Kriminalität

Blutrache-Prozess: Dennoch kein Clan-Problem in Arnsberg

In Arnsberg sieht die Polizei keine „typische Clan-Kriminalität“.

In Arnsberg sieht die Polizei keine „typische Clan-Kriminalität“.

Foto: Christoph Reichwein

Arnsberg.   Die Polizei sieht trotz blutiger Fehde zweier Familien-Clans kein typisches organisiertes Verbrechen in Arnsberg. Heute beginnt der Prozess.

Ein derzeit vor dem Landgericht Dortmund verhandeltes Verbrechen um Mord und Blutrache zwischen zwei libanesischen Großfamilien hat auch Verbindungen nach Arnsberg (wir berichteten bereits). Eine der Familien ist der Kreispolizeibehörde im Hochsauerlandkreis zwar bekannt, von „typischer Clan-Kriminalität“ will Polizeisprecher Holger Glaremin in Arnsberg und Sundern aber ausdrücklich nicht sprechen. „Die gibt es hier nicht“, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung.

Die Verhandlung vor dem Landgericht und deren Hintergrund erweckt einen anderen Eindruck: Im Juni 2011 war ein Sohn der Gladbecker Familie S. von zwei Brüdern der Arnsberger Familie C. in Bottrop auf einer Feier hinterrücks erstochen worden. Beide wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt in Dortmund geht es vor Gericht darum, dass später Mohammed S. - Vater des Ermordeten - Blutrache gefordert haben soll und den Tod des Vaters der Brüder C. angeordnet haben. Majid C. wurde dann im Jahr 2012 am Bahnhof in Bielefeld, wo dieser in der Haftanstalt eine Strafe im offenen Vollzug verbüßte, überfallen und mit mehreren Messerstichen schwer verletzt. Das Verfahren damals in Bielefeld wurde nun in Dortmund wieder aufgerollt. 43 Verhandlungstage - einer war für heute angesetzt - sind eingeplant.

Die Kreispolizeibehörde im Hochsauerlandkreis, so Holger Glaremin, stehe aber zu Themen der Clankriminalität stets im engen Austausch mit anderen und übergeordneten Behörden wie dem Landeskriminalamt in Düsseldorf. „Das ist schließlich ein strategischer Schwerpunkt“, so Glaremin. Richtige Clankriminalität falle unter organisierte Kriminalität und werde ermittlungstechnisch - selbst wenn die Bezüge ins Sauerland führen - in der Regel federführend von Dortmund aus geführt. Das heiße aber nicht, dass im HSK möglicherweise verdächtige Großfamilien nicht im Auge behalten werden würden.

In den nun vor dem Landgericht Dortmund aufgerollten Hintergründen ist eine Arnsberger Familie maßgeblich involviert. Die Taten aber fanden in Bottrop und Bielefeld statt. Holger Glaremin spricht von einer „Familienfehde“, die aber nicht mit Clan-Kriminalität gleichzusetzen sei.

Faktoren der Clan-Kriminalität

„Klar, es gibt auch hier große Familien“, sagt der Polizeisprecher. Und diese hätte die Kreispolizei - wenn auffällig - auch auf dem Schirm. Clan hieße aber nicht gleich zwingend kriminell. Und wenn Mitglieder einer Familie kriminell würden, so definiert Holger Glaremin, sei das nicht gleich automatisch Clan-Kriminalität. Dazu müssten viele Faktoren zusammenkommen: Neben der gemeinsamen familiären-ethnischen Herkunft die völlig fehlende Anerkennung des deutschen Rechts- und Wertesystems und auch die systematische Ermittlungsbehinderung durch Clan-Strukturen.

Davon könne hier in Arnsberg und Sundern nicht die Rede sein - auch wenn rund um die Familienfehde selbst der Bundesgerichtshof bei der Rüge eines früheren Urteils festgestellt hatte, dass bei den Ermittlungen viele Zeugen aus den Clans gelogen oder die Wahrheit verschleiert hatten. Schwerpunkte der klar definierten Clan-Kriminalität seien nicht im Sauerland, sondern vielmehr im Ruhrgebiet zu finden, wo für diese Art der Kriminalität offenbar mehr zu holen sei. „Hier gibt es das in dieser Form nicht“, sagt Glaremin.

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