zeit, Empathie und Wertschätzung.

Wer aufgrund eines Notfalls in ein Pflegeheim kommt, hat meist keine Möglichkeit, den Umzug aus den eigenen vier Wänden selbst zu betreuen. Wie können Angehörige den Betroffenen dennoch mit einbeziehen?

Gaby Tingelhoff: Alle müssen miteinander sprechen und herausfinden, was dem Betroffenen wichtig ist. Manchmal lehnen zukünftige Bewohner auch erstmal alles ab, weil sie denken, dass sie, je mehr Dinge sie hier haben, bleiben müssen. Hier hilft es, dem Betroffenen zu sagen: ‘Alles, was Sie mitbringen, müssen Sie beim Auszug auch wieder mitnehmen.’ So behält er ein Gefühl von Selbstbestimmtheit. Das Mietverhältnis kann von Seiten des Bewohners beziehungsweise des Betreuers auch wieder gekündigt werden.

Was ist besonders in der ersten Zeit nach dem Umzug wichtig?

Sonja Anders: Ein Umzug ist auch nach vierzehn Tagen noch nicht abgeschlossen. Nach der Zeit des Einlebens, entsteht beim neuen Bewohner selbst häufig viel eher der Wunsch, dass er einen bestimmten Gegenstand auch noch gerne in seiner neuen Umgebung hätte. Wenn genau dieser dann schon von der Familie aussortiert wurde, gewinnt der Bewohner den Eindruck, ihm sei etwas weggenommen worden.

Gaby Tingelhoff: Es gibt bei uns keine festen Besuchszeiten. Wir hatten zum Beispiel eine Angehörige, die die ersten Nächte mit dem neuen Bewohner hier verbracht hat. Wichtig ist miteinander im Gespräch zu sein und zu bleiben, die bisherige Zeit zu reflektieren, eine empathische Begleitung zu ermöglichen und Rückzug zu akzeptieren.

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