WP-Serie zur EU

Die Wepa hat sich auf Brexit vorbereitet

Blick ins Müscheder Wepa-Werk: Das Foto zeigt eine Verarbeitungsanlage für Hygienepapiere.

Blick ins Müscheder Wepa-Werk: Das Foto zeigt eine Verarbeitungsanlage für Hygienepapiere.

Foto: Ted Jones

Müschede.   Unternehmen lagert zusätzliche größere Mengen an Hygienepapieren im britischen Werk ein. Firmenchef Martin Krengel würdigt Binnenmarkt-Vorteile

Über die Bedeutung des EU-Binnenmarkts und die möglichen Folgen eines Brexits sprach unsere Zeitung mit dem Vorstandsvorsitzenden der Wepa-Gruppe, Martin Krengel. Die Westfälische Papierfabrik (Wepa) mit Sitz in Müschede ist international stark tätig

Martin Krengel sagt zunächst grundsätzlich zu Europa und EU: „70 Jahre Frieden in Europa schenken uns Stabilität, Sicherheit, Vielfalt, Freizügigkeit sowie gegenseitige Unterstützung und versetzen uns in die Lage, nachhaltiges Wachstum zu generieren. Dafür steht Europa. Nur so können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, im internationalen Wettbewerb, insbesondere mit China und den USA, bestehen und unseren Wohlstand langfristig erhalten und ausbauen.“ Deshalb sei es von großer Bedeutung, am 26. Mai an der Europawahl teilzunehmen.

Mit Blick auf den im britischen Parlament vielfach diskutierten Brexit und die möglichen Folgen für die Wepa erklärt Martin Krengel: „Die Wepa ist auch in Großbritannien mit einem Werk vertreten und wäre von einem Brexit in besonderer Weise betroffen. Am Wepa-Standort in Süd-Wales werden mit 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Toilettenpapier und Küchentücher für den britischen Einzelhandel hergestellt.“

Versorgungssicherheit für Kunden

Welche Folgen hätte nun ein Brexit für die Wepa bzw. wie stellt sich die Wepa schon heute auf einen möglichen Brexit ein? Krengel sagt zunächst grundsätzlich zum britischen Markt für Hygienepapiere:. „Da der britische Markt von Importen abhängig ist, liefern wir weitere Mengen und ergänzende Artikel wie Taschen- und Kosmetiktücher aus unserem Werk in Lille/ Frankreich nach Großbritannien.“

Die Wepa hat sich auf einen Brexit vorbereitet.Hierzu sagt Krengel: „Gemeinsam mit unseren Kunden haben wir zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit im Falle eines No-Deal-Brexits rechtzeitig einen Maßnahmenplan aufgestellt. Seit Anfang 2019 werden zusätzlich größere Mengen Hygienepapiere vor Ort eingelagert. Damit wollen wir die Verzögerungen an der Grenze, mit denen im Falle eines harten Brexits zur rechnen ist, abmildern.“ Gleichzeitig will die Wepa einen zeitlichen Puffer schaffen, um sich auf veränderte Anforderungen im grenzüberschreitenden Verkehr besser einstellen zu können. Dies betrifft die Bevorratung mit Ersatzteilen und in größerem Maße die mit Rohstoffen wie Zellstoff, um die weitere Produktion sicherzustellen.

Exakte Einschätzung schwierig

„Da wir die neuen Bedingungen eines Brexits heute nicht kennen, ist eine exakte Einschätzung der Folgen aber schwierig“, sagt Krengel. „Wir gehen nun davon aus, dass wir uns aufgrund der erschwerten Abwicklungsformalitäten auf einen deutlich höheren operativen Aufwand, zum Beispiel durch die Erstellung von Zollpapieren, und steigende Kosten einstellen müssen.“

>> 13 Wepa-Standorte

Das Familienunternehmen Wepa produziert seit 70 Jahren Hygiene-Papiere wie Taschentücher und Toilettenpapier. An 13 Standorten in sechs Ländern Europas arbeiten mehr als 3800 Menschen aus verschiedenen europäischen Nationen Hand in Hand für das Unternehmen.

Brexit und die Folgen aus Sicht der IHK Arnsberg

Arnsberg. Sollte es tatsächlich zu einem harten Brexit kommen und sich die britische Premierministerin Theresa May mit dem weichen Brexit, das heißt: Warenfreihandels-Brexit bei weiteren britischen Einzahlungen in die EU-Kasse, nicht durchsetzen, wäre Großbritannien zollpflichtigen Ländern gleichgestellt. „Im Falle eines harten Brexits kämen auf zahlreiche heimische Betriebe, die bisher nur vereinzelt in Länder außerhalb des europäischen Binnenmarkts liefern, ein erheblicher Mehraufwand an Bürokratie und Zeit zu“, sagt Klaus Wälter, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Arnsberg den Fachbereich „International“ leitet.

