Neheim. Das Homeoffice ist mittlerweile salonfähig. Hat das Büro noch eine Zukunft? (Innen-)Architektin Sabine Keggenhoff aus Neheim wagt einen Ausblick.

Die Corona-Pandemie hat das Homeoffice für viele Arbeitsbereiche salonfähig gemacht. Hat das Büro überhaupt noch eine Zukunft? Die (Innen-)Architektin Sabine Keggenhoff aus Neheim meint: Ja! Im Interview erklärt sie, wie diese aussehen könnte.

Wie viel Zeit Ihres Lebens haben Sie schon in einem Büro verbracht? Gehen Sie gerne ins Büro?

Sabine Keggenhoff: Ich habe in meinem Leben bisher sehr viel Zeit und Leidenschaft in meine Arbeit, in unser Büro investiert. Gemeinsam mit Michael Than habe ich „Keggenhoff & Partner“ 2001 gegründet, um unsere Vision von Innenarchitektur und Architektur zu entwickeln. Im Büro bin ich gerne. Ich liebe das Symbiotische, die tagtägliche Bewegung zwischen den beiden Berufsfeldern, die wir in unserem Portfolio vereinen. Ich bin dankbar für die ständige Abwechslung, die immer neuen Impulse, die wir dann als „Manager von Veränderungen“ in den Raum tragen.

Durch die Corona-Pandemie wurde das Homeoffice in vielen Arbeitsbereichen salonfähig. Zunächst wurde der Küchentisch zum Schreibtisch umfunktioniert, später haben sich einige Menschen ihr eigenes Büro zu Hause eingerichtet. Warum brauchen Unternehmen künftig noch eigene Büros?

Es hat sich das Bewusstsein verstärkt, dass Büros vor allem Orte der Begegnung sind. In der Vergangenheit hatte sich dies schon durch die allgegenwärtige Digitalisierung und die Art des Umgangs in virtuellen Sphären offenbart. Die Pandemie wirkt hier wie ein Brennglas. Haben sich Angestellte temporär und extrem flexibel in der Distanz eingerichtet, das Agieren in digitalen Meetings professionalisiert, spüren wir mittlerweile auch die Auswirkungen. Der Zufall hat in Videokonferenzen einfach weniger Platz, Innovation in Break-out-rooms weniger Resonanzraum. Wir erinnern uns nun, dass Arbeitsraum auch Lebensraum ist, in dem wir einen Großteil unseres Tages verbringen. Als Innenarchitektin kann ich den Wert von gestalteten, physischen Orten lancieren. Dabei geht es mir vor allem um die Potenzialentfaltung der Nutzer, die eine angemessene Qualität im gebauten Raum hervorrufen kann, wenn sich Menschen wohl und willkommen fühlen. Gute Innenarchitektur schafft unverwechselbare und auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnittene Innenräume. Gezielte Gestaltung beruht auf fundierten Erkenntnissen, ist niemals Zufall, findet aufgabenbezogen ihre Anwendung. Basierend auf innenarchitekturtheoretischen Grundlagen definiert sie ein gestalterisches Gleichgewicht, das die Kompositionen der menschlichen Sinneseindrücke in Einklang bringt.

Mehr aus unserer Serie „Wie wir uns Wiedersehen – Begegnungen im Wandel

Vor Corona lagen Großraumbüros im Trend. Derzeit gilt eher: Abstand halten, individuelle Arbeitsplätze und strenge Hygienemaßnahmen. Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf die Raumgestaltung?

In den letzten fünfzehn Jahren haben sich die Büros bereits von den Großraumarbeitsbereichen der Vergangenheit wegentwickelt. Die Arbeitswelt war schon lange vor Beginn der Pandemie im Umbruch. Die Forschung hatte ergeben, dass das eigentliche Ziel der offenen Flächen, mit ihrem Verzicht auf Grenzen zur Förderung von Kommunikation und Transparenz, Mitarbeitende mehrheitlich zum Gegenteil motiviert. In einem komplett offenen Raum schafften sich Angestellte eigene Grenzen mit der Konsequenz, dass Interaktionen und Austausch, Motor von Kreativität und Innovation, signifikant abgenommen haben. In der Durchsetzung neuer, sich verändernder Gewohnheiten spielt die Innenarchitektur eine maßgebliche Rolle. Büroräume definieren den Rahmen für Begegnung und Austausch, sie manifestieren die Unternehmens- und Arbeitskultur. Dass sich die für die Pandemie charakteristischen Kontaktregeln dauerhaft in Grundrissen manifestieren, bezweifle ich. Ich gehe aber davon aus, dass sich durch diese kollektive Erfahrung die Werte bzgl. unserer Arbeitswelten weiter verschieben und neue Lösungsansätze bewirken. Menschen sind im Kern soziale Wesen, ausgerichtet auf den Wunsch eines sozialen Miteinanders. Neue Technologien werden dies in seiner Grundsätzlichkeit nicht verändern.

