Altkreis.

Wie frei ist der Wille in der letzten Stunde?

Altkreis.  Wer entscheidet über das Ende eines Lebens? Und vor allem: Wer darf den Wunsch nach dem Tod unterstützen? Die Mehrheit der Deutschen will ihr Lebensende selbst bestimmen, zum Beispiel mit privaten Sterbehilfevereinen. Viele Politiker haben Angst, dass der Tod durch Sterbehelfer kommerzialisiert wird. Derzeit läuft eine Diskussion über Sterbehilfe. Bis 2015 soll eine klare Linie her, denn bislang ist aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten. Wir haben einen Arzt, einen Pfarrer und eine Mitarbeiterin des Hospizdienstes nach ihren persönlichen Ansichten zu dem sensiblen Thema gefragt.

Pfarrer Richard Steilmann


Leiter des
Pastoralverbundes Bigge Olsberg


„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Und diese Würde beginnt mit der Befruchtung von Ei und Samenzelle und endet mit dem Tod des Menschen. Und diese Würde gilt es zu respektieren und darf nicht ausgehöhlt werden. Kein Mensch darf sich selbst zum Richter über Leben und Tod machen. Dies steht nur Gott zu. Daher ist für mich viel wichtiger, Menschen im Sterbeprozess menschlich und medizinisch zu begleiten.

In unserer Gesellschaft wird das Sterben immer weiter verdrängt. Es passt nicht mehr in unsere Gesellschaft. Für mich als Priester ist wichtig, das Thema Sterben und Tod mit in mein Leben hineinzunehmen, mit ihm zu rechnen und nicht aus dem Leben zu verbannen. Irgendwann trifft es ja jeden.

Ich habe vier Jahre in Altenhundem als Seelsorger neben einem Hospiz gelebt. Viele Menschen habe ich dort bis zum Eintritt des Todes begleitet. Sie waren dankbar, dass ich mit ihnen gebetet, ihnen die Krankensalbung gespendet und mir Zeit für sie genommen habe. Das waren für mich als Seelsorger wichtige Erfahrungen.

Viele Menschen klammern sich selbst im Sterbeprozess an jedem Strohhalm, der ihnen geboten wird. Menschliche Nähe und Zuwendung erleichtern es einem Sterbenden, den Tod anzunehmen. Er spürt, ich bin nicht allein. Für mich darf es nicht um die Frage gehen, ob wir das Leben mit einer Tablette beenden dürfen.

Wichtiger ist für mich der Ausbau der Palliativmedizin, um es dem sterbenden Menschen zu ermöglichen, ohne Schmerzen und in Würde zu sterben.

Dies ist heute möglich. Denn viele Menschen haben Angst vor einem schmerzhaften Sterbeprozess. Diese Angst können wir einem Sterbenden durch menschliche Zuwendung und durch den Ausbau der Palliativversorgung nehmen. Beides gehört für mich ganz eng zusammen.

Jesus Christus sagt: „Ich war krank und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25,36). Das heißt, kranke und sterbende Menschen nicht allein zu lassen, sondern sie zu begleiten und ihnen besonders in den schweren Stunden helfend zur Seite stehen.

Die erfahrene menschliche Zuwendung kann den Sterbenden vor bedrückender Einsamkeit schützen und ihm helfen, seine Krankheit anzunehmen. Damit zeigen wir, dass er auch im Sterben eine Würde hat.

Barbara Günster


Engagiert sich in der Sterbebegleitung beim Hospizverein Brilon


„Mein Wunsch wäre, dass die Zeit und Energie, die jetzt in die Sterbehilfe-Diskussion gesteckt wird, einer Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung zukäme.

Nach unserer Erfahrung bei der Hospizarbeit plagt die Sterbenden zweierlei: einmal die Angst vor unerträglichen Schmerzen und dann die Angst, einsam, allein, verlassen zu sterben. Genau hier setzt die Hospizarbeit an.

Wir begleiten die Sterbenden in ihrer letzten Phase so, wie diese es wünschen. Und wir setzen uns ein für flächendeckende Palliativversorgung, an der hier noch einiges verbessert werden kann.

Wir helfen beim Sterben, nicht beim Töten. Wenn jeder wüsste, dass er am Ende seines Lebens eine ausreichende Schmerzversorgung, eine gute Pflege und eine liebevolle Begleitung erwarten kann, hätten sich die allermeisten Wünsche nach Sterbehilfe erledigt. Wie am Anfang unseres Lebens sind wir auch am Ende auf fürsorgliche Mitmenschen angewiesen. Daran mangelt es, nicht an Gesetzestext.“

Dr. Martin Rörig


Arzt aus
Marsberg




„Unter anderem durch die Fortentwicklung der Medizin drängt sich die Diskussion über die verbotene aktive Sterbehilfe auf.

In unserer Gesellschaft ist diese Diskussion über Jahrzehnte mit einem aus der Zeit des Nationalsozialismus stammenden Tabu belastet gewesen. So wurde über Sterbehilfe allenfalls im Vier-Augen-Gespräch mit Patienten oder unter Arztkollegen gesprochen.

Andere Gesellschaften, allen voran die Niederländer, haben die Diskussion schon früher geführt und haben ein mehr oder weniger gut funktionierendes System etabliert.

Parallel dazu hat sich unbemerkt von Vielen die Palliativmedizin entwickelt, die aktive ganzheitliche Behandlung von Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen und einer begrenzten Lebenserwartung. In der palliativen Betreuung werden Schmerzen, Ängsten, sozialen und spirituellen Problemen die höchste Priorität gegeben. Gerade im Hochsauerlandkreis hat sich ein für andere Regionen beispielhaftes Netzwerk von Ärzten, Krankenkassen und sozialen Diensten entwickelt.

Meine persönliche Meinung zur aktiven Sterbehilfe lautet also: Je mehr und besser wir die hausärztliche heimatnahe palliative Versorgung entwickeln, je selbstverständlicher sie in unseren Alltag integriert wird, um so unwichtiger wird die Diskussion um die aktive Sterbehilfe. Das zeigt auch das Beispiel der Niederlande. Hier gehen die Zahlen der aktiven Sterbehilfe mit der Verbesserung der Palliativmedizin erheblich zurück.“

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