Heimatforschung

Nazi-Zeit ist für 88-jährigen Hüstener kein „Vogelschiss“

Die Liste der Bücher und Artikel, die Werner Saure schon veröffentlicht hat, ist lang. Und der 88-Jährige arbeitet an weiteren Projekten. Aktuell befasst der sich mit dem Waldkreuzweg in Oelinghausen.

Foto: Katrin Clemens

Die Liste der Bücher und Artikel, die Werner Saure schon veröffentlicht hat, ist lang. Und der 88-Jährige arbeitet an weiteren Projekten. Aktuell befasst der sich mit dem Waldkreuzweg in Oelinghausen. Foto: Katrin Clemens

Hüsten.   Heimatforscher Werner Saure fühlt sich in der Pflicht, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der ehemalige Realschul-Leiter plant weitere Projekte.

Wenn es um die Geschichte Hüstens, Neheims und Oelinghausens geht, ist Werner Saure gefragt. Der Heimatforscher und ehemalige Leiter der Realschule Hüsten hat sich auch intensiv mit der Geschichte der jüdischen Familien beschäftigt. Wie die Nachfahren von Opfern und Tätern damit umgehen und was ihn selbst antreibt, verrät der 88-Jährige im Interview.

Nur geschätzt: Wie viele Stunden, Tage, Jahre haben Sie schon in die Heimatforschung investiert?

Werner Saure: Das ist schwer zu schätzen. Wenn ein neues Buchprojekt ansteht, sind es auch schonmal zehn Stunden täglich. Aber es bleibt ein Hobby.

Wann und warum sind Sie damit gestartet?

Ich habe Geschichte studiert und auch lange unterrichtet. Geschichte in der Schule zu vermitteln ist schwierig, weil Kinder und Jugendliche ein anderes Zeitbewusstsein haben. Um es für sie anschaulicher zu machen, habe ich irgendwann in den 60er-Jahren angefangen, die Geschichte vor Ort zu recherchieren. Die weltgeschichtliche Entwicklung läuft parallel zur heimischen Geschichte, schon im Mittelalter gibt es viele Beispiele.

Einer ihrer Schwerpunkte ist die jüdische Geschichte – haben Sie zu Beginn ihrer Arbeit Widerstände oder sogar Anfeindungen erlebt?

Wirklich angegriffen worden bin ich wegen meiner Arbeit nie. Aber die Nazi-Zeit wurde anfangs sträflich vernachlässigt, auch in der Schule. Es gab Lehrer, die selbst noch betroffen waren und nicht frei darüber sprechen konnten. Man muss aber alle Quellen betrachten, wenn man die Geschichte möglichst objektiv wiedergeben will, man darf nicht selektieren.

Zur ganzen Geschichte gehören Opfer, aber auch Täter. Und auch die tragen bekannte Neheimer und Hüstener Familiennamen – wie sind Sie damit umgegangen?

Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, gehören wie ich ja schon zur Generation der Söhne und Töchter. Ich habe nie mit dem Finger auf sie gezeigt, das möchte ich auch nicht. Wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, tragen sie schon genug an der Geschichte. Im Übrigen urteilen wir heute viel härter als die Nachkriegsgeneration.

Was ist es – neben des rein geschichtlichen Interesses – das Sie antreibt?

Ich fühle mich auch verantwortlich, allein aufgrund meines Alters. Ich war neun Jahre alt als mein Vater in der Reichskristallnacht ganz bleich vor Schrecken nach Hause kam angesichts dessen, was er gesehen hatte. Das hat mich einfach nicht losgelassen. Die Nazi-Zeit ist eben alles andere als ein Vogelschiss in der Geschichte. Die Nazis haben Deutschland so beschädigt, dass es noch über Generationen nachwirken wird. Der Nachfahre einer jüdischen Familie, die von hier vertrieben wurde, hat mir bei einem Besuch einmal gesagt, dass er die Aufarbeitung der Vergangenheit nirgendwo so gründlich erfahren habe wie in Deutschland. Das war für mich ein sehr positives Ergebnis dieses Besuchs – zumal er einige Zeit vorher noch sicher war, dass er niemals nach Deutschland zurückkehren wolle.

Welche persönlichen Kontakte haben Sie durch Ihre Recherchen schon geknüpft?

Meine Frau und ich sind schon nach London und Schweden eingeladen worden von Familien, die ursprünglich aus Hüsten und Neheim stammen. Außerdem habe ich zum Beispiel Kontakte nach Israel und Neuseeland. Und oft melden sich auch Autoren und Wissenschaftler, die auf der Suche nach Quellen sind. Es freut mich schon, wenn die eigene Arbeit ankommt.

Wie optimistisch sind Sie, dass jemand Ihre Bemühungen um die Heimatgeschichte fortführt?

Sowohl beim Heimatbund als auch beim katholischen Bildungswerk gibt es viele engagierte Menschen. Und meine Arbeit in Oelinghausen führt ein ehemaliger Schüler weiter.

Sie haben fast ein Vierteljahrhundert die Hüstener Realschule geleitet. Mit welchen Gedanken beobachten Sie die heutige Entwicklung?

Es ist schade, dass die Realschule in der Sekundarschule aufgeht. Die Realschule war eine Schule des Aufstiegs – wir haben Theologen und Akademiker hervorgebracht. Die Frage ist jetzt, ob die Sekundarschule das schafft.

Haben sich die Schüler aus Ihrer Sicht im Laufe der Generationen verändert?

Schon, aber ich würde sagen, es ist eine wellenförmige Veränderung. Um 68 waren die Schüler politischer. Heute würde ich sagen, dass sie zielstrebiger sind und mehr auf ihre Zensuren achten.

Das heißt also sie sind selbstbezogener.

Das ist Ihre Wortwahl. Im politischen Sinne vielleicht, ja. Aber ich stelle auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl unter den Schülern fest, sie pflegen ihre Freundschaften sehr. Das ist doch ein gutes Zeichen.

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