Handwerk

Wie Raphael Jürgens Orgeln von Staub und Schimmel befreit

Orgelbauer Raphael Jürgens bringt die Orgel in der Bigger St.-Martinus-Kirche wieder auf Vordermann.

Orgelbauer Raphael Jürgens bringt die Orgel in der Bigger St.-Martinus-Kirche wieder auf Vordermann.

Foto: Thomas Winterberg

Bigge.   Der Sauerländer Raphael Jürgens ist Orgelbaumeister. Mit 13 Jahren hört er fasziniert die Orgel in der Bigger Kirche. Jetzt restaurierte er sie.

Handarbeit, die von Herzen kommt und etwas mit Seele erschafft. So lassen sich die Tätigkeiten im Orgelbau beschreiben. Es gibt kaum einen Beruf, der handwerkliches Geschick, Kreativität und Musikalität so perfekt vereint.

Als 13-jähriger Messdiener hört Raphael Jürgens Bachs Toccata in d-moll in der Bigger Kirche und ist fasziniert. Als er wenig später die Melodie einfach so nachspielt, wird der Organist der Gemeinde auf ihn aufmerksam. Frage: „Woher kannst Du das?“ Antwort: „Nach Gehör.“ Der Kantor bietet Raphaels Eltern an, dem Jungen Klavierunterricht zu geben. Doch die Welt der Töne fasziniert ihn mehr als die der Noten. Über ein Praktikum kommt der Bigger zu seinem Traumberuf. Heute ist er Orgelbaumeister und darf exakt das Instrument wieder klanglich aufpolieren, von dem er damals seine erste Toccata gehört hat.

In Einzelteile zerlegt und verpackt

Sie liegen in Holzkisten wie Handelsware aus Übersee. Gestapelt, beschriftet, gut verpackt: „Mixtur“, „Prinzipal“ oder „Vox Humana“ steht auf den Kartons, in denen sich die Pfeifen der Bigger Kirchenorgel befinden: 1730 Metall- und Holzflöten, die richtig eingesetzt selbst die Engel zum Lachen und Weinen bringen können.

Weil der Zahn der Zeit an der Königin der Instrumente genagt hat, sind ihr quasi ein paar Zacken aus der Krone gebrochen. Sie muss komplett überholt werden. Seit dem 2. Januar hat die Kirchengemeinde sie den Händen von Raphael Jürgens und seinem befreundeten Kollegen Heinz Schlüter anvertraut. Zu Ostern wird sie wieder „auferstehen“ und als erstes Lied das Gloria der Osternacht intonieren.

Instrument mit einem sehr weichen Klang

„Es ist wirklich ein wunderschönes Instrument mit einem sehr weichen Klang und einer langen Geschichte“, erzählt der 44-jährige Orgelbaumeister, der sein Handwerk u.a. in Höxter, Schmallenberg und Ludwigsburg erlernt hat. In den 1780-er Jahren fertigt der hessische Baumeister Johann-Markus Oestreich die Orgel für St. Martinus in Bigge an. Nur drei seiner „Kinder“ sind heute noch gut erhalten. Und auch die Bigger Orgel muss im Zweiten Weltkrieg einen Granateneinschlag wegstecken. Mit einfachen Mitteln wird sie damals zunächst wieder nutzbar gemacht. „Der Spieltisch war nicht mehr integriert. Er stand frei und beinhaltete eine elektronische Steuerung für die Luft-Freigabe des Ventils, also für die Ton-Erzeugung“, erklärt der Fachmann.

Gewicht einer Tafel Schokolade

Wer selbst schon mal eine Orgeltaste bedient hat, der weiß, dass vielen Organisten bei dieser Technik die sensorische Rückmeldung fehlt. Beim Klavier würde man von Anschlagdynamik und Expression sprechen. Und weil es in Bigge ausgewiesene Freunde der Kirchenmusik gab und gibt, setzt sich ein Förderverein damals zum Ziel, das wertvolle Instrument zu rekonstruieren. Die Umrüstung auf mechanische Schleifladen und Traktur übernimmt im Jahr 1989 die Firma Fischer und Krämer aus Endingen am Kaiserstuhl. Seitdem haben die Bigger ihre alte, neue Orgel wieder.