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Unternehmen sehen das Büro gerne als Treffpunkt von Kreativität und Innovation. Welche Bedürfnisse haben Mitarbeiter heutzutage und wie können diese gestalterisch umgesetzt werden?

Es gibt nicht den einen Mitarbeitenden, die eine Arbeit, das eine Bedürfnis – auch nicht den einen Arbeitgeber oder das eine Unternehmen. Im Gegenteil: Unsere Gegenwart ist geprägt von Komplexität, Individualität und Gleichzeitigkeit. Dies ist eine wesentliche Erkenntnis auf dem Weg zu besseren Räumen. Ich schließe mich den Voraussagen führender Köpfe der Trendforschung an, dass Raumangebote der Arbeitswelt von Morgen vielfältiger werden. Eine Bandbreite von Zweipersonenbüro bis virtuellem Konferenzraum wird nebeneinander und miteinander existieren. Das Angebot wird hybrid verfügbar und insgesamt zielgerichtet personalisierbarer sein. Dadurch werden sie für die Nutzer unter anderem individueller und empathischer. Gestaltungsparameter sind dabei nicht standardisierbar. In der Entwicklung solcher Unternehmensumfelder empfehle ich ausdrücklich die Expertise von gut ausgebildeten, erfahrenen und progressiv denkenden Experten. Sprechen sie uns gerne an (lacht).

So will Sabine Keggenhoff aus Neheim die Kreativität der Mitarbeitenden fördern

Wie kann eine passende Raumgestaltung das kreative und innovative Denken der Mitarbeiter fördern? Reichen ein bequemes Sofa und ein Kickertisch aus?

Einzelne solcher Maßnahmen mögen oberflächlich Abhilfe schaffen, treffen jedoch den Kern nicht. Einzelobjekte, besitzen kaum das Vermögen impulsgebende Potenziale im Raumgefüge nachhaltig zu aktivieren. Sie nutzen sich ab, sind eher kurzfristig wirksam. Innenarchitektur mit Einrichtung zu verwechseln, kennzeichnet eine Thematik, mit der unsere Fachdisziplin wiederholt und fehleingeordnet konfrontiert wird. ‚Loses Mobiliar‘ ist ein Fragment der Innenarchitektur, nicht mehr, nicht weniger. Dessen Einsatz allein reicht nicht aus. Innenarchitektur ist eine Gesamtkomposition, wie in der Musik. Innenarchitektur beruht immer auf einer ganzheitlichen, intensiven Analyse-, Recherche- und Entwurfsphase, die im Zusammenspiel vieler Fragmente die Substanz eines Unternehmens erfasst und räumlich abbildet. Es liegt in der Verantwortung der Unternehmensführung individuelle, Konzepte zu initiieren, um den Kreativitäts- und Innovationsfluss der Mitarbeitenden zu fördern. Neben den dafür umfassenden Komponenten, kann Raum außerdem sinnbildlich den Unternehmenskern transportieren, um identifikationsbildend zu wirken. Wie eingangs erwähnt, ist eine intensive Analyse des Unternehmens immer eine unabdingbare Voraussetzung, um von einer „passenden“ Raumgestaltung zu sprechen. Denken Sie hier beispielhaft an einen Maßanzug für den im Vorfeld ebenfalls der gesamte Körper betrachtet wird.

Kreative Vielfalt: Ein Blick auf die gesammelten Inspirationsquellen der Neheimer (Innen-)Architektin.
Kreative Vielfalt: Ein Blick auf die gesammelten Inspirationsquellen der Neheimer (Innen-)Architektin. © Keggenhoff und Partner | Keggenhoff und Partner

Welche Trends in der Bürogestaltung werden sich in den kommenden Jahren weiter entwickeln?

Technologische Innovationen im Bereich der Akustik als Grundlage für einen anregenden Austausch oder auch Nachhaltigkeit und Wohngesundheit werden weiter massiv an Präsenz gewinnen. Die Gesellschaft zeigt sich heute sensibler was einen gerechten Zugang zum Arbeitsmarkt angeht, dementsprechend sind z. B. Barrierefreiheit, Personalisierbarkeit oder Mehrgenerationen-Arbeit einige präsente Themen. New Work und Digitalisierung sind im Kontext der Bürogestaltung immer noch Schlagworte der Stunde. Dabei gilt: je digitaler unsere Welt, desto besser muss die analoge gestaltet werden.