Trauer

Und zum Abschied läuft „Amazing Grace“

Christiane Kretzschmar hat hauptberuflich einen Bürojob, ist Fraktionsvorsitzende der Briloner Bürgerliste – und Trauerrednerin.

Christiane Kretzschmar hat hauptberuflich einen Bürojob, ist Fraktionsvorsitzende der Briloner Bürgerliste – und Trauerrednerin.

Foto: WP

Brilon.   Christiane Kretzschmar ist Trauerrednerin im Altkreis Brilon. Sie organisiert Beisetzungen für Verstorbene ohne Konfession.

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Sie hat die Wohnung der fremden Frau noch aufgeräumt. Ein bisschen gewischt und staubgesaugt. Sie wollte ihr eine Freude machen. Jetzt sitzen beide Damen auf der Bettkante im Schlafzimmer. Aus dem alten Schallplattenspieler erklingt „Amazing Grace“. Die noch etwas fremde Gastgeberin erzählt: Es ist ihr Lieblingslied und das ihres verstorbenen Mannes.

Zwei Frauen. Sie unterhalten sich. Reden über das vergangene Leben und den Tod. Sie weinen – gemeinsam.

Sterben auf eigenen Wunsch

Christiane Kretzschmar ist Trauerrednerin. Sie organisiert Trauerfeiern für Verstorbene, die keine Konfession hatten. Meist spricht sie mit den Angehörigen. In diesem Fall aber ist es die Dame selbst, die noch zu Lebzeiten mitbestimmen wollte, wie ihre bereits absehbare Beisetzung aussehen solle. Die Dame hatte selbstständig entschieden, auf die lebensverlängernde Dialyse zu verzichten – und zu sterben.

Christiane Kretzschmar verabredet sich mit der Frau, die ihre Hilfe sucht. Ein mulmiges Gefühl habe sie dabei nicht gehabt – im Gegenteil: „Es war so intensiv.“ Und so kommt auch „Amazing Grace“ zur Sprache, es soll auf der Beisetzung gespielt werden.

Kein Beruf für Jedermann

Es ist o.k., dass sie von dieser Begegnung erzählt, sagt Christiane Kretzschmar heute. Eigentlich sei es ja zu persönlich. „Aber die Dame war eine sehr offene Person und fand es in Ordnung, dass ich mit anderen darüber spreche.“ Eine der ersten Begegnungen für die Trauerrednerin.

Vor knapp acht Jahren entschied sich die heute 60-Jährige dazu, konfessionslosen Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Wirklich geplant war das nicht. Auslöser sei unter anderem Uwe Timms Roman „Rot“ gewesen, die Geschichte eines Beerdigungsredners. „Das fand ich ziemlich spannend.“

Die richtigen Worte finden

Eine Ausbildung ist nicht notwendig, als Trauerredner arbeiten könnte jeder, der sich dazu in der Lage sieht: Rituale entwickeln, eine Rede halten, die richtigen Worte finden, einen feierlichen Rahmen schaffen. Ein paar Voraussetzungen seien jedoch wichtig, findet Christiane Kretzschmar – und die habe sie: literarisch, philosophisch und psychologisch.

Zum einen sei sie eine leidenschaftliche Leserin, richtige Worte seien kein Problem. „Bücher sind das Zweitwichtigste in meinem Leben, davor kommen die Kinder.“ Außerdem kommt ihr eine vierjährige gestaltungstherapeutische Ausbildung zugute. Die Arbeit mit trauernden Angehörigen gehört dazu.

Wichtig sei jedoch auch das richtige Maß an Emotionalität – keine Arbeit für Jedermann. Sie selbst schätzt diese „offenen Begegnungen“, sie seien ein Geschenk, nein, das sei zu pathetisch. „Sie sind gut“, sagt sie. Dennoch wahre sie immer eine professionelle Distanz, wenn die Angehörigen über den Tod eines nahestehenden Menschen reden. „Es berührt mich schon, aber es zieht mich nicht runter.“ Gelähmt sein vor Mitleid wäre einfach nicht richtig – sich einfühlen schon.

Die Einmaligkeit herausarbeiten

Generell gehe es nicht darum, bei der Trauer zu helfen, sondern einen würdigen Abschied zu gestalten – „das ist meine Arbeit“. Das Treffen mit Trauernden passiere oft sehr spontan, besonders, wenn es sich um eine Erdbestattung handelt. Meldet sich das Bestattungsinstitut, steht drei, vier Tage später die Beisetzung an. Christiane Kretzschmar kann dann selbst entscheiden, ob sie annimmt oder nicht.

Dann steht das Gespräch an: „In jedem Leben gibt es einen roten Faden, den versuche ich zu finden.“ In ihrer Rede möchte sie später eine Geschichte erzählen können. Die Geschichte, „die die Einzigartigkeit der Person ausgemacht hat“. Den Rahmen bilden die Wünsche der Angehörigen: was muss gesagt, was getan werden?

Ein Abschied hat viele Seiten

Eine Zeit der Besinnung schaffen, Angehörige sprechen lassen, eine Ansprache am Grab, Kerzen anzünden – es gebe viele Möglichkeiten, einen Abschied zu gestalten. Und auch wenn der Verstorbene keiner Kirche angehört hat, lässt die Trauerrednerin die Religion – bei Bedarf – nicht außen vor. Es ist möglich, dass auch Menschen mit einer Konfession durch Trauerredner und nicht durch einen Geistlichen verabschiedet werden.

Nur andersherum gehe es nicht. Wer aus der Kirche ausgetreten bzw. nie eingetreten ist, hat kein Recht auf einen Geistlichen. „Das verstehen viele leider nicht.“ Selbst evangelischen Glaubens, nimmt sie die Kirche in Schutz. „Bin ich in der Kirche, dann muss sie sich bis ins Grab um mich kümmern. Gehöre ich ihr nicht an, dann kann ich das nicht erwarten.“

Bei ihrer Organisation achtet sie auch auf gebührenden Anstand. So müsse zum Beispiel die Musik für sie vertretbar sein. „Jedes Stück geht nicht.“ Doch dann gibt es da auch Werke, die Christiane Kretzschmar nicht mehr aus dem Kopf gehen und die sie in ihre persönliche Plattensammlung aufnimmt – Lieder wie „Amazing Grace“.

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