Streitsucht

Wo im Hochsauerland die Wut wohnt

Soooo streitbar sind die Sauerländer gar nicht:

Soooo streitbar sind die Sauerländer gar nicht:

Foto: Uli Deck/dpa

Hochsauerland.  Jeder vierte Bürger im HSK war 2017 in einen Rechtsstreit verwickelt. Das entspricht einer Quote von 25,4 Prozent; in Berlin sind es 31,2 Prozent

Jetzt wissen wir, wo in Deutschland die Wut wohnt: Der Berliner streitet sich am häufigsten. Der Westfale und der Hamburger folgen gleichermaßen auf Platz 2. Aber: der Hochsauerländer liegt sich weitaus seltener gerichtlich mit einem Kontrahenten in den Haaren als der Olper. Wo so etwas nachzulesen ist? In „Deutschlands Streitatlas 2017“. Das ist die Neuauflage einer großangelegten Studie mit Ergebnissen aus 2016, die erstmals 2013 von „Advocard“, dem Rechtsschutzversicherer der Generali in Deutschland, erhoben wurde.

Streitaufkommen ist gestiegen

Laut der Studie ist das Streitaufkommen vor Gericht bundesweit binnen eines Jahres um 2,8 Prozentpunkte auf 25,1 Prozent gestiegen. Das bedeutet: 25,1 Streitfälle je 100 Einwohner. Berlin liegt bei 31,2 Prozent, NRW und Hamburg landen bei jeweils 28,8 Prozent, Bayern als offenbar besonders „zahmes“ Bundesland bei 25,1 Prozent und der HSK bei 25,4 Prozent. Das bedeutet, jeder vierte Einwohner im Hochsauerland war 2017 in einen Rechtsstreit verwickelt. Das sind 3,6 Streitfälle mehr als noch 2014. Bei den Olpern waren es aktuell 31,3 Streitfälle im Märkischen Kreis 30,2.

Die Ursachen für Rechtsstreitigkeiten sind vielfältig. Sie lassen sich jedoch in fünf Ursachenfelder abstecken, auf denen Streit besonders gut gedeiht. Auf Platz 1 steht das Privatleben (38 Prozent im HSK, bundesweit 40,1 Prozent) mit all seinen Facetten, an zweiter Stelle folgt der Straßenverkehr (30,7 Prozent im HSK und 27,9 Prozent bundesweit). Und das Arbeitsumfeld belegt den dritten Platz (13,4 Prozent bundesweit, 14,2 im HSK).

Männer oft auf Krawall gebürstet

Männer sind laut der Studie offenbar viel mehr auf Krawall gebürstet als Frauen. Über zwei Drittel aller Streitigkeit (im HSK sind es sogar fast Dreiviertel) werden demnach von Männern ausgetragen. Die Generali meint dazu: „Auch wenn der biologische Beweis bisher fehlt: Das Streit-Gen scheint auf dem Y-Chromosom zu liegen.“ Ein differenziertes Bild ergibt sich, wenn man die Geschlechter getrennt betrachtet: Verkehrsstreitigkeiten sind bei Männern (bundesweit 30,6 Prozent) weitaus häufiger der Grund für Konflikte als bei Frauen (22,4 Prozent). In der Mitte des Lebens scheint den Deutschen nicht nur die Midlife-Crisis, sondern auch die Mid-Streit-Crisis zuzusetzen. Menschen zwischen 46 und 55 Jahren streiten sich statistisch gesehen am häufigsten.

Vielleicht landen die meisten Fälle inzwischen vor Gericht. Oder aber in Wirklichkeit ist der Hochsauerländer doch gar nicht so streitsüchtig, wie die Statistik es im ersten Moment aussehen lässt. Richard Müller ist Schiedsperson im Stadtgebiet Olsberg. „Das hat stark abgenommen. Hatten wir früher jeden Monat zwei Fälle, sind es heute pro Jahr vielleicht noch fünf“, sagt der ehrenamtliche Streitschlichter, der das Amt seit 17 Jahren bekleidet. Beleidigungen, üble Nachrede oder leichte Körperverletzungen waren früher weitaus eher an der Tagesordnung. „So etwas haben wir jetzt kaum noch.“

Weniger Ärger mit dem Nachbarn

Was ihm auch noch aufgefallen ist: Streitigkeiten unter Nachbarn, die früher jahrelang, ja selbst über Generationen hinweg geschwelt haben, gibt es heute nicht mehr. „Ich glaube, dass die Leute eher gesprächsbereit sind. Und: Viele verlassen morgens das Haus und kommen abends erst wieder – es gibt weniger Reibungspunkte.“ Durch die moderne Arbeitswelt sei das Zusammenleben ganz unbewusst anonymer und weniger streitanfällig geworden. Zum Einsatz kommt der Schiedsmann heute noch, wenn der berühmte Apfelbaum über Nachbars Zaun wuchert. „Aber 90 Prozent aller Fälle schließe ich mit einem Vergleich ab.“

Mit einem Anstieg von Streitfällen kann auch der Sprecher des Landgerichts in Arnsberg, Dr. Johannes Kamp, nicht dienen. 2012 gab es einmal einen großen Zulauf mit knapp 2000 zivilen Strafsachen. Ansonsten sind es im Schnitt zwischen 1600 und 1700 pro Jahr.

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