Kinderkrankheit

Windpocken sind mehr als nur lästige rote Punkte

Seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission des RKI die Impfung gegen Windpocken.

Foto: Lukas Schulze

Seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission des RKI die Impfung gegen Windpocken. Foto: Lukas Schulze

Medebach.   Ungewollt zwei Wochen schulfrei: Schon beim Verdacht auf Windpocken muss das Gesundheitsamt den Schulbesuch verbieten

Zwei Wochen schulfrei außerhalb der Ferien – Philipp machte das gar nicht glücklich. Der 13-jährige Medebacher bekam im Dezember ein Schulbesuchsverbot für 16 Tage. Wie auch vier seiner Mitschüler. Angestellt hatte Philipp nichts. Der Grund war ein ganz anderer: In seiner Klasse gab es einen Windpocken-Verdachtsfall. Und weil Philipp und vier andere Kinder diese Krankheit entweder noch nicht durchgemacht oder keinen vollständigen Impfschutz dagegen hatten, durften sie die Schulräume vorerst nicht mehr betreten. Anordnung des Gesundheitsamtes.

Ob das nicht ein wenig übertrieben sei, fragten sich daraufhin Philipps Mutter und Stiefvater, Christiane Steinmann-Brehmeier und Uwe Steinmann. Er sagt: „Wir sind keinesfalls Impfgegner.“ Der Junge habe alle Impfungen, die aus Sicht der Erziehungsberechtigten nötig seien: Tetanus, Polio und so weiter. Aber Windpocken? „Ich finde, manches entspringt auch einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis“, formuliert es der Pfarrer diplomatisch. Das Verbot habe Philipp getroffen: Er verpasste nicht nur Klassenarbeiten, sondern auch die Weihnachtsfeier – und noch schlimmer: das Fußballspielen.

Schwere Komplikationen möglich

„Dass diese Regeln hin und wieder zu Irritationen führen, kann ich verstehen“, sagt Dr. Peter Kleeschulte, Leiter des Gesundheitsamtes des HSK. „Aber das Infektionsschutzgesetz schreibt es so vor, und das ist auch sehr sinnvoll.“ Denn was gemeinhin als Kinderkrankheit gelte, sei nicht immer harmlos. „Varizellen sind enorm ansteckend, verbreiten sich praktisch wie der Wind – daher auch ihr deutscher Name. Und schon zwei Tage, bevor sie die ersten Symptome spüren, sind Erkrankte ansteckend.“ Oft verläuft die Krankheit im Kindesalter harmlos. Aber bis zu fünf Prozent der Patienten erleiden laut Robert-Koch-Institut (RKI) Komplikationen, die bis zu Lungenentzündung, Herz-, Nieren- und Nervenschäden führen können. Dass die Krankheit mit steigendem Lebensalter schwerwiegender verläuft, weiß Kleeschulte aus eigener Erfahrung. „Richtig krank“ sei er gewesen, als es ihn selbst als Erwachsener erwischte. Ansonsten sind wie so oft die Schwächsten am gefährdetsten: Neu- und Ungeborene und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) des RKI daher, schon Babys gegen Varizellen zu impfen. Die Impfung kann aber auch bei Älteren nachgeholt werden – sogar noch nach dem Kontakt mit einem Erkrankten. „Das haben wir allen Betroffenen in diesem Fall auch empfohlen“, sagt Dr. Kleeschulte. An dem Schulbesuchsverbot hätte das Nachholen allerdings nichts geändert. „Die Wirkung tritt frühestens nach 14 Tagen ein.“ Keine Chance auf Schule, Fußball und Weihnachtsfeier also für den weiterhin putzmunteren Philipp. Er bekam stattdessen Unterrichtsmaterial und Aufgaben von einem Freund nach Hause gebracht.

Verbote kommen öfter vor

Wie oft genau ein Besuchsverbot von Gemeinschaftseinrichtungen – so der korrekte Begriff – pro Jahr ausgesprochen wird, dazu hat Kleeschulte keine Zahlen. „Aber das kommt im HSK mehrmals im Jahr vor“, nicht selten seien Varizellen die Begründung. Außerdem gibt es noch 20 weitere Erkrankungen, bei denen ebenfalls der Verdacht ausreicht, um einer Person den Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen zu verbieten. Neben Pest, Cholera und anderen auch für Laien bedrohlich klingenden Übeln findet sich auf dieser Liste des RKI auch nahezu die komplette Reihe der klassischen Kinderkrankheiten: Masern, Mumps, Scharlach, Keuchhusten, Windpocken. 21 Krankheiten umfasst die Liste und wer eine davon hat oder möglicherweise hat, darf keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen. Das ist konsequent.

Weniger konsequent findet Philipps Stiefvater Uwe Steinmann die Tatsache, dass ihn niemand gefragt hat, ob er selbst die Windpocken schon hatte oder dagegen geimpft ist. Immerhin gibt er Religions- und kirchlichen Unterricht – und unterrichtet mehrmals wöchentlich genau dieselben Schüler, die sein im selben Haus lebender Stiefsohn nicht mehr treffen durfte. Für die Viren wäre der Umweg also denkbar kurz gewesen. Das sieht auch der Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes so: „In diesem Fall hätten diese Fragen gestellt werden müssen. Wenn das nicht geschehen ist, ist da was durchs Netz gegangen.“

Nicht konsequent ist auch die Tatsache, dass – Immunität hin oder her – von einem Besuchsverbot alle ausgenommen sind, die vor 2004 geboren wurden. Warum? Die Impfempfehlung der STIKO gibt es erst seit 2004. Wer älter und nicht geimpft ist, dem kann, überspitzt ausgedrückt, deshalb kein Vorwurf gemacht werden. Daher die Stichtagsregelung – nicht logisch, aber formal in Ordnung. Pech für Philipp, der im November 2004 geboren wurde.

Trotz solcher Schwachstellen steht Dr. Kleeschulte hinter der bestehenden Regelung. „Die Varizellen ernst zu nehmen und ihre Ausbreitung zu verhindern, ist sehr, sehr sinnvoll. Man sollte mögliche Folgeerkrankungen nicht provozieren.“ Eine Impfpflicht gebe das Grundgesetz nicht her. „Nicht zu impfen ist, wie im Winter mit Sommerreifen Auto zu fahren. Man darf das tun, trägt aber eben die Konsequenzen.“

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