„Zuhause Gut“

Autismus: Verein plant Ort für ein Leben ohne Leidensdruck

Im Verein „Zuhause gut“ planen Eltern autistischer Kinder die Schaffung eines Lebens-, Wohn- und Arbeitsortes für ihren erwachsenen Nachwuchs.

Im Verein „Zuhause gut“ planen Eltern autistischer Kinder die Schaffung eines Lebens-, Wohn- und Arbeitsortes für ihren erwachsenen Nachwuchs.

Foto: Martin Haselhorst

Arnsberg/Wickede.  Eltern im Verein „Zuhause Gut“ planen eine passgenaue Einrichtung für ihre autistischen Kinder zum perspektivischen Wohnen, Leben und Arbeiten.

Hinter jeder Biografie steckt eine Leidensgeschichte. „Unsere Kinder müssen sich permanent krumm machen, um zu funktionieren“, erzählen die Eltern. Sie leben seit Jahren mit autistischen Kindern und sorgen sich um ihre Zukunft in einem selbstbestimmteren Leben. Im Verein „Zuhause Gut“ haben sich Betroffene aus Arnsberg, Wickede und der Region zusammengeschlossen, um sich auszutauschen und vor allem Perspektiven für ihren Nachwuchs zu entwickeln.

Passgenaue Hilfsangebote fehlen

Diese gibt es derzeit nämlich so gut wie nicht. „Es mangelt an der Passgenauigkeit von Hilfsangeboten“, wissen Karsten und Antje Voß aus Herdringen. Eines ihrer 15-jährigen Zwillinge ist Autist. Beide engagieren sich im Vorstand des Vereins. Und der hat ein klares Ziel: Geschaffen werden soll ein Ort, der den Kindern nach der Schule ein Leben als Erwachsene ermöglicht. Ein Ort zum leben, wohnen und arbeiten - außerhalb des eigenen Elternhauses. Ein Ort für ein selbstbestimmtes Leben, wie es sich alle Eltern für ihre Kinder irgendwann wünschen.

Ein anderer Ort

So anders die Autisten sind, so anders wird dieser Ort sein müssen. Ein Ort, der Rücksicht auf das Wesen der erkrankten Menschen nimmt, wenn sie sich an Regeln klammern, von Unerwartetem irritiert fühlen, sich an einmal begonnenen Tätigkeiten krampfhaft wiederholend festhalten, von gefühlter Reizüberflutung gequält werden, körperliche Nähe nicht ertragen und dringend Rückzugsräume brauchen. „Bei Autisten besteht einfach diese große Kluft zwischen den sozialen Erwartungen und den eigenen Fähigkeiten“, beschreibt Christoph Meinschäfer aus Neheim, der einen erwachsenen autistischen Sohn hat. Verstanden werden die Autisten draußen in der Welt kaum. „Dabei haben sie so viele Gefühle, die sie einfach nur anders ausdrücken als wir“, weiß Leonie Knapp aus Wickede. Die Vorsitzende des Vereins hat einen 18-jährigen autistischen Sohn. Sie weiß: „Aaron wird immer auf Hilfe angewiesen sein“.

Konkretes Ziel

Der Verein „Zuhause Gut“ will keine Selbsthilfegruppe sein, sondern etwas Bewegen: „Wir wollen um unsere Kinder herum etwas passendes bauen“, sagt Christoph Meinschäfer. Und so ist bereits ein großes Einrichtungsprojekt in Planung, das Platz für bis zu 20 autistische Menschen bietet. Ein Ort, der Wohnen, Leben und Arbeiten ermöglicht, aber auch die Spielräume sowohl für Rückzug als auch Rausgehen unter Menschen bietet.

Die Gedanken sind weit gediehen - eine solche Einrichtung sogar ein Satzungsziel. In drei bis fünf Jahren soll die Einrichtung stehen. Zunächst werden die Machbarkeit und Refinanzierungsmöglichkeiten über Pflegestufen, Mitteln des Landschaftsverbandes und Spenden geprüft. „Das könnte sogar ein europaweites Pilotprojekt werden“, sagen die Eltern.

Am Anfang der Planung

Sie wollen ihre Kinder in ein neues Zuhause entlassen. Nicht, weil sie ihre Söhne und Töchter nach oft jahrelangen Odysseen durch Arztpraxen, Therapien und Behörden „abschieben“ wollen, sondern weil sie das Beste für ihre erwachsenen Kinder wollen. Sobald alle Rahmenbedingungen geklärt sind und ein Finanzierungsplan steht, soll hier in der Region nach einem geeignetem und großen Grundstück für ein solches „gutes Zuhause“ gesucht werden.

Die Eltern wollen zurücktreten und die Begleitung ihrer Kinder - wo auch immer nötig - dem dortigen Fachpersonal überlassen. Pädagogen, Heilpädagogen, Ergotherapeuten und Anleiter in einer Werkstatt. Unter dem Dach des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dem der Verein beigetreten ist, soll das Ziel erreicht werden.

Damit verbunden ist der Wunsch der Eltern, dass Betroffene einen Ort für ein glückliches Leben finden. „Autisten fühlen sich unter Autisten am wohlsten“, weiß Leonie Knapp. Sie brauchen einen eigenen Stern der Hoffnung. „Irgendwann sind unsere Kinder ja nicht mehr kompatibel für die Welt“, sagt Christoph Meinschäfer. Und da sie das sehr genau wissen, sei der Leidensdruck für sie so brutal groß.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben