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Unter Jugendlichen ist das lineare Fernsehen out

Nur zu oft erwischt man sich selbst dabei, einfach ziel- und sinnlos zu zappen. Was bedeutet Fernsehen für euch? Könntet ihr auch vorstellen ohne euren Fernseher zu leben?

Nur zu oft erwischt man sich selbst dabei, einfach ziel- und sinnlos zu zappen. Was bedeutet Fernsehen für euch? Könntet ihr auch vorstellen ohne euren Fernseher zu leben?

Foto: dpa

Brilon.   Fernsehen war früher ein Spektakel. Heute ist das anders. Was sagen Jugendliche aus dem Raum Brilon zum Thema Fernsehen, Netflix und Co.?

Als weißes Huhn verkleidet steht der ehemalige Langzeit-Arbeitslose Jörg Christiani (47) vor einem Supermarkt. Seine ungepflegten, schulterlangen braunen Haare ragen unter der zerfransten Hühnermaske hervor. Seit kurzer Zeit ist er die Werbefigur eines mobilen Brathähnchen-Wagens. Neue Kunden zu werben will ihm nicht ganz gelingen. Zufrieden sieht anders aus. Die Sprecherin aus dem Off sagt jedoch das Gegenteil. Christiani habe „endlich wieder Freude“ bei der Arbeit. Solche Szenen sind nichts Seltenes. In der Realität vielleicht, aber nicht im deutschen Fernsehen.

So war das Fernsehen in den Anfangsjahren

Nach dem zweiten Weltkrieg waren es die Alliierten, die die Hoheit über die Rundfunkpolitik erlangt hatten. Die Medien sollten nicht mehr zur „Gleichschaltung des Volkes“ missbraucht werden, so wie es im zweiten Weltkrieg unter Adolf Hitler der Fall war. Um eine vielfältige Medienlandschaft zu gestalten, wurde das Rundfunksystem an die sektorale Aufteilung der Alliierten angepasst und langfristig in das föderale System eingegliedert. So entstand beispielsweise der Nordwestdeutsche Rundfunk in der britischen Zone und der Südwestfunk in der französischen Zone. 1950 gründete sich die ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland), um den Programmaustausch zwischen den Rundfunkanstalten zu koordinieren. Alle Anstalten produzierten verschiedene Sendungen für den Kanal, der heute „Das Erste“ ist.

In den 50er Jahren war Fernsehen ein Spektakel

Zur ersten Fernsehausstrahlung kam es am 25. Dezember 1952 – von da an täglich von 20 bis 22 Uhr.

Wer in den 50er Jahren keine Freunde hatte, aber plötzlich einen Fernseher, der konnte damit schnell Freunde finden. Fernsehen war ein Spektakel. Zur Tagesschau machten Mann und Frau sich schick, schließlich konnten sie sich nicht sicher sein, ob der Nachrichtensprecher nicht auch die Menschen vor den Bildschirmen sehen konnte. Wie die Technik funktionierte war ein Rätsel. Im Laufe der 50er Jahre wurden Fernsehgeräte durch die Massenproduktion erschwinglich.

20 Jahre später herrschte in Deutschland Vollabdeckung: Fast jeder deutsche Haushalt besaß einen Fernseher.

Das Fernsehen sollte die Bevölkerung bilden

„Re-Education“ hatte oberste Priorität: Fernsehen sollte die Bevölkerung bilden. So wie die Medien im Dritten Reich für die Gleichschaltung benutzt wurden, so sollten sie nun das Gegenteil leisten. Deutschlands Weg zu einer demokratischen Gesellschaftsordnung mit Unterstützung der Medien. Nachrichten, Vorträge, kirchliche Sendungen und Opern sowie Tierfilme und politische Gespräche dominierten das Programm der 50er Jahre. Unterhaltung spielte eine Nebenrolle. Erst mit Sendebeginn des ZDF im Jahre 1963 wurde auch Fernsehunterhaltung populärer. Dass das Publikum Unterhaltungsformate immer stärker nachfragte, gefiel den Fernsehmachern nicht. Der damalige ZDF-Intendant Karl Holzamer beklagte, dass das Publikum nicht den „rechten Gebrauch“ von diesem Medium mache.