Vor einigen Jahren Stock- und Schimmelflecken

„Ich kenne das Instrument und habe es in der Vergangenheit immer wieder kontrolliert, gewartet und gestimmt. Vor einigen Jahren haben wir erste Stock- und Schimmelflecken entdeckt. Als dann ohnehin die Kirchenrenovierung anstand, hat die Gemeinde beschlossen, die Orgel komplett zu reinigen“, erklärt Raphael Jürgens.

Schimmel ist ein großes Problem

Schimmel in Orgeln ist ein weit verbreitetes Problem, das vermutlich auch mit hohen Temperaturschwankungen in Kirchenräumen zu tun hat.

Mit einem Hochdruckreiniger ist eine Reinigung bei so einem filigranen Instrument aber nicht getan. Register für Register werden die Pfeifen ausgebaut. Manche sind wenige Millimeter klein, manche meterlang. Je kleiner die Pfeife, desto höher der Ton, desto kniffliger das Säubern mit Pinseln, Zahn- und Flaschenbürsten. „Mit einem Spezialsauger wurde der gröbste Dreck herausgefiltert. Aber der Schimmel saß nicht nur an den Oberflächen, sondern auch an den Mundlöchern, also in den Kernspalten der Pfeifen“, erklärt der 44-Jährige. Bei den Holzflöten zum Beispiel kommen spezielle Lösungsmittel zum Einsatz, die die Holzporen zum Reinigen öffnen. Andere Mixturen sorgen dann dafür, dass die Wunden der „Operation am offenen Herzen“ wieder versiegelt werden.

Orgelpfeifen in festgelegter Reihenfolge eingesetzt

Nach dem Reinigen – das betrifft auch die Holzstangen, die über ein verzweigtes Geäst von der Taste bis unters Ventil reichen – werden die Orgelpfeifen in genau festgelegter Reihenfolge wieder eingesetzt.

Jede Pfeife, jedes Register braucht erst einen „Vordermann“, bevor es an die nächste hintere Reihe geht. Das hat klangliche Gründe. In die Hand nehmen darf der Orgelbauer die Pfeifen beim Stimmen auch nicht, denn schon die Erwärmung auf Körpertemperatur hat eine ganz neue Tonhöhe zur Folge.

Jeden einzelnen Schritt zu erklären, würde den Rahmen sprengen. Aber jedes Ziegenlederteilchen, jedes Ventil, jede Schraube, jede Pfeifenkerbe hat irgendwie Auswirkungen auf den Klang. Die Metallpfeifen bestehen aus Zinn- und Bleilegierungen. Je mehr Zinn, desto schärfer und obertonreicher ist der Klang. Je mehr Blei, umso fülliger und weicher ist der Sound. Beim Nach-Intonieren sorgt Raphael Jürgens dafür, dass die Orgel wieder einen in sich stimmigen Klang bekommt, dass kein Ton lauter als der andere, keine Pfeife dominanter als die andere ihres Registers ist. Beim Stimmen geht es dann final darum, die Tonhöhen der einzelnen Flöten zu regulieren, Schwebungen im Ton auszugleichen.

Wie Automechaniker

„Ein Orgelbauer ist wie ein Automechaniker. Er macht die Motorhaube auf und weiß eigentlich, wo was ist, denn vom Prinzip her sind alle Orgeln ähnlich aufgebaut“, sagt Raphael Jürgens. Die Bigger Orgel hat er nicht gebaut. Hier geht es darum, ihr ihren individuellen Klang zu erhalten und mit Fingerspitzengefühl das zu bewahren, was andere geschaffen haben. Noch mehr Freude macht es aber, seine eigene Orgel zu bauen und die eigene Handschrift hörbar zu machen – dank Händen, Herz und mit viel Seele.

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