Brutale Historie

Hexen in Winterberg: Das Erwürgen galt noch als Gnade

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Laut einem Hexenexperten wurden besonders im kurkölnischen Sauerland verhältnismäßig viele Hexen verbrannt.

Laut einem Hexenexperten wurden besonders im kurkölnischen Sauerland verhältnismäßig viele Hexen verbrannt.

Foto: imago stock

Winterberg.  Im Sauerland wurden sogenannte Hexen brutal gefoltert und schließlich verbrannt. Hexenexperte Joachim Nierhoff zur Verfolgung in Winterberg:

Was heute unvorstellbar ist, war damals in einigen Regionen gang und gäbe: Die Verfolgung von Menschen, denen man Hexerei vorwarf. Am Ende stand so gut wie immer, der Tod der beschuldigten Männer und Frauen. Es müssen schaurige, alpraumhafte Szenen gewesen sein, die sich damals auf dem Winterberger Richtplatz abgespielt haben. Das lodernde Feuer, die Schmerzensschreie der unglücklichen Frauen und Männer, die geifernenden und entsetzten Blicke der Schaulustigen.

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Neid und Missgunst

Nach dreieinhalb Jahren Recherche und vielen Blicken in ein finsteres Kapitel der Geschichte hat der 74-jährige Drolshagener Autor Joachim Nierhoff das Sachbuch „Hexenverfolgung im Sauerland – Dramatische Prozesse und bewegende Schicksale“ veröffentlicht und sich dabei auch mit der Hexenverfolgung in Winterberg beschäftigt.

Das Thema Hexen lässt den ehemaligen Buchhändler und Lehrer nicht mehr los, wie er im Gespräch mit der WP mitteilt. Zunächst hätten ihn die typischen Vorurteile beziehungsweise Klischees zu Hexen interessiert. Keineswegs ist hierbei nur die klischeebehaftete Kirche ein Organ der Verfolgung, sondern viel Neid, Missgunst, Unwissenheit und Habgier der Bevölkerung der Auslöser. Auch vom Bild der „Hänsel und Gretel-Hexe“ muss schnell abgerückt werden: 75 Prozent der Beschuldigten waren Frauen, aber auch 25 Prozent Männer und Kinder jeder Altersgruppe, die Opfer schwerer Gewaltdelikte wurden.

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Impotenz als Auslöser

Besonders im kurkölnischen Sauerland wie beispielsweise in Brilon, Meschede, Medebach und Winterberg lag einer der „Hotspots der Hexenverfolgung“, berichtet Nierhoff. Besonders schlimm sei es in den Jahren 1590, 1626 bis 1632 und 1660 zugegangen. Mehr als 25.000 Menschen starben im Deutsche Reich nach Folter und Prozess auf dem Scheiterhaufen. Mindestens 50 Mal wurden in Winterberg dabei vermeintliche Zauberer und mehr noch Zauberinnen hingerichtet. Circa 2000 Unschuldige wurden in der gesamten Region getötet.

Einmal in den Fängen der damaligen Justiz, gab es so gut wie kein Entrinnen mehr, berichtet Nierhoff. Und es konnte jeden treffen, die Verfolgungen gingen durch alle Bevölkerungsschichten. Aus Lästereien konnte schnell eine Hysterie werden. Dabei spielte der Aberglaube eine große Rolle. „Man hat beispielsweise der Nachbarin, die man nicht leiden konnte vorgeworfen, sie habe die Kuh verhext, weil diese nicht mehr genügend Milch gegeben habe“, sagt Nierhoff. Auch für die Impotenz des Gatten oder Missernten machte man andere Unglückliche verantwortlich. Die Folgen waren fatal.

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Schwere Folterungen

Hatte es der sogenannte Hexekommissar auf einen abgesehen, war es zu spät. Auf die Verhaftung folgten Befragungen und Folter. Wobei man den Delinquenten zunächst nur das Arsenal an Folterinstrumenten vorführte, wie beispielsweise die Daumenschrauben oder die Streckbank. Reichte das noch nicht aus, machte sich der Folterknecht ans Werk. Besonders grausam: das so genannte Aufziehen. An den auf dem Rücken gebundenen Händen, wurden die Personen an einem Gerüst so in die Höhe gezogen, dass die Arme über den Kopf gerieten und oft ausrenkten. Reichte dieser Grad der Tortur immer noch nicht zum Geständnis, wurde das Aufziehen dadurch verschärft, das schwere Gewichte an die Füße gehängt wurden. Im letzten Grad erfolgte beim Aufziehen eine zusätzliche Steigerung der Qual durch erneutes Anlegen von Daumen- und Beinschrauben.

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Gnade durch Erwürgen

Am Ende stand fast immer der Tod im Feuer. Zeigte der Hexenkommissar oder Scharfrichter „Erbarmen“, wurde man kurz vor dem Entzünden des Feuers erwürgt. Manche bekamen „aus Gnade“ ein kleines Säckchen Schwarzpulver umgebunden, um die Qualen zu verkürzen. Doch das gab es in der Regel nicht umsonst, wie Nierhoff betont, sondern musste bezahlt werden. Ebenso wie die Verköstigung der Prozessbeteiligten, die während der Prozessphase Unmengen von Wein tranken. Auch Transport der Gefangenen und sogar das Holz für die Verbrennungen wurden den Angehörigen der Verurteilten in Rechnung gestellt, sagt Nierhoff. Das die Hexenverfolger oftmals ein großes Interesse an einem Todesurteil hatten, wird besonders an deren „Bezahlung“ deutlich. Denn bei einer Verurteilung zum Tode erhielten die Schergen zehn Gulden, beim Urteil Landesverweis nur fünf. Ein Freispruch kam sowieso so gut wie nie vor.

Verhandelt und abgeurteilt wurde wohl in der Regel am Freigericht Medebach. Beim „Winterbergischen Halsgericht 1532“ kam es zum erste Urteil in einem westfälischen Hexenprozess. Das letzte Hexenurteil im kurkölnischen Sauerland wurde im Jahr 1728 ausgesprochen. In Winterberg wurde Anna Maria Rosenthal hingerichtet. Bis heute gibt es in anderen Regionen der Welt immer noch Hexenverfolgungen mit tödlichem Ausgang.

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