Kyrill

Kyrill 2007 - Überall herrscht Ausnahmezustand

Eine Katastrophe, deren Ausmaß erst nach langen Tagen richtig deutlich wird, weil die Wälder nicht betreten werden dürfen. Diesen mächtigen Baum schleudert Kyrill wie einen leichten Strohhalm auf das Auto, das der Fahrer zum Glück bereits verlassen hatte.

Eine Katastrophe, deren Ausmaß erst nach langen Tagen richtig deutlich wird, weil die Wälder nicht betreten werden dürfen. Diesen mächtigen Baum schleudert Kyrill wie einen leichten Strohhalm auf das Auto, das der Fahrer zum Glück bereits verlassen hatte.

Foto: Wolfgang Becker

Arnsberg.  Kyrill verwandelt 2007 Wälder im Hochsauerlandkreis innerhalb kurzer Zeit in Streichholzlandschaften.

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Sie hießen Xaver, Lothar, Andrea und Wiebke, aber kein Sturm hat Deutschland so durcheinandergewirbelt wie das Orkantief Kyrill, das im Januar 2007 über den Kontinent hinwegbraust und innerhalb weniger Stunden, vielleicht sogar nur Minuten unzählige Wälder in eine Streichholzlandschaft verwandelt. Die Spuren sieht man noch heute.

Für die Feuerwehren herrscht der Ausnahmezustand. Von Voßwinkel bis Oeventrop sind die Wehrleute im Dauereinsatz, oft müssen sich die Helfer auf die notwendigsten Maßnahmen beschränken. Die Gefahr, selbst Opfer des Orkans zu werden, ist zu groß. Hier die Berichte von einigen Arnsberger Feuerwehmännern, die im Gespräch mit unserer Zeitung ihre Erlebnisse in dieser Sturmnacht erzählen.

Im Rahmen einer Serie wird unsere Zeitung in den kommenden Tagen die Geschehnisse rund um Kyrill und die Folgen für Menschen und Natur in der Region noch einmal nachvollziehen bzw. erläutern.

Jörg Rüger: „Geräusch heute noch in Erinnerung“

Jörg Rüger ist in der Kyrill-Nacht Einsatzleiter der Löschgruppe Wennigloh und nimmt die Unwetterwarnung zunächst gelassen: „Hier oben sind wir Stürme gewohnt, also erstmal abwarten“.

Der erste Alarm erreicht die Wehrleute kurz nach 18 Uhr. Wennigloh besitzt drei Zufahrtsstraßen und nach gesetzlichen Vorschriften muss mindestens ein Rettungsweg frei gehalten werden. Da zu diesem Zeitpunkt bereits alle Straßen durch umgestürzte Bäume blockiert sind, entscheidet man sich, zuerst in Richtung Arnsberg zu fahren.

„Besonders im Seufzertal war die Lage brisant, da wir unterhalb einer Hanglage arbeiten mussten. Wir leuchteten den Hang mit Scheinwerfern aus und konnten so zumindest erahnen, in welche Richtung die Bäume fielen. Das war nicht ungefährlich und die Stimmung war äußerst angespannt, auch bei mir, der die Verantwortung für die Gruppe hatte. Auf der Straße nach Müschede lagen so viele Bäume, dass die Feuerwehr dort nur absperren konnte.“

Auch das Elternhaus Rügers wird nicht verschont, vier Tannen schlagen an den Dachfirst und zerstören mehrere Fensterscheiben. Dass er selbst betroffen ist, hat er allerdings in dieser Nacht verdrängt, erzählt der heutige Hauptbrandmeister. Beängstigend sei bei den Kyrill-Einsätzen das plötzliche Knacken der Baumstämme gewesen: „Dieses schreckliche Geräusch ist mir heute noch immer in Erinnerung“.

Stefan Beule: Einsätze Schlag auf Schlag

Im Bereich Arnsberg sind die Straße nach Breitenbruch und der Ochsenkopf die beiden Haupteinsatzgebiete.

