75. Jahre Möhne-Katastrophe

Kindheitserinnerungen an die Nacht des Schreckens

Zeitzeugen erinnern sich: Heinz Rüschenbaum, Dr. Fritz Goeke und Paula Spiegel. 

Zeitzeugen erinnern sich: Heinz Rüschenbaum, Dr. Fritz Goeke und Paula Spiegel. 

Foto: Frank Albrecht

Neheim.   Neheimer erinnern sich im Kolpinghaus auf Einladung unserer Zeitung an die Nacht der Möhne-Bombardierung.

Nichts bewegt mehr als die erzählte Geschichte. Zum 75. Jahrestag der Möhne-Katastrophe lud unsere Zeitung Zeitzeugen in das Neheimer Kolpinghaus ein. Mehr als ein Dutzend interessierte Leserinnen und Leser berichteten über ihre Erlebnisse in Neheim rund um die Bombardierung der Möhnetalsperre in der Nacht zum 17. Mai 1943.

Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 06

Augenzeugen berichten, wie sie die Bombardierung der Möhne-Talsperre erlebt haben.
Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 06

„Das ist zwar immer eine subjektive Wahrnehmung der geschichtlichen Fakten, aber gerade die macht Geschichte vorstellbar“, so WP-Redaktionsleiter Martin Haselhorst in der Begrüßung.

Rege Diskussion

Eine von Haselhorst vorgelesene Aufzeichnung eines Zeitzeugen über die Erlebnisse in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 brachte eine sehr persönliche Sicht der Dinge. Helmut Urbon (81) lebt heute in Würzburg und hatte die Zeilen geschrieben.

Augenzeugen der Möhnekatastrophe 03

Augenzeugen berichten, wie sie die Bombardierung der Möhne-Talsperre erlebt haben.
Augenzeugen der Möhnekatastrophe 03

Vor allem an der Frage der Auswirkungen der Zerstörungen durch den Bruch der Staumauer entzündeten sich sogleich heiße Diskussionen unter den Anwesenden.

Die Frage „Wie hoch war die Flutwelle denn nun wirklich?“ wurde gleich zum Gegenstand intensiver Gespräche, und man kam überein, dass es selbst in der Möhnestraße noch mindestens 1,50 Meter gewesen sein müssen.

„Wir haben die Flucht aus dem Keller angetreten“, schildern die Zeitzeugen. Einer von ihnen sei vor der Flut von seinen Eltern mit auf den Wiedenberg in Neheim genommen worden, von dem aus man vom elterlichen Haus nur noch das Dach sehen konnte.

Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 02

Augenzeugen berichten, wie sie die Bombardierung der Möhne-Talsperre erlebt haben.
Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 02

Auch, dass das Möhnetal nach der Zerstörung der Sperrmauer komplett geflutet war und die Möhne vier bis fünf Mal so breit wie normal gewesen sein muss, ist den Zeitzeugen in schlimmer Erinnerung geblieben.

Angst ins Wasser zu gehen

„Die Erinnerungen an die Nacht der Zerstörung haben mein Leben beeinflusst“, sagt Anne-Marie Baader. Noch heute habe sie auf Grund der Erlebnisse aus der Mainacht und den Bildern von aufgebahrten toten Menschen, die aus der Flut gezogen wurden, Angst ins Wasser zu gehen, erklärt sie.

Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 04

Augenzeugen berichten, wie sie die Bombardierung der Möhne-Talsperre erlebt haben.
Augenzeugen zur Möhnekatastrophe 04

Wasser in der Landschaft und vor allem in den Wohnhäusern der Menschen, die sich im Möhnetal eine Existenz aufgebaut hatte, ist allen in Erinnerung geblieben. „Der Vater hat uns den Tipp gegeben, auf den Berg zu flüchten, sollte die Möhne getroffen werden“, erinnert sich Paula Spiegel (88). Sie könne sich noch genau daran erinnern, als ihr deutlich wurde: Die Möhne ist getroffen!

Ob denn die Möhnetalsperre von den Menschen als eine allgegenwärtige Bedrohung wahrgenommen worden sei, will Martin Haselhorst wissen. Und die Meinungen dazu gehen auseinander. „Die Möhnetalsperre galt es unzerstörbar“, so Dr. Fritz Goeke.

Das Ausmaß der Zerstörung konnte sich keiner vorstellen

Trotzdem habe jeder an das Schlimmste gedacht, so Hans-Martin Triesch, „aber das Ausmaß nach der Zerstörung habe sich dann doch keiner wirklich vorstellen können“.

Sein Elternhaus wurde weggespült. Vielfach habe das Wasser bis zum 1. Stock in den Häusern gestanden und den ganzen Hausrat zerstört.

Direkt im Tal wurde alles weggerissen. „Ich kann mich erinnern, aus den Baracken der Zwangsarbeiterinnen die Schreie gehört zu haben“, sagt Lieselotte Sabel (89). Und daran, dass sie nach der Flut einen Jungen tot aus einem Baum gezogen habe.

Den Tag nach der Katastrophe hat Maria Schmidt (86) noch in Erinnerung. Ihr Vater habe sich auf den Weg zur Möhne gemacht, um zu schauen, was nach dem Angriff und der Flut noch übrig geblieben sei. „Er ist kreidebleich wieder zurückgekommen und hat uns berichtet, dass kein Stein mehr auf dem anderen steht“, so die Zeitzeugin.

Vergebliches Warten auf ein Lebenszeichen

Vergeblich habe man Tage und Wochen auf ein Lebenszeichen von Verwandten gewartet, dass dann doch nicht gekommen sei. „Ich habe meinen Vater vorher noch nie weinen gesehen“, erinnert sie sich. Und in der Runde wird es stiller.

Augenzeugen der Möhnekatastrophe 05

Augenzeugen berichten, wie sie die Bombardierung der Möhne-Talsperre erlebt haben.
Augenzeugen der Möhnekatastrophe 05

Alle Zeitzeugen können sich noch an die vielen Toten erinnern, die nach der Überschwemmung in Neheim alle paar Stunden mit Pferdewagen zur Aufbahrung und Identifizierung in die Johannes-Kirche gebracht wurden. „Die Möhnekatastrophe ist auch eine Mahnung an alle, etwas für den Frieden zu tun. Denn Frieden fängt im Kleinen an“, sagt Heinz Rüschenbaum (79).

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