Städtepartnerschaft

Arnsberg: Warum Erika Hahnwald Ehrenamt im Blut hat

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Die Stimme der Städtepartnerschaft

Die Stimme der Städtepartnerschaft

Erika Hahnwald ist das Herz und die Seele der Städtepartnerschaft zwischen Arnsberg und Olesno. Ihr größter Wunsch in Worte gefasst.

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Arnsberg.  Erika Hahnwald: Die Seele der Städtepartnerschaft zwischen Arnsberg und Olesno (Polen). Mit dieser Zeitung sprach sie im Porträt über das Warum.

Juli 2019. Stühle kreuz und quer. Zwischen ihnen stehen Menschen. Viele Menschen. Vorne ein Altar. Zwei Geistliche sind da. Ein gewöhnlicher Gottesdienst unter freiem Himmel, stünden die Stühle nicht zwischen Gräbern - auf einem Friedhof. Traditionell findet jedes Jahr ein deutscher Gottesdienst an der jahrhundertealten Annakirche in Olesno statt. Im Freien. Ungewohnt. Wie die Schrotholzkirche selbst. Sie ist eines der wertvollsten Denkmäler Polens und wird “in Holz verzauberte Rosenberger Rose” genannt. Zweieinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte. Viele Menschen sind da. Aus Olesno, aber auch aus Deutschland.

Olesno, das frühere Rosenberg

An diesem historischen Ort, im Schatten eines Baumes, sitzt Erika Hahnwald aus Arnsberg. Gierskämpen. Ihr macht die Hitze zu schaffen. Die Sonne knallt. Der Trubel ist anstrengend. Dennoch will sie diesen Tag nicht verpassen. „Ich habe noch nie Männer so inbrünstig singen hören, wie 1992 an der Annakirche“, sagt sie. “Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich das Lied höre”. Deshalb sei es für sie immer Pflicht, zu diesem Gottesdienst zu gehen.

Damals, so erzählt sie, sei es das erste Mal gewesen, dass die Rosenberger nach Olesno zurückkehren konnten. Die Atmosphäre ist einzigartig. Ebenso wie die Beichtstühle, die außerhalb der Kirche stehen. Auch im Freien. Wer hier beichtet, lässt alle Menschen um sich herum daran teilhaben.

Symbol der Städtepartnerschaft

Heute sitzt sie wieder unter einem Baum. Im Halbschatten. Ihr weißes Haar glänzt im durchdringenden Licht. Sie ist entspannt. Trotz Hitze. Den malerischen Treffpunkt in den Bürgergärten Arnsberg hat sich die 79-Jährige nicht zufällig ausgesucht. Denn hinter ihr wurde ein neues Bäumchen gepflanzt. Ein Bäumchen, das ewig an das 30-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Arnsberg und Olesno erinnern soll.

Auch in Olesno vorm Rathaus gibt es ein solches Bäumchen. Gepflanzt vor 10 Jahren. Es soll als Symbol für die wachsende und sich vielfältig verzweigende Partnerschaft gesehen werden.

Erika blickt für diese Zeitung auf ihr Lebenswerk zurück. Sie spricht besonnen, dennoch voller Euphorie. Ihr gesamtes Herzblut steckt in diesem Projekt. Und das bereits seit 30 Jahren. Das Besondere an dieser Partnerschaft sieht sie in der Geschichte selbst. „Diese Partnerschaft folgte einer Patenschaft“, erklärt Erika, „Arnsberg war vorher die Patenstadt der Rosenberger“.

Am 20. März 1956 beschließt der Rat der damaligen Stadt Arnsberg, die Patenschaft über die Vertriebenen aus der Stadt Rosenberg, dem heutigen Olesno, zu übernehmen. Ziel ist, den vertriebenen Landsleuten eine Heimat zu geben. Irgendwann habe der damalige Pfarrer in Arnsberg angeregt, der Patenschaft eine Partnerschaft entspringen zu lassen. Mit Erfolg.

30-jähriges Jubiläum

1992 unterzeichneten Renate Schaub (Arnsberg) und der damalige Bürgermeister von Olesno den Partnerschaftsvertrag. Erika Hahnwald, damals Ratsmitglied der Stadt Arnsberg, ist dabei. „Ich bin die einzige, die von damals noch lebt. Deshalb bin so stolz drauf, dass ich dieses Jubiläum noch mitmachen durfte“, sagt sie.

Sie erinnert sich noch genau an den Abend am See, nahe dem Kiefernwald. “Da war so eine Datsche. Daneben eine große freie Fläche. Da haben wir ausgelassen gefeiert. Einer war dabei, der hatte einen Bauernhof. Spontan holte er Pferd und Kutsche und fuhr mit uns Weibern überall rum”, so Erika. Heute sei das undenkbar.

Die gelernte Fotolaborantin zieht 1969 gemeinsam mit ihrem Ehemann aus Bielefeld nach Arnsberg. Sie mag das Persönliche. Die zwischenmenschlichen Freundlichkeiten des Alltags. “Das war so schlimm. Du kommst in einen Ort, wo dich niemand kennt und du niemanden kennst. Niemand grüßt dich”, so Erika. Für ihren offenen und herzlichen Charakter ein Desaster.