Stefan Beule vom Löschzug Arnsberg hat im Vorfeld die Warnungen der Wetterdienste gehört, aber das sei in dieser Jahreszeit ja nichts Ungewöhnliches gewesen, erinnert sich der heutige Basislöschzugführer an die Geschehnisse:

Kyrill und die Feuerwehr

„Meine erste Einsatzfahrt, ich war als Gruppenführer auf einem Löschgruppenfahrzeug eingeteilt, ging mit weiteren acht Kameraden Richtung Ochsenkopf. Der Wald rechts und links der Straße sah aus, als hätte jemand überdimensionale Mikado-Stäbe kreuz und quer aufgetürmt. Der Sturm wütete umso mehr, je weiter wir Richtung Sundern fuhren. Im Interesse der Eigensicherung sind wir nicht weiter in das Waldgebiet eingefahren, sondern haben in Absprache mit der Polizei die Straße außerhalb der Gefahrenzone komplett abgesperrt. Nach Rückankunft am Bereitstellungsplatz kam dann schon der nächste Alarm“.

Dann sei es weiter Schlag auf Schlag bis zum nächsten Tag gegangen, ein Einsatz folgt dem anderen. Stefan Beule ist bis zum kommenden Tag im Einsatz und sagt heute: „Auch Jahre später noch und vermutlich auch in Zukunft werden Unwetter immer noch an Kyrill gemessen“. Dieser Orkan, so der Arnsberger, habe bei der Feuerwehr einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Und zum Glück wird niemand von ihnen verletzt.

Michael Dolle: Baum kracht vor das Löschfahrzeug

Dieses Glück wie die Arnsberger haben die Wehrleute aus Holzen nicht: Ein Baum kracht direkt vor das Löschfahrzeug und demoliert das Fahrerhaus. Einen dreifachen Schutzengel hat dabei Michael Dolle von der örtlichen Löschgruppe. Hier seine Geschichte von 100 Zentimetern, die über Leben und Tod entschieden:

„Meine Frau rief mich am frühen Nachmittag an, dass der Strom kurz ausgefallen sei. Der Sturm legte dann immer mehr zu und auf der Strecke von Mimberge nach Möhringen lagen die Bäume schon kreuz und quer auf der Straße. Ein Autofahrer wollte noch unbedingt nach Holzen, weil sein Enkelkind Geburtstag hatte, ein anderer wollte über die Dörfer zur Autobahn; ich habe ihm geraten, in Eisborn ein Zimmer zu nehmen“.

Dann kommt der Einsatz, den Michael Dolle wohl nie vergessen wird: „Wir wurden Richtung Oelinghauser Heide alarmiert, wo oberhalb der Schützenhalle Bäume die Straße blockierten. Ich war als Maschinist auf dem Magirus-Löschfahrzeug eingeteilt. Am Einsatzort angekommen, stellte ich das LF ab und wollte aussteigen als ein Kamerad meinte, ich solle noch einen Meter zurückfahren, was ich auch tat. Eigentlich wollte ich dann nach vorne gehen und helfen, die gesägten Baumstücke von der Straße zu ziehen, aber dazu kam es nicht mehr. Ein großer Baum fiel in diesem Moment direkt vor das Löschfahrzeug. Einige Äste demolierten dabei das Fahrerhaus erheblich“.

Patrick Robel: Richtiger Respket vor der Natur

Im Neheimer Raum ist das Waldgebiet „Zu den drei Bänken“ ein großer Einsatzschwerpunkt. Dort ist Patrick Robel vom Löschzug Neheim eingesetzt und berichtet von seinen Erlebnissen in dieser Sturmnacht:

„Ich war gerade von der Arbeit gekommen, da piepte auch schon der Alarmempfänger. Es folgte dann ein Einsatz nach dem anderen, zwischendurch nach Hause zu gehen war nicht mehr drin“. Eine große Herausforderung für die Feuerwehr sei die Straße zum Dorint-Hotel gewesen, denn das Hotel muss im Notfall mit Einsatzmitteln erreichbar sein.