Quoten um jeden Preis – das gilt bis heute

Mit der Einführung der privaten Sender (z.B. „RTL plus“) im Jahre 1984 begann eine neue Ära des Fernsehens. Den öffentlich-rechtlichen und durch die Rundfunkgebühr finanzierten Sendern stand das private Fernsehen gegenüber, das auf gute Quoten angewiesen war, um genug Ertrag durch Werbeeinnahmen erwirtschaften zu können. Das private Fernsehen musste sich also etwas einfallen lassen. Quoten um jeden Preis – das gilt bis heute.

Die Zeit des Bildungsfernsehens war vorbei. Bis heute hält sich das duale System gut und es sind Ähnlichkeiten zu erkennen: Nachrichten, Ratgebersendungen, Unterhaltungsshows und Serien haben ihren Platz auf privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern gleichermaßen gefunden. Deutliche Unterschiede zeigen sich jedoch in der Zielgruppe. Aus der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015 geht hervor, dass die Gruppe der 14 bis 29-Jährigen die Funktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zwar als relevant ansieht.

Bildungsauftrag besitzen die öffentlich-rechtlichen Sender noch immer

An den Einschaltquoten erkennt man jedoch, dass dieselbe Gruppe öfter die privaten Sender einschaltet. Fernsehen ist heute eine Tätigkeit von vielen – kein Spektakel mehr, wie damals. Einen Bildungsauftrag besitzen die öffentlich-rechtlichen Sender immer noch. Die Fernsehanstalten müssen sich jedoch mehr als je zuvor um die Aufmerksamkeit der Zuschauer bemühen.

Kreativität und der Absurdität sind keine Grenzen gesetzt

Dabei sind der Kreativität und der Absurdität keine Grenzen gesetzt. Gerade die privaten Sender, allen voran RTL, legen sich dabei mächtig ins Zeug. Man kann nur erahnen wie die Reaktion von Karl Holzamer, der Unterhaltung im Fernsehen schon kritisierte, als das private Fernsehen noch gar nicht existierte, ausfallen würde, wenn man ihm das Nachmittagsprogramm von RTL präsentierte. Aus diesem Nachmittagsprogramm, das wegen seiner Personendarstellungen schon häufiger kritisiert wurde, stammt auch der anfangs erwähnte Jörg Christiani, dem es im echten Leben auf diese Art und Weise vielleicht niemals gelingen würde, Kunden für den Brathähnchen-Wagen zu werben.

Netflix und Fernsehen „on demand“

Gemessen an der Zeit, die jeder Mensch mit dem Konsum von Fernsehinhalten verbringt, hat das Fernsehen nicht an Bedeutung verloren. Trotzdem ist lineares Fernsehen out. Vorbei sind die Zeiten, in denen man zur Primetime vor dem Fernseher sitzen musste, um seine Lieblingssendung nicht zu verpassen. Der heutige Zuschauer möchte Inhalte, aber es soll nicht unausweichlich festgelegt sein, wann und wo er sie rezipiert. In Mediatheken werden heute fast alle ausgestrahlten Sendungen auch online zur Verfügung gestellt oder man schaut die Sendungen direkt auf dem Smartphone. Wem das deutsche Fernsehprogramm nicht zusagt, der wechselt auf Serienportale. Dieser Trend ist besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu beobachten.

Unsere Umfrage bestätigt das.

Carlos (18), Abiturient, Olsberg:
„Fernsehen ist für mich Unterhaltung und Entspannung. Generell findet sich aber nicht mehr so viel Ansprechendes für mich im deutschen Fernsehen, wie man sich das wünschen würde. Hier und da erwischt man mal einen guten Film oder guckt Joko und Klaas mit ihren Shows, aber ich glaube, dass nicht ohne Grund immer mehr Jugendliche auf Serienportale wechseln und da ihren Ersatz zum klassischen Fernsehen suchen.“

Laura (23), Industriekauffrau, Olsberg: „Fernsehen hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren. Selten kommt mal etwas, das ich unbedingt sehen will. Auf Plattformen wie Netflix kann ich mir heutzutage selbst aussuchen, was ich wann sehen will ohne nervige Werbepausen. Ich glaube, ich könnte gut ohne meinen Fernseher leben, es würde vielleicht sogar etwas befreiend wirken.“

Sophia (19), Abiturientin, Brilon: „Fernsehen an sich spielt für mich keine große Rolle. Die meisten Sender zeigen keinen interessanten, wissenswerten Inhalt. Man hat als Zuschauer immer mehr das Gefühl, die Gesellschaft soll durch sinnlose Fernsehsendungen verblöden.“

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