Zollformalitäten könnten zwar auch von Dienstleistern übernommen werden, doch dies sei dann auch mit zusätzlichen Kosten für heimische Betriebe verbunden. Es gebe aber auch - bei Konsumgütern - Einzelhandelsnachteile: „Wenn Waren nach einem harten Brexit - bedingt durch zusätzliche Kosten in der Zollabfertigung - letztlich im britischen Einzelhandel teurer werden, ist dies auch ein klarer Wettbewerbsnachteil für heimische Betriebe“, so Wälter. Er sieht manche britische Firmen schon jetzt leiden. „Denn einige im IHK-Bezirk Arnsberg ansässige, produzierende Betriebe, die bisher Komponenten von britischen Zulieferbetrieben bekamen, haben mit Blick auf einen möglichen harten Brexit schon vorsorglich Geschäftsbeziehungen mit anderen Betrieben im EU-Binnenmarkt aufgenommen.“

Kleinere Betriebe haben allerdings bisher nicht die IHK-Beratung International (Außenwirtschaft) zwecks künftiger Export-Abwicklung mit Anfragen bestürmt. „Viele kleinere Betriebe warten derzeit noch ab, welche Art von Brexit letztlich in Großbritannien beschlossen wird“, so Klaus Wälter. Gleichwohl sollte man die Bedeutung des Exports für heimische Industriebetriebe nicht unterschätzen. „65 Prozent aller Exporte aus NRW-Betrieben gehen in die EU“, sagt der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Westfalen Mitte, Volker Verch. IHK-Pressesprecher Stefan Severin schätzt, dass im IHK-Bezirk Arnsberg der Wert ähnlich ist.

Um Berufsschülern die wirtschaftliche Bedeutung des EU-Binnenmarkt zu verdeutlichen, hat die IHK Unternehmer gewinnen können, die demnächst in den Berufsschulen Soest, Lippstadt und Meschede Vorträge halten werden.

Egbert Neuhaus: „Europa ist Heimatmarkt geworden“

Arnsberg. Der EU-Binnenmarkt ist für den großen weltweiten Erfolg vieler Unternehmen aus Arnsberg und Sundern ein entscheidender Faktor“, beschreibt Egbert Neuhaus, Vorsitzender des Unternehmensverbandes Westfalen Mitte, die Bedeutung des EU-Binnenmarktes.

Die offenen Märkte hätten es den heimischen Betrieben bereits vor vielen Jahren ermöglicht, sich eng zu vernetzen und internationale Handelsbeziehungen zu knüpfen und über die Jahre zu verfestigen. „Europa ist für viele so zum Heimatmarkt geworden“, so Egbert Neuhaus, der auch Geschäftsführer der Hüstener Firma Wesco ist. Durch die Gründung der Europäischen Union sei eine Entwicklung in Gang gesetzt worden, von der die heimische Industrie sehr profitiert habe und die in jedem Fall fortgesetzt werden müsse.

Auswirkungen auf Arbeitsmarkt

Hinsichtlich der Notwendigkeit eines EU-Binnenmarkts verweist Neuhaus auch darauf, bereits jetzt würden verschiedene Branchen hier vor Ort unter Fachkräftemangel leiden, während in einigen anderen EU-Staaten eine hohe Arbeitslosigkeit herrsche. „Wir brauchen also eine höhere Arbeitnehmer Mobilität, auch grenzüberschreitend – und die wäre ohne den EU-Binnenmarkt nur sehr schwer realisierbar.“

Egbert Neuhaus ist überzeugt, dass für die Europäische Union wieder mehr Begeisterung in der Öffentlichkeit geweckt werden muss. Neuhaus: „Wir müssen uns allen wieder bewusst machen, was wir an Europa haben. Wir leben seit sieben Jahrzehnten in Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Die Europäische Einigung ist ein beispielloses Wohlstandsprojekt, von der auch wir hier profitieren. Wir dürfen nicht nur die Regulierungen aus Brüssel sehen. Das verstellt den Blick auf das große Ganze.“

Drei Fragen an die Handwerkskammer

Arnsberg. Über die Bedeutung des EU-Binnenmarkts sprach unser Redakteur Martin Schwarz mit Meinolf Niemand, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Südwestfalen.

Welche Betriebe wären von einem Brexit stark betroffen?
Viele Betriebe in Südwestfalen sind Teil großer Zulieferketten oder stellen unmittelbar Waren für Abnehmer im (europäischen) Ausland her. Das betrifft vor allem Handwerksunternehmen aus dem Metallbereich, jedoch auch Handwerksunternehmen aus dem Bau- und Ausbaubereich sind hier zu nennen.

Was würde in einem fehlenden EU-Binnenmarkt vermisst?
Alle Betriebe, die auf dem europäischen Markt tätig oder mit ihm verknüpft sind, profitieren sowohl von der einheitlichen Normsetzung, aber auch vom freien Marktzugang bei der Lieferung von Waren bzw. der Erbringung von Dienstleistungen. Das senkt Risiken und Kosten.

Werden noch weitere Länder die EU verlassen? Es ist spekulativ zu mutmaßen, ob das derzeitige politische Erscheinungsbild eher Nachahmer auf den Plan ruft oder zur Abschreckung gereicht. Als Handwerkskammer sehen wir die EU – bei aller berechtigten Kritik – als eine Erfolgsgeschichte für Bürger und Betriebe. Damit Europa noch besser wird, ist es nötig wählen zu gehen. Die Handwerkskammer wird deshalb eine Podiumsveranstaltung mit den EU-Parlamentskandidaten aus Südwestfalen veranstalten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben