Tabuthema Tod

Lebenshaus Arnsberg: „Trauern geht nicht mal ganz schnell“

| Lesedauer: 4 Minuten
Schulte Huermann Holen Sie sich Outlook für iOS

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Arnsberg.  Christina Schulte-Huermann will im Lebenshaus Arnsberg das Thema Tod und Sterben aus der Tabuzone hervorholen.

Im Frühjahr eröffnete Christina Schulte-Huermann das Lebenshaus in Arnsberg. Unsere Zeitung sprach im Mittwochsinterview mit der Arnsbergerin über das Konzept des Hauses, das Trauern und das Tabuthema Sterben.

Was motivierte Sie zum Beschäftigen mit dem Thema Trauer und Sterben?

Schulte-Huermann: Das Trauern und der Tod sind ein Teil des Lebens und ein Thema, das alle angeht. Überlegungen zu seinem eigenen Ende sollte sich jeder machen. Ich möchte das Tabu lockern. In meiner Arbeit für Sterbende und Angehörige geht es um Leben. Daher empfahl sich auch der Name Lebenshaus.

Sie sind eine Lebens- und Sterbeamme. Was genau ist das?

Eigentlich ist es das Pendant zur Hebamme. Sie begleitet in das Leben, ich begleite aus dem Leben. Im Schwerpunkt geht es um den Lebenssinn.

Eine kommende Veranstaltung von Ihnen beschäftigt sich mit der Bestattungskultur im Wandel. Trauern Menschen heute anders als früher?

Ich sage ja, aber auch das ändert sich schon wieder. Langsam werden Familien wieder offener, den Tod anzufassen, anstatt alles an einen Bestatter abzugeben. Ich möchte die Menschen gerne dazu bringen, sich rechtzeitig zu überlegen, was sie tun können, wenn ein Angehöriger gestorben ist. Auch ich hatte in jüngerer Vergangenheit persönliche heftigste Einschläge, konnte da aber gut mit umgehen, da ich über die Ausbildung zur Sterbeamme gut vorbereitet war.

Was genau beeinflusst denn die Art zu Trauern und die Bestattungskultur?

Ich denke, die Erziehung und das Vorleben in der Familie spielen eine große Rolle. Aber auch die Gesellschaft nimmt Einfluss. Heute muss man schnell wieder funktionieren. Beim Trauern geht aber kein Schnell, da darf und muss die Gesellschaft den Druck herausnehmen. Von Natur aus weiß jeder selbst, wie lange er zum Trauern braucht. Trauer kann krank machen, wenn man sie verdrängt und nicht zulässt.

Kann ein gewöhnlicher Friedhof eine sich wandelnde Trauerkultur eigentlich noch abbilden?

Friedhöfe werden sicher nie aussterben. Trauernde brauchen ihn möglicherweise mehr als sie denken. Es ist wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben. Aber auch dieser Ort wird sich wandeln - das sieht man ja nun schon an den zunehmenden Feuerbestattungen und Urnenbegräbnissen. Die Menschen werden individueller und wollen sich auch nicht unbedingt an traditionelle Friedhofsregeln halten. Es gibt inzwischen ja schon privatisierte Friedhöfe, auf denen mehr möglich ist.

Welche Rolle beim Wandel von Trauer- und Bestattungskultur spielt unsere Migrationsgesellschaft?

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Stadt muss offener werden und mehr Möglichkeiten für andere Bestattungstraditionen bieten - und das in allen Stadtteilen. Jede Religion muss hier ihre Wege der Bestattung finden und gehen können.

Kann man aus migrierten Trauerkulturen etwas lernen?

Es ist wichtig, dass wir offen für andere Kulturen und Traditionen sind, um mehr Leichtigkeit in das Thema zu bekommen. Am 30. Oktober feiern wir hier im Lebenshaus ein mexikanisches Totenfest. Die Mexikaner glauben, dass ihre Seelen einmal im Jahr zurückkehren. Dann feiern die Hinterbliebenen mit ihnen. Bei unseren Totentagen hingegen darf man alles nicht tun, was wir im Leben eigentlich gerne machen. Wir müssen den Tod auch einmal bunt darstellen. Die Menschen sind heute nicht mehr so katholisch wie früher, da bestimmt dann auch die Kirche nicht mehr alleine, wie getrauert wird.

Wer soll eigentlich bestimmen, wie man begraben wird? Der Sterbende oder der Angehörige?

Am besten setzt man sich vorher zusammen und sagt, was man möchte und findet einen Konsens. ­Kommunikation ist wichtig. Jeder entscheidet selbst, aber im Kontext mit den Hinterbliebenen. Man muss darüber reden - auch solche Prozesse begleite ich im Lebenshaus.

Was will das Lebenshaus bieten?

Ich organisiere Veranstaltungen und Seminare für Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben, aber auch für Bürger, die sich frühzeitig mit dem Thema rund um das Sterben auseinandersetzen wollen. Das Lebenshaus wird aber bewusst auch vermietet für Sport und Musik. Hier soll viel Leben in der Bude sein.

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