Kunst

Kunstverein Arnsberg: Jahresgaben mit Documenta-Exponaten

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Ein Blick in die Jahresgaben-Ausstellung im Kunstverein Arnsberg.

Ein Blick in die Jahresgaben-Ausstellung im Kunstverein Arnsberg.

Foto: Tim Drinhaus / WP

Arnsberg.  Die Ausstellungswerke vereinen kulturhistorische Identitäten, politische Bewegungen, religiöse Spiritualität und das menschliche Individuum

Mit der Kunst ist es ja immer eine so eine Sache. Mal entzückt sie den Beobachter und zieht ihn unwiderruflich in ihren Bann, mal landet sie in Form infantiler Kunstunterrichtserzeugnisse schnell vergessen am Küchenschrank. Was aktuell in der Jahresgaben-Ausstellung 2022 des Kunstvereins Arnsberg zusammengetragen wurde, lässt sich jedoch sicherlich einer dritten Kategorie zuordnen, dem gesamtgesellschaftlich wertvollen Gesichtspunkt der Kunst, der über ihre reine - wenn auch beeindruckende - Optik hinausgeht.

Die verschiedensten Werke von Künstlerinnen und Künstlern rund um den Globus vereinen kulturhistorische Identitäten, politische Bewegungen, religiöse Spiritualität und das menschliche Individuum und bilden somit ein kleines Abbild der Welt. „Wovon auch sonst?“ fragt das diesjährige Motto der Jahresgaben, und erhebt damit einen hohen Selbstanspruch.

Dr. Johannes Teiser: „Vielleicht sind uns die Pferde durchgegangen“

Das sieht Dr. Johannes Teiser, Vorsitzender des Kunstvereins, ähnlich: „Vielleicht sind uns die Pferde durchgegangen“, rekapituliert er den Arbeitsaufwand für die Ausstellung. Beinahe alle Stücke stammen von der „documenta“, dementsprechend kompliziert sei es gewesen, erst genau auszuwählen, „welche Positionen uns wirklich besonders erschienen sind“, danach diese zu bestellen, zu finanzieren und nicht zuletzt die Kunstwerke in verschiedene Räume mit jeweils eigenem Thema und Ambiente exakt einzuordnen.

Denn auch wenn Teiser die Auswahl der Ausstellungsstücke für die Jahresgaben als „Nachlese der documenta“ bezeichnet, ist es keineswegs das Konzept des Kunstvereins Arnsberg, die Kunstmesse einfach unreflektiert ins Sauerland zu übertragen.

„Die documenta war getragen von Kooperation und Kollektivismus, das einzelne Werk und der Künstler sind in den Hintergrund gerückt. Das holen wir wieder heraus, indem wir das Individuelle in den Vordergrund rücken und die Frage nach Werk und Verantwortung stellen“, erklärt der Vorsitzende.

Fünf verschiedene Ausstellungsabschnitte

Um diese Idee weiter auszubauen, habe sich der Kunstverein dazu entschieden, die Ausstellungsstücke jeweils einem thematisch passenden Raum zuzuordnen, in dem sie in ihrem eigenen Kontext stehend besonders in Szene gesetzt werden können.

Aus insgesamt fünf dieser Abschnitte besteht die diesjährige Jahresgaben-Ausstellung, jeder lässt den Besucher in eine ganz eigene Stimmung eintauchen, sobald er sie betritt. Im ersten Raum setzen die Gemälde der kenianischen Künstler Shabu Mwangi und Ngugi Waweru den Fokus ihrer Werke auf gesellschaftliche Fragen und Kapitalismuskritik.

Die beiden sind im Slum „Mukuru“ in der Hauptstadt ihres Heimatlandes aufgewachsen, von Perspektivlosigkeit und Armut geprägt. Um dem jugendlichen Prekariat von heute ein solches Los zu ersparen, malen die Künstler Bilder, kreieren etwas Aufmunterungsvolles und leisten den Heranwachsenden finanzielle Unterstützung durch die Spende des Erlöses ihrer Arbeit.

Auch die Zeit des Imperialismus in Lateinamerika wird verarbeitet

Kulturhistorische Entwicklungen und die Auswirkungen der Geschichte einer Nation auf die eigene Identität werden in Raum zwei behandelt.

Der grafische Roman „Kuns By Return“ des mexikanischen Künstlerkollektivs „Cooperativa Crater Invertido“ verarbeitet die Zeit des Imperialismus in Lateinamerika und dessen bis heute anhaltenden Folgen für das Selbstbild der hier lebenden Bevölkerung durch „wunderbare Zeichnungen. Das ist höchstes Niveau!“, würdigt Dr. Teiser die Künstler.

Der dritte und fünfte Raum in der Königstraße sind hingegen jeweils Spiritualität und Religion ferner Kulturen gewidmet. Auf der einen Seite übertragen bunte, in verschiedensten Motiven gestaltete Puppen aus Mali den Geist eines die Menschen lenkenden Gottes auf die künstlerische Bühne, auf der anderen verbinden die Gemälde einiger Haitischer Maler indigene religiöse Kulte mit dem Christentum zu Voodoo-Kunstwerken.

Jahresgaben-Ausstellung ist vielschichtiger denn je

Auch der politische Appell fehlt durch die Ausstellungsstücke der indonesischen Künstlerin Taring Padi nicht. Ihre Figuren wirken agitatorisch von Systemkritik gegen Indonesiens verdrängten Massenmord an über einer halben Million Menschen, über den Kampf für Frauenrechte bis hin zur Kirchenkritik.

Die Jahresgaben-Ausstellung des Kunstvereins Arnsberg ist damit vielschichtiger denn je. Dessen ist sich auch Vorsitzender Dr. Johannes Teiser voller Stolz bewusst: „Das ist wirklich eine geile Ausstellung! Wir wollen hier ja keine Bilder zeigen, die man sich über das Sofa hängt. Da steckt viel mehr der Anspruch hinter, das Große auszustellen. Keine Frage, die gesamte Welt ist hier noch nicht zusammen, aber es entsteht etwas Ganzes“.

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