Mittwochs-Interview

Aufforderung zum Schreiben

Beatrix Schulte liest im Hofcafé in Sundern

Foto: Beate Feische

Beatrix Schulte liest im Hofcafé in Sundern Foto: Beate Feische

Sundern.   Der Nerv der zuhörer im Hofcafé in Sundern war getroffen, Beatrix Schulte brachte die Diskussion ums Schreiben richtig in Gang, obwohl sie lesen wollte.

Ein Buch, das nicht auffordert zu lesen? Beatrix Schulte riss bei ihrer Lesung im Hofcafé in der Röhre die Zuhörer mit. Jedoch nicht mit der Aufforderung, ihre Texte zu lesen, nein, sie las die Aufforderung, selber zu schreiben. Damit traf sie den Nerv der Zuhörer, die spontan begannen, über den Sinn des Schreibens zu diskutieren und sogar ihre innersten Gedanken und Gefühle im Zusammenhang mit der eigenen Erfahrung dazustellen und zu erzählen. Unsere Zeitung sprach mit der Autorin.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich habe mit elf Jahren ein Tagebuch angefangen. Später dann Philosophie, Spanisch und Pädagogik studiert und das persönliche Schreiben eingestellt. Doch dann schenkte mir meine Schwägerin das Buch „Der Weg eines Künstlers“. Es lag lange im Schrank, bis ich es herausholte, las und den Weg gehen wollte. Und das Buch „Schreiben in Cafés“ von Natalie Goldberg hat mich dazu bewegt, wirklich dort zu schreiben.

Sie haben das Tagebuch der Wünsche verfasst. Haben Sie es selber ausgefüllt und sich ihre Wünsche erfüllt?

Ja. ich möchte es eigentlich zeigen, kann es aber nicht, denn dort stehen meine Wünsche. Aber wenn ich mir vorstelle, was sein soll, verwirklicht sich dieser Wunsch. Das habe ich selber erfahren und ich schreibe sie bis heute auf. Dies war meine erste Lesung, ich hatte mir vor langer Zeit aufgeschrieben, wie sie werden soll – und genauso war es. Unser Problem ist oft, das wir in Problemen denken und nicht in Zielen. Wenn wir unsere Ziele definieren, erfüllen sie sich auch.


Haben Sie noch weitere Bücher verfasst?

2004 habe ich „Lebe gelassen“ geschrieben und darin einen 10-Punkte-Plan erstellt. Dinge, die man loslässt, und Dinge, die man aufbaut. Zusammen mit Margit Müller-Frahling erarbeite ich Sachbücher z.B. über Schwangerschaft oder Bewegung. Dabei übernehme den psychologischen Teil.


Möchten Sie Menschen zum Schreiben anregen?
Ja, in jedem Fall, jeder kann das. Dazu brauchte man in der Schule nicht gut zu sein. Jeder sollte probieren, einfach drauf los zu schreiben. Nicht poetisch, das muss nicht sein, das kann ich auch nicht. Einfach aufschreiben, was einen im Moment bewegt. Jeder Mensch kann schreiben, jeder hat einen Künstler in sich, jeder hat auch einen Zugang zu der Kunst.


Welche Voraussetzungen sollte ein Mensch haben, wenn er schreibt?
Neugierig sein und wachsen wollen. Sein Leben nicht als etwas statisches betrachten sondern immer wieder neu über sich hinauswachsen zu wollen.


Sie waren viel auf Reisen und haben in Cafés geschrieben, was bringt ihnen so eine Reise?
Ganz klar: Ich musste hier weg! Das kann ich nicht Zuhause. Wenn ich mich ganz auf das Thema schreiben einlassen will, dann muss ich in die Fremde. Dabei fahre ich so ungern mit dem Auto, und dann auch noch nach Spanien. Aber dort wollte ich hin, diesen Traum hatte ich immer, denn dort habe ich ein halbes Jahr nach meinem Abitur verbracht. Du lebst jeden Tag viel bewusster, wenn du reist. Zur Erklärung: Es war jetzt aber Pauschalreise. Ich habe mir eine Wohnung in Girona in der Altstadt genommen und musste klar kommen. Dann entdeckt man sich selbst neu, ohne Termindruck der beim Schreiben stört.


Haben Sie ein Lieblings-Café?
In Spanien ja. Da war ich im Café Katalan, in meinem Buch schreibe ich auch darüber. Jeden Morgen kam dort die gleiche Männergruppe hin. Ältere Männer, angezogen wie Prinzen, wie Kaiser, die kamen nacheinander, jeden Morgen in der Woche. Sie lächelten mich an, bestellten immer das Gleiche, Cafe y vaso. Es war köstlich, ich habe mich immer hinter sie gesetzt und sie beobachtet.


Zurück in die Heimat: Sie haben einen Raum im Berghaus, dem Haus der Künstler in Stockum, gemietet. Was bedeutet Kunst für Sie?
Ich habe den Beruf Autor anfangs nie als Kunst gesehen. Das Schreiben Kunst ist, habe ich erst mit dem Buch verstanden. Was ich geschrieben habe, habe ich als selbstverständlich genommen, doch es ist etwas Schöpferisches. Dass ich auf einem leeren weißen Blatt etwas erarbeite, das ist Kunst. Das machten die Maler im Berghaus auch, und das macht Anja Honert mit Ton. Das Berghaus war ein ganz wichtiger Schritt für mich. Ich kannte Elke Frommhold nur von den Kommentaren, die sie mir unter meine Blogs im Internet geschrieben hat und habe sie dann in ihrem Atelier besucht. Als ich diesen Raum sah, habe ich gedacht: Du musst dem Schreiben einen Raum geben.


Wie sehen Sie die Zukunft?Schreiben Sie gerade an etwas?
Es steht schon wieder etwas Neues an. Wir möchten ein Trauertagebuch herausbringen. Zur Kreativität möchte ich gerne noch etwas machen und Silence writing Partys geben. Es gärt, es kommt zum Leben. Ich möchte auch über Café-Besitzer schreiben. Diese Menschen haben alle eine besondere Geschichte. So sehe ich meine Zukunft weiter im kreativen Schreiben.

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