„Rose von Olesno“

Ihren Beruf kann sie in Arnsberg nicht ausüben, bleibt für die Familie daheim - für ihren Mann und ihren Sohn. Zehn Jahre später kandidiert sie zum ersten Mal für den Rat der Stadt Arnsberg. Ohne Erfolg. Sie wird sachkundige Bürgerin. 1984 kandidiert sie erneut. Sie ergattert einen Ratssitz. Zur stellvertretenden Bürgermeisterin wird sie 1994. 20 Jahre bleibt sie es.

“Das hat mir nicht unbedingt geholfen”, erzählt Erika bezogen auf die Städtepartnerschaft. “Wer kennt hier vor Ort schon eine Partnerschaft? Man kennt ja nur die Dinge, mit denen man zusammenkommt”. Sie dreht sich um. Blickt auf das Bäumchen. „Deshalb möchte ich auch das Schild am Baum haben“. Es sei unterwegs.. “Ich bin nicht gern im Mittelpunkt, es geht mir in erster Linie um die Städtepartnerschaft ”, sagt Erika. Stolz auf ihre Auszeichnungen ist sie trotzdem. Denn 2006 erhält sie den Ehrenring Olesnos (heute “Rose von Olesno“). 2012 wird sie Ehrenbürgerin. “Daran sieht man, dass die Partnerschaft wie auch meine Arbeit gewürdigt wurden”.

Olesno ist zweites Zuhause

Doch das schönste Geschenk, dass sie jemals bekommen habe, sei 2006 gewesen. “Ich bekam das Bundesverdienstkreuz und der damalige polnische Bürgermeister war dabei. Er brachte mir als Geschenk ein großes Plakat aus Olesno mit - mit allen Unterschriften der Personen, die mich kannten oder die ich kannte”, sagt sie, “Komm erstmal auf so eine Idee. Das ist einmalig”. Erikas Augen funkeln. „Olesno ist mein zweites Zuhause!“

Dieser Ideenreichtum ist es, der Erika überzeugt. Diese Mentalität, eben nicht mit einer 0815-Urkunde um die Ecke zu kommen. Sie schwelgt in Erinnerungen. Weiß gar nicht, wo sie zu erzählen anfangen soll. Sie liebt das Herzliche der Menschen in Olesno. Das Gastfreundliche. Und auch die spontane Feierlaune.

„Ich glaube, das ist es auch, was meinem Mann damals so gefallen hat“, sagt sie. Heute sei es ihr Sohn Jens, der jährlich mit nach Olesno fährt, so die Witwe. Sie schätzt, dass sie schon 30 Mal in Olesno war. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, sondern jedes Jahr ein anderer hingefahren wäre, hätten die Kontakte und Partnerschaft nicht so aufgebaut werden können“, sagt Erika.

Bürgermeister stellte sich in die Mitte des Saals und sang

„Im Laufe der Jahre hat man doch eine ganze Reihe Aktivitäten auf die Beine gestellt. Aber das klappte auch nur, weil man so viele kannte“. Erika meint zum Beispiel die Fotoausstellung, die sowohl in Olesno als auch in Arnsberg stattgefunden habe. Die Fotos aus Olesno habe sie vom Haus- und Hoffotografen des Rathauses erhalten. Man kannte sich. Gleichzeitig habe man Fotos aus Arnsberg nach Olesno geschickt.

Erika erinnert sich an ein Abendessen mit dem Bürgermeister der Stadt Olesno, seiner Frau und die ungarische Delegation. Denn Olesno hat auch eine Partnerschaft mit der ungarischen Stadt Salakarnos. „Wir waren auf der einen Seite und auf der anderen Seite des Saals war eine Familienfeier. Der Bürgermeister stellte sich in die Mitte und fing an zu singen. Alle standen auf und sangen mit“, erzählt sie. „Kennen wir hier nicht. Wir feiern hier anders“.

Interkultureller Austausch unter Jugendlichen

Es sind die Menschen, die Erika am Herzen liegen. Der europäische Gedanke des Zusammenhalts. Der interkulturelle Austausch. Sie wünscht sich, dass Kinder und Jugendliche aus beiden Städten sich kennenlernen, beispielsweise durch die Schulpartnerschaft zwischen der Agnes-Wenke-Sekundarschule und der Hedwig-Schule.

Vor allem aber wünscht sie sich, dass, auch wenn sie es nicht mehr kann, sie Partnerschaft genauso intensiv weitergeführt wird. „Ich bin mir aber sicher, dass unser Bürgermeister Ralf Paul Bittner die Städtepartnerschaft zwischen Arnsberg und Olesno auch zukünftig tatkräftig unterstützen wird“, so Erika.

Sie lebt für die Zwischenmenschlichkeit. Fürs Miteinander. Und das nicht nur in Olesno. Denn auch in Arnsberg hinterlässt Erika Spuren. Ob als Vorsitzende des Vereins zum Jugendtreff Gierskämpen oder als Mitbegründerin des Arnsberger Frauenhauses. Auch da ist sie mit Herz und Seele dabei. Denn Erika hat das Ehrenamt im Blut.

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