Freilichtbühne Herdringen

Freilichtbühne Herdringen begeistert Besucher seit 70 Jahren

Wahnsinn: Bei der Aufführung von „Wilhelm Tell“ 1954 ist das Gelände der Freilichtbühne selbst im Regen schwarz vor Menschen. Foto:Privat

Wahnsinn: Bei der Aufführung von „Wilhelm Tell“ 1954 ist das Gelände der Freilichtbühne selbst im Regen schwarz vor Menschen. Foto:Privat

Herdringen.   Im 70. Jahr des Bestehens der Freilichtbühne Herdringen stehen die Vampire im Zentrum der Aufführungen. Und das mit einer Weltpremiere.

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Sie ist ein Dauerbrenner: Die Freilichtbühne Herdringen begeistert ihre Besucher seit 70 Jahren. Über 100 Inszenierungen haben in diesen sieben Jahrzehnten über eine Million Besucher nach Herdringen gelockt. Vier Generationen einiger Familien haben ihre Rollen auf der Bühne gelebt und ihre Aufgaben im Verein mit Hingabe erfüllt: mit Teamgeist und Hilfsbereitschaft, mit Verantwortung und Kreativität, mit Neugier und Mut.

Auch zum 70. Geburtstag laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. So wird am 1. Juni das Familientheater mit dem Stück „Der kleine Vampir“ Premiere feiern. Das Stück um die Freundschaft des Schuljungen Anton mit dem kleinen Vampir Rüdiger zeigt die Freilichtbühne zum ersten Mal.

Im diesjährigen Erwachsenentheater feiern die Herdringer zum runden Geburtstag sogar eine Weltpremiere: „DraCOOLa Showbiss“ wurde eigens für die Freilichtbühne geschrieben, um eine monothematische Saison zu bieten.

Katholische Jugend belebt Tradition

Die Herdringer decken exklusiv auf, dass nicht nur Elvis lebt, sondern auch Michael Jackson oder Marilyn Monroe. Sie und viele andere Stars müssen in der „Showbar DraCOOLa“ die Menschen begeistern, um ihren ewigen Frieden zu finden. Die Weltpremiere - gleichzeitig die 107. Herdringer Inszenierung - findet am 22. Juni statt.

Dass heute diese Stücke aufgeführt werden, ist dem Nachkriegsengagement der Herdringer zu verdanken: 1949 fand sich die katholische Jugend unter Pater Theo Thüte zusammen. Sie beschloss, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Denn eigentlich ist die Herdringer Theatertradition bereits über 130 Jahre alt. Sie beruht auf dem Einsatz des Herdringer Lehrers Heinrich Knoche, der sich nicht nur als Mathematiker einen Namen machte, sondern mit dem Männergesangverein auch Volksstücke auf die Bühne brachte. Der Grundstein der Herdringer Theatergeschichte war gelegt.

Aufführung in „Schmidt’s Saal“

Den Startschuss zur ersten großen Aufführung gab schließlich die Gräfin Thun-Hohenstein. Sie war vom Einsatz der Dorfjugend mit ihren kleinen Theaterstückchen so begeistert, dass sie den Regisseur Anton Funke aus Hamm nach Herdringen lotste.

Dessen erste Inszenierung fand in einer Gaststätte mit 38 Schauspielern statt. In „Schmidt’s Saal“ wurde „Der verlorene Sohn“ zu einem riesigen Erfolg, zu den acht Aufführungen kamen locker 2000 Besucher. Schmidt’s Saal wurde bald zu klein, 1953 musste für den „Bettler vor dem Kreuz“ schon die Schützenhalle herhalten, eine Übergangslösung.

Im Frühjahr 1954 entschied sich der junge Verein schließlich für Freilichttheater und zog in den stillgelegten Steinbruch. Es herrschte Aufbruchstimmung angesichts der „Naturkulisse von imposanter Schönheit“. Doch die Natur ließ sich nicht lange bitten: „Wilhelm Tell“ verregnete von vorn bis hinten.

Platz für 1000 Zuschauer

1955 der zweite Tell-Anlauf: Wieder begann es zu regnen. Aber die Bühne trotzte dem Tell-Wetter: Noch während der Spielzeit feierte sie das Richtfest für die Dachkonstruktion der ersten Tribüne, die fortan 1000 Zuschauern Schutz bieten sollte.

Die Spieler, die zu den ersten Aufführungen immer von den Umkleiden im Gasthof Schweineberg im Regen zur Bühne laufen mussten, waren froh, als sie dann eine ausgediente Flüchtlingsbaracke als erstes improvisiertes „Spielerheim“ aufstellen konnten. 1974 kam endlich der Bau des richtigen Spielerheims.

Aber Theater wäre nicht Theater, wenn es nicht unberechenbar wäre. Der Zuschauerschwund ab Ende der 60er Jahre erforderte eine Reaktion. Deshalb: 1978 führte die Bühne erstmals ein Kinderstück auf. Der „Räuber Hotzenplotz“ ließ die Zuschauerzahlen wieder nach oben schnellen. Aber es dauerte weitere fünf Jahre, ehe die Spielschar groß genug war, um zwei Stücke pro Saison anzubieten. Auch das wurde zu einem Erfolg, ebenso wie das Wintertheater, das seit 2004 im Spielerheim intime Theateratmosphäre vermittelt.

Jetzt vermehrt auch Musicals

So stellt sich die Freilichtbühne seitdem zeitgemäß auf. Kinderklassiker und Lustspiele gehören ebenso zu den Inszenierungen wie die in den vergangenen Jahren vermehrt aufgeführten Musicals, die allerdings einen deutlich größeren Aufwand und mehr Professionalität erfordern.

Technik und Maske, Bühnenbau und Kostüm, Geschäftsführung und künstlerische Leitung: Weit über 300 aktive Mitglieder arbeiten inzwischen in verschiedenen Gewerken zusammen oder spielen auf der Bühne vor Publikum. Das Baby ebenso wie der Großvater. Seit 1949 haben das bereits über eine Million Besucher mit ihrem Applaus belohnt.

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