Gesundheit

Online-Versandhandel schadet Apotheken in der Region

Tipps für die Hausapotheke

Der Apotheker Andreas Vogd gibt Tipps, welche Medikamente man zu Hause haben sollte.
Di, 13.02.2018, 14.32 Uhr

Der Apotheker Andreas Vogd gibt Tipps, welche Medikamente man zu Hause haben sollte.

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Schmallenberg.   Der Online-Handel setzt örtliche Apotheken unter ökonomischen Druck. Ein Pharmazeut erklärt die Bedeutung der regionalen Medikamentenversorgung.

Wenn die einzige Arztpraxis im Ort geschlossen hat, ist der Apotheker oft der einzige Ansprechpartner in Gesundheitsfragen. Auch nachts oder am Wochenende haben die Apotheken geöffnet, um die Bevölkerung mit dringend benötigten Medikamenten versorgen zu können. Doch in Zeiten des Online-Versandhandels mit Arzneimitteln hat sich der wirtschaftliche Druck auf die örtlichen Versorger erhöht.

Andreas Vogd gehört die Löwen-Apotheke in Schmallenberg. Dort versorgt er Patienten nicht nur mit Kopfschmerztabletten oder Nasenspray. In der Apotheke werden auch individuelle Rezepturen hergestellt oder Medikamente und Betäubungsmittel für schwere Krankheiten wie Krebs abgegeben. „Wir bieten eine niederschwellige Beratung vor Ort“, sagt Vogd. Beispielsweise gehe es auch um diskrete Beratung bei Problemen wie Inkontinenz. Da finde das Gespräch im Nebenraum statt. Der große Schwerpunkt der Arbeit in der Apotheke sei die Beratung der Kunden und Abgabe von Medikamenten. Dazu komme auch der Verkauf von Kosmetika und medizinischen Hilfsmitteln wie Blutdruckgeräten.

Kunden schauen auf den Preis

Doch durch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Oktober 2016, wodurch es ausländischen Versandapotheken erlaubt wurde, Rabatte und Boni auf verschreibungspflichtige Medikamente zu geben, sei die Situation für die örtlichen Apotheken schwieriger geworden. Ein Punkt sei aber auch, dass die von ausländischen Versandapotheken gewährten Boni und Rabatte eigentlich den Krankenkassen und nicht einzelnen Patienten gewährt werden müssten – und damit an die Solidargemeinschaft fließen würden und nicht an den Bürger. Denn die Gelder dienen dazu, dass auch schwere Krankheiten, die mit teuren Medikamenten behandelt werden, finanziert werden können, erklärt Vogd.

„Der einzige mit EU-Recht vereinbare Weg ist es, die Rabatte und Boni für verschreibungspflichtige Medikamente zu verbieten und so die Preisbindung wieder herzustellen“, meint der Apotheker. Letztlich käme ein Versandverbot bei verschreibungspflichtigen Mitteln auch den Patienten zugute. Denn viele Leistungen können nur örtliche Apotheken erbringen, so etwa Nacht- und Notdienste, individuelle Rezepturherstellung und die Abgabe von Betäubungsmitteln bei schweren Krankheiten.

Fachlich qualifizierte Beratung

„Vor allem können wir eine fachlich qualifizierte Beratung bieten, die Einnahmefehler und unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten verhindern kann“, sagt Vogd. Im Versandhandel seien Rezepturen meist nicht erhältlich, da diese nicht kostendeckend herzustellen seien. „Wir versorgen, die anderen versenden nur.“ Auch mit den Medizinern vor Ort hätten die Apotheken ein kollegiales Verhältnis. „Ich schätze die enge Zusammenarbeit mit den Ärzten vor Ort.“ Er beliefere Ärzte zum Beispiel auch mit Impfstoffen. Kunden, die nicht mehr so mobil sind, versorgt Vogd mit Medikamenten via Botendienst. 19 Mal in diesem Jahr wird seine Apotheke für Notfälle auch nachts dienstbereit sein.

Viel Zeit koste auch der hohe bürokratische Aufwand in einer Apotheke. Dazu gehöre, dass Andreas Vogd und seine Mitarbeiter die Abgabe von Medikamenten genau dokumentieren und prüfen müssen. „Krankenkassen haben zahlreiche Rabattverträge mit Pharmafirmen verhandelt“, erklärt Vogd. Ein Versicherter der AOK bekomme seine vom Arzt verschriebenen Medikamente von einem anderen Hersteller als ein Versicherter der Barmer.

Nachwuchs fehlt

Eine weitere Sorge bereitet dem Apotheker, dass es nicht genügend Nachwuchs für die öffentliche Apotheke gebe. „Viele Pharmazeuten gehen lieber in die Industrie, als in einer öffentlichen Apotheke auch am Wochenende oder nachts arbeiten zu müssen“ , meint der Schmallenberger Apotheker.

Besser sehe die Situation bei Pharmazeutisch-technischen Assistentinnen aus. „Durch die Nähe zur PTA-Schule in Olsberg bekommen wir meist genug Nachwuchskräfte“; erklärt Vogd.

Dichte an Apotheken in Deutschland unter EU-Schnitt

In ganz Nordrhein-Westfalen gibt es 4280 Apotheken. Nach Zahlen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gibt es durchschnittlich 24 Apotheken pro 100.000 Einwohner, damit liege Deutschland unterhalb des EU-Durchschnitts.

Im Hochsauerland versorgen laut Apothekerkammer Westfalen-Lippe 73 Apotheken 264.000 Einwohner. Im Vergleich zu 2012 ist das ein Rückgang um 9,9 Prozent. Im Jahr 2017 hatten die Apotheken im HSK für 1 442 Notdienste geöffnet.

Hannah Reichelt, Sprecherin des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, erläutert, dass der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln die örtlichen Apotheken schädige. Die größte ausländische Versandapotheke sei DocMorris. Der Versandhandelumsatz mit rezeptfreien Medikamenten wuchs 2016 in Deutschland um 13 Prozent. Die Marktanteile von Versandapotheken seien mit 13,4 Prozent für rezeptfreie Medikamente und einem Prozent für rezeptpflichtige Arzneimittel in Deutschland noch recht gering, steigen aber an.

Da das Gesamtvolumen des Marktes allerdings weitestgehend gleich bleibe, hat die Verschiebung auch kleinerer Marktanteile eine Ausdünnung des bestehenden Netzes öffentlicher Apotheken zur Folge, sagt Reichelt. Als erstes treffe es die kleinen, umsatzschwächsten Apotheken im ländlichen Raum.

>>>Geschäft mit Tradition in Schmallenberg

  • Andreas Vogd hat an der FU-Berlin Pharmazie studiert. Die Löwen-Apotheke hat er 1995 in vierter Generation von seiner Mutter übernommen.
  • Die Apotheke gibt es schon seit 1798 in Schmallenberg.
  • Andreas Vogd ist seit den 1990er Jahren im Apothekerverband tätig und ist Mitglied im Förderverein der PTA-Schule.
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