Gericht

Waffen-Tick bringt Sammler in Brilon vor den Kadi

An dieser Polizeisperre endete in Erndtebrück die Flucht des Olsbergers.  

An dieser Polizeisperre endete in Erndtebrück die Flucht des Olsbergers.  

Foto: Matthias Böhl / WP

Brilon/Erndtebrück.  Eine Wohnung voller Waffen und eine filmreife Verfolgungsjagd: Was im Juni so dramatisch wirkte, sah jetzt vor Gericht in Brilon anders aus.

Eine Wohnung voller Waffen und Munition, eine halsbrecherische Flucht vor der Polizei, eine Verfolgung per Hubschrauber und ein Zugriff, bei dem der Verfolgte der festen Überzeugung war, er werde „beim Aussteigen gleich erschossen“: Filmreif, was sich an einem Juni-Vormittag zwischen Olsberg und Erndtebrück abspielte und einen 58-Jährigen für vier Monate in U-Haft brachte. Am Donnerstag stand er in Brilon vor Gericht. Doch da stellte sich vieles anders dar, als es damals schien. Selbst Hans-Werner Schwens, Vorsitzender Richter des Schöffengerichts, fand es in seinem Urteil „bedauerlich, dass alles so gekommen ist.“ Aber er sagte auch: „Ich hätte als Haftrichter damals genauso gehandelt.“

Vieles noch in Originalverpackungen aufbewahrt

Im Lauf der Verhandlung stellte sich schnell heraus, dass der Angeklagte ein nur an der Waffentechnik interessierter Sammler war und mit dem beträchtlichen Arsenal von 48 Kurz- und Handfeuerwaffen, 10 Gewehren, den vier Koffern und einem Tresor voll Munition sowie den rund zwei Kilo Schwarzpulver nichts Böses im Schilde führte. Das ganze Zeug hatte er völlig legal erworben und registrieren lassen - allerdings in der Schweiz, wo er sich ab 2001 beruflich und mit Erstwohnsitz aufhielt. Es war zum Teil noch original verpackt, einen Schuss, sagt er, habe er nie abgegeben: „Dann wäre das für einen Sammler nichts mehr wert.“

Wegen Wohnungsrenovierung Waffen nach Deutschland gebracht

Als seine in der Schweiz angemietete Wohnung renoviert werden sollte, schaffte der 58-Jährige alles zur vorübergehenden Aufbewahrung zu seiner Zweitwohnung in Olsberg: Er wollte vermeiden, dass möglicherweise während seiner Abwesenheit die Handwerker in der Schweiz auf die Waffen stoßen könnten, sagte er am Donnerstag.

Und dann stand auf einmal morgens die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür. Eigentlich waren die beiden Polizeibeamten nur gekommen, um nach sechs Flobert-Waffen zu sehen, kleinkalibrige Pistolen und Gewehre mit geringer Durchschlagskraft, die der 58-Jährige über das Internet bei einem tschechischen Händler für einen Freund in der Schweiz bestellt hatte. Dort kenne man diese Spezies nicht, sagte der Angeklagte. Die Bestellung war dem Bundeskriminalamt nicht entgangen. Das BKA hatte deshalb die Kripo im Hochsauerland informiert. Die mit dem unerwarteten Besuch entstandene Situation, sei seinem Mandanten „völlig irreal vorgekommen“, sagte Verteidiger Dr. Frank Nobis (Iserlohn).

Psychische Störungen beeinträchtigen seit Jahren den Alltag

Auch dafür stellte sich in dem Verfahren ein nachvollziehbarer Grund heraus: Der Angeklagte, Elektroingenieur von Beruf, aber schon seit 2009 im Ruhestand, hat psychische Probleme, er leidet unter anderem an schizoaffektiven sowie dysthymischen Störungen, die es ihm schwierig machen, seinen Alltag in den Griff zu bekommen und sein Leben zu organisieren; ein Gutachter attestierte „schwere depressive Episoden“. Was machte der 58-Jährige beim Anblick der beiden Beamten? Er haute ab. „Wir sahen ihn in einem Passat ohne Nummernschild wegfahren“, sagte einer von ihnen. Auch dafür gab es einen harmlosen Grund: Der 58-Jährige hatte seine beiden in der Schweiz angemeldeten Wagen nach Deutschland mitgenommen. Für beide hatte er ein Wechselkennzeichen, das er je nach Bedarf austauschen konnte. Das befand sich an jenem Tag an dem anderen Wagen. Warum er dann nicht den genommen habe, wollte Richter Schwens wissen. „Ich hatte den anderen Schlüssel in der Tasche“, sagte der Angeklagte.

Mit halsbrecherischem Tempo vor Polizei geflohen

Der 58-Jährige gab Gas, ordentlich: „Ich wollte einfach nur weg.“ Mit teils 141 km/h bretterte er durch Ortschaften, einmal fuhr er in Gegenrichtung durch einen Kreisverkehr und gefährdete dabei mehrere andere Verkehrsteilnehmer, die Flucht ging zufällig Richtung Wittgenstein, ein Hubschrauber nahm die Verfolgung auf, und in Erndtebrück schließlich gelang es der Polizei, den 58-Jährigen mit einer Straßenblockade zu stoppen.

Richter Schwens sagte, dass der Angeklagte weit davon entfernt sei, zu jenen „Irren“, Reichsbürgern oder linken oder rechten Extremisten zu gehören, die derartige Waffen für ihre kriminellen Ziele einsetzen. Das habe er „am Glühen in den Augen“ des Angeklagten gesehen, als er ihn gebeten habe, mal etwas zu den technischen Details der unterschiedlichen Waffen- und Munitionstypen.

„Nicht der typische Angeklagte, der sonst hier sitzt“

Auch Staatsanwältin Sandberg sagte, dass der Angeklagte die Waffen nicht benutzen wollte. Sandberg: „Wir haben es hier mit einem sehr ungewöhnlichen Fall zu tun.“ Der bisher völlig unbescholtene 58-Jährige sei „nicht der typische Angeklagte, der sonst hier sitzt.“ Für den Verstoß gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz sei er voll verantwortlich, für die Flucht und die damit verbundenen erhebliche Verkehrsgefährdung nur eingeschränkt. Ihre Strafforderung: Ein Jahr und neun Monate Haft auf Bewährung und eine Geldauflage von 6000 Euro. Der Verteidiger meinte, dass ein Jahr und drei Monate reichten, die wegen der psychischen Störungen besonders belastend empfundene Untersuchungshaft sei für ihn „mehr als ein Denkzettel“ gewesen.

Waffen im Wert von rund 30.000 Euro eingezogen

Wegen vorsätzlichen Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz, einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen sowie der damit verbundenen Verkehrsgefährdung verhängte das Schöffengericht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, zudem muss der 58-Jährige 4000 Euro an das Kinderhospiz Balthasar in Olpe zahlen. Auf die Rückgabe der konfiszierten Waffen im Wert von rund 30.000 Euro verzichtete der Angeklagte.

Nach der Verhandlung schlossen der Sohn und die Lebensgefährtin des Angeklagten den 58-Jährigen fest in die Arme und bei allen flossen ein paar Tränen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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