Leben mit Behinderung

Warum der Traumjob im Sauerland fast am Rollstuhl scheitert

Nikolai Schneider ist nach einem Unfall gelähmt.

Nikolai Schneider ist nach einem Unfall gelähmt.

Foto: Rita Maurer

Medebach.  Nach einem Autounfall ist Nikolai Schneider gelähmt. Die Jobsuche danach ist zermürbend – bis er sich bei der Firma Köster in Medebach vorstellt.

Fester Händedruck, offenes Lachen. Nikolai Schneider eilt zügig durch die Fertigungshalle, um seinen Arbeitsplatz und seine Aufgaben an einer CNC-Fräsmaschine zu zeigen. Seit anderthalb Jahren arbeitet der 34-Jährige bei der Firma Paul Köster in Medebach in der Zerspanung. Was normal klingt, ist nicht selbstverständlich: Nikolai Schneider sitzt im Rollstuhl. Noch mit 19 Jahren lief sein Leben scheinbar geradeaus: Schule, eine Ausbildung als Mechatroniker, gute Berufsaussichten.

Querschnittslähmung zwischen dem 7. und 8. Brustwirbel

Dann 2004 ein schwerer Autounfall. Querschnittslähmung zwischen dem 7. und 8. Brustwirbel. Rollstuhl. Ein Jahr Krankenhaus, ein weiteres Jahr in Rehakliniken. Nikolai Schneider gibt nicht auf, macht eine Ausbildung als Technischer Zeichner sowie eine Weiterbildung als CNC-Fräser. Und will arbeiten, möglichst mit Metall: „Das ist einfach mein Ding!“

Trotz Fachkräftemangel oft keine Antwort aufs Bewerbungsschreiben

Er verschickt unzählige Bewerbungen. Doch trotz Fachkräftemangel erhält er meistens noch nicht mal eine Eingangsbestätigung zurück: „Man wird nicht mehr gebraucht. Das ist kein gutes Gefühl.“

Im Mai 2017 bekommt die Firma Paul Köster in Medebach seine Bewerbungsunterlagen. Sie telefonieren, im Juni findet das erste Gespräch statt. Personalchefin Hildegard Köster und der Konstruktionsleiter sind von dem zielstrebigen jungen Mann beeindruckt. Sie bieten ihm eine Stelle als Zeichner an einem Büroarbeitsplatz an, der mit vergleichsweise wenig Aufwand rollstuhlgerecht eingerichtet werden könnte.

Und Nikolai Schneider? „Frau Köster, das ist total nett von Ihnen. Aber ich will nicht ins Büro, ich will fräsen!“ Doch wie sollte das an den vorhandenen Maschinen gehen?

Die Firma Köster hatte gerade in eine neue Betriebshalle mit passendem Maschinenpark investiert. Weitere Kosten waren eigentlich nicht drin.

Langwierige Wege über unterschiedlichste Behörden

Nachdem Nikolai Schneider auch während seiner 14-tägigen Probearbeitszeit alle überzeugt, beschließt die Firma Köster, seine Einstellung zu beantragen. Um einen Langzeitarbeitslosen mit Behinderung zu beschäftigen, reicht jedoch nicht nur der gute Wille.

Schwierig sind die langwierigen Wege über unterschiedlichste Behörden, noch dazu über zwei Bundesländer, weil Nikolai Schneider in Hessen wohnt. Anträge, Kostenvoranschläge, Angebote, Bewertungen, Anhörungen, Besichtigungen von Produktionshalle und Maschinen – die Liste des Bewerbungsprozesses ist lang. Dazu kommt meistens als erste Aussage schon bei der Kontaktaufnahme: „Wir sind dafür nicht zuständig!“

Die Beharrlichkeit zahlt sich aus

Immer wieder muss Hildegard Köster an verschiedenen Stellen fristgerecht Anträge mit unzähligen Anlagen einreichen und dann abwarten. Alle paar Tage ruft Nikolai Schneider an und fragt, wie es aussieht. Hildegard Köster erinnert sich lachend: „Zugegeben, manchmal hat es genervt, aber im positiven Sinn. Es hat uns beeindruckt, wie sehr er diese Stelle bei uns haben wollte. Und es hat uns leid getan, dass sich alles so lange hinzog. Es liegt nicht unbedingt daran, dass eine Firma keinen Mitarbeiter mit einer Behinderung einstellen will, sondern dass es ihr von behördlicher Seite so schwer gemacht wird. Schön wäre ein fester Ansprechpartner, der den Unternehmen Hilfestellung geben kann, sie bei der Einhaltung von Vorschriften und Gesetzen unterstützt und die richtigen Ansprechpartner vermittelt, so dass schneller Entscheidungen getroffen werden können.“

Elf Monate im Kampf mit der Bürokratie

Nach elf Monaten Kampf mit der Bürokratie geben alle zuständigen Stellen grünes Licht, die Firma Köster schafft eine auf Nikolai Schneider angepasste CNC-Fräsmaschine vom Typ DMU50 an. 57000 Euro gibt es als Zuschuss, 130000 Euro trägt die Firma selbst. Zusätzlich wird noch der Umbau von Sanitäranlagen und Türen gefördert. Nach fast einem Jahr kann Nikolai Schneider seinen Arbeitsvertrag bei der Firma Köster unterschreiben – unbefristet. Seit April 2018 arbeitet er nun im regulären Zweischichtbetrieb und versteht sich sehr gut mit seinen Kollegen: „Er ist ein guter Typ, immer gut drauf und passt bestens hier rein.“

Und was sagt Nikolai Schneider? „Ich kann endlich arbeiten wie jeder andere. Ganz normal eben.“

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