„Wir haben die Straße zunächst zu Fuß kontrolliert, überall auf der Strecke lagen umgestürzte Bäume. Zu unserer eigenen Sicherheit leuchteten wir mit Taschenlampen in die Baumkronen, um so die Lage besser einschätzen zu können. Plötzlich kam dann eine heftige Windböe und ein Baum fiel direkt vor uns auf die Fahrbahn“.

Der „Spähtrupp“ nimmt dann schnell den Rückzug Richtung Löschfahrzeug vor, denn die Lage ist zu gefährlich. „Als wir die Straße freigesägt hatten, kam schon der nächste Auftrag“, erzählt Patrick Robel, aber „die meisten Einsatzstellen konnten wir nur sichern“. Die Orkannacht im Januar 2007 wird Patrick Robel aber stets im Gedächtnis bleiben: „Hier hatte man schon richtigen Respekt vor der Natur“.

Benjamin Hugo: Bus im Wald eingeschlossen

Der Tag, an dem Kyrill übers Land fegt, beginnt für Benjamin Hugo normal. Der damals 22-Jährige vom Löschzug Bruchhausen hat wenige Tage zuvor die Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann in der Stadt Arnsberg begonnen. „Nach der Wachübergabe haben wir die Fahrzeuge gecheckt, besonderes Augenmerk legten wir aufgrund der Vorwarnungen auf die Motorsägen. Kurz nach dem Frühstück der erste Alarm. In Herdringen war eine 13 Meter hohe Tanne auf die Straße gestürzt“, erinnert er sich an den Beginn des Chaos-Tages. Per Funk habe man dann die Alarmierungen der anderen Einheiten gehört.

Aber es sind nicht nur Bäume, die große Schäden anrichten. „Auf der Stembergstraße wurde ein komplettes Flachdach eines großen Gebäudes abgedeckt und schleuderte im Innenhof auf mehrere Autos. Auf der Jahn­allee lag ein mächtiger Baum auf den Gleisen. Zum Glück konnte der Lokführer den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen.“

Der Ortsteil Holzen ist komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Dramatisch geht es auf der Landstraße Richtung Ense zu. „Dort war in einem Waldgebiet ein Bus von umgestürzten Bäumen eingesperrt. Alle Insassen hatten den Bus verlassen und liefen uns entgegen. Wir entschieden uns, nicht zu dem Bus vorzudringen, was die richtige Entscheidung war. Denn es stürzten wenige Minuten später mehrere Bäume auf die Fahrbahn und begruben den Bus unter sich“.

Bernd Löhr: Durchhalten bis zum Jahresende

Einen 24-Stunden-Dienst absolviert auch der heutige Leiter der Arnsberger Wehr Bernd Löhr, der als Mitglied der Einsatzleitung damals die Koordination organisiert: „Ich hatte als noch stellv. Wehrführer am 18. Januar 2007 ab 16 Uhr Bereitschaft für den Einsatzführungsdienst und wurde eine Stunde später alarmiert. Alle Einsätze wurden im Lauf des Abends unter Leitung von Wehrführer Peter Glaremin vom Feuerwehrgerätehaus in Arnsberg koordiniert. Es waren hierbei alle 14 Feuerwehreinheiten mit fast allen Fahrzeugen und mehreren einhundert Kräften im Einsatz“.

Eine dramatische Meldung erreicht abends die Einsatzleitung: Ein Bus soll auf dem „Totenberg“ in Neheim von einem Baum getroffen sein. „Es lag uns keinerlei weitere Information vor, so dass wir von vielen Verletzten ausgehen mussten. Dies bestätigte sich glücklicherweise nicht, keiner der Fahrgäste hatte Schaden genommen“.

Neben den vielen Einsätzen hat das Freihalten der Zufahrtsstraßen für den Rettungsdienst oberste Priorität. „Es war neben den Starkregen-Ereignissen im gleichen Jahr einer der personalintensivsten Einsätze der jüngeren Geschichte der Feuerwehr der Stadt Arnsberg.“ Erschwerend sei hinzugekommen, dass fast alle Landesteile betroffen waren und hierdurch eine Ablösung der Kräfte schwer möglich war: „Es galt in diesen Tagen die Devise: Durchhalten bis zum Einsatzende!“.

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