Voßwinkel. Gerd Wiedemann ist der Nikolaus. Und zwar nur der, nicht der Weihnachtsmann. In der Tagespflege spielt sein „Goldenes Buch“ eine Rolle

„Das Hörgerät gehört ins Ohr, sonst kommt einem vieles spanisch vor“, sagt der Nikolaus und schaut humorvoll streng durch den Raum. Seine Augen stoppen bei einer Dame. „Jawoll“, sagt sie und lacht.

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Der Mann mit langem Bart und spitzer Mitra, gekleidet in Rot und sachtem Beige, trägt sein Goldenes Buch fest am Körper. „Diese Mappe ist schon 40 Jahre alt“, sagt er, „schon ein wenig ramponiert.“ Aber nach wie vor das Highlight des Nikolaustages. Denn in ihm stehen die ganzen Informationen. Charaktereigenschaften - natürlich positive.

Das Goldene Buch ist rund 40 Jahre alt. Es unterstützt Gerd Wiedemann bei seiner doch recht spontanen und aus dem Bauch heraussprudelnden Performance.
Das Goldene Buch ist rund 40 Jahre alt. Es unterstützt Gerd Wiedemann bei seiner doch recht spontanen und aus dem Bauch heraussprudelnden Performance. © WP | Thora Meißner

Den Bischofsstab hält er fest in der rechten Hand. Diesmal sind es keine Kinder in Unterkünften für geflüchtete Menschen, die er besucht. Diesmal gibt es kein ukrainisches Ständchen, wie einen Tag zuvor. Diesmal erntet Gerd Wiedemann (69), der seit mehr als 15 Jahren in dieser Kostümierung steckt und als ehrenamtlicher Nikolaus unterwegs ist, Kaffee und Kekse, die ein oder andere humorvolle Anekdote und vor allem: fröhliche Gesichter.

Nikolaus besucht Caritas-Tagespflege „Alter Hafen“ in Voßwinkel

13 Damen und Herren sitzen im Kreis vor der selbst kreierten Krippe in der Tagespflege „Alter Hafen“ in Voßwinkel. Vor der Krippe, die sich über einen großen Gemeinschaftstisch zu ziehen scheint. Liebevoll und handversehen in Szene gesetzt. Und mit ihnen auch die Caritas-Tagespflegeleiterin Sabine Charles. Sie freut sich besonders über die gelungene Überraschung. Denn dass sie der Nikolaus besucht, hat sie nicht verraten. Umso größer das Staunen, als sich die Tür öffnet und er inmitten der Gruppe Platz nimmt.

Sabine Charles, Leiterin der Tagespflege „Alter Hafen“, freut sich darüber, dass der Nikolaus Zeit gefunden hat, die älteren Damen und Herren zu besuchen.
Sabine Charles, Leiterin der Tagespflege „Alter Hafen“, freut sich darüber, dass der Nikolaus Zeit gefunden hat, die älteren Damen und Herren zu besuchen. © WP | Thora Meißner

Ehrenamt bedeutet Freude zu schenken und auch mal zurückzubekommen.
Gerd Wiedemann, alias Nikolaus

Ein Gast spricht ihm bekannte Textstellen mit. Eine Dame scheint an den vom langen Bart verdeckten Lippen des Nikolauses zu kleben. Wendet ihren Blick nicht ab. Ein anderer Herr schaut konzentriert auf die Adventskerze, die in der Mitte des Raumes einen kleinen Tisch ziert. Und wieder ein anderer summt Reime. Und der Nikolaus? Absolut in seinem Element. Zwar gibt es keine Süßigkeitentütchen oder Schokonikoläuse, aber das scheinen auch gar nicht die Erwartungen der Gäste zu sein. Sie freuen sich.

„Ehrenamt bedeutet Freude zu schenken“

Der immer lächelnde, stille Kümmerer des „Alten Hafens“; die, deren Glas immer halb voll ist; der, der oft von seiner Gitarre in die Tagespflege begleitet wird; die, die sich auch heute noch um Haus und Hof kümmert und auch der, der den Dingen immer auf den Grund geht - sie alle genießen es. Und bevor Letzterer auch nur ein Wort sagen kann, kommt ihm Gerd Wiedemann voraus: „Ehe er mich fragt - ich bin nicht der Echte!“ Alle lachen. „Vor allem aber bin ich nicht der Weihnachtsmann, wie ich immer gerne erkläre.“

Zum Abschied schüttelt der Nikolaus jedem einzelnen Gast die Hand und bedankt sich für den Empfang.
Zum Abschied schüttelt der Nikolaus jedem einzelnen Gast die Hand und bedankt sich für den Empfang. © WP | Thora Meißner

Auch für Gerd Wiedemann ist dieser Moment ein besonderer, denn „Ehrenamt bedeutet Freude zu schenken und auch mal zurückzubekommen“, sagt er. Und auch, wenn er die ganze Woche unterwegs ist, so wird er nicht müde. „Ich hoffe, dass ich noch lange so fit bin und das machen kann“.