Sauerland-Museum

Sauerland-Museum: Große Tourismus-Ausstellung in Planung

Noch Ender der 1950er Jahre wirbt Arnsberg mit dem Titel „Luftkurort“ um Touristen.

Noch Ender der 1950er Jahre wirbt Arnsberg mit dem Titel „Luftkurort“ um Touristen.

Foto: Sammlung Wolfgang Becker

Arnsberg.   Dargestellt wird die spannende Entwicklung des „Paradieses vor der Haustür“ aus der Sicht des Ruhrgebiets.

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Die große August-Macke-Retrospektive zur Eröffnung des Neubautraktes des Sauerland-Museums im Herbst 2019 ist organisatorisch in trockenen Tüchern. Aber hinter den historischen Mauern des Blauen Hauses laufen längst die Arbeiten für die Folgeausstellung, die ab März 2020 zu sehen sein wird:

„Das Paradies vor der Haustür“. Thematisiert wird der Tourismus im Sauerland, von dem auch Arnsberg früh profitierte und vor allem in Zukunft noch stärker profitieren soll.

Endlich Urlaub

Wo wir leben, das ist für viele Menschen tatsächlich „Das Paradies vor der Haustür.“ Und das entdecken mit Beginn des 20. Jahrhunderts mit Einführung von Urlaubstagen in das Arbeitsrecht die BewohnerInnen des stark luftverschmutzten Ruhrgebiets für sich.

Arnsberg wirbt mit dem Titel „Luftkurort“

Sie nutzen fortan das Sauerland als Naherholungsgebiet - Arnsberg wirbt sogar mit dem Titel „Luftkurort“, um endlich einmal frische Luft zu tanken und legen damit den Grundstein für die Entstehung des heimischen Tourismus als einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der Region.

In der Ausstellung will das Sauerland-Museum dessen Entstehung und Wirkung aufarbeiten. Gesucht werden dafür noch Exponate - und damit die Mithilfe der Bevölkerung.

„Ohne Industrialisierung kein Tourismus“

Dargestellt wird die Entwicklung aus der Sicht des Ruhrgebiets. „Denn ohne die Urbanisierung und Industrialisierung,“ sagt Museumsleiter Dr. Jürgen Schulte-Hobein, „hätte sich der Tourismus in der Region nicht entwickelt.“

Die Bevölkerungszahl im Ruhrgebiet habe sich schließlich zwischen 1850 und 1900 verzehnfacht.

Kranke suchen Erholung

Aber viele dieser Menschen seien als Folge zum Beispiel der schweren Untertagearbeit und der Luftverschmutzung durch die permanent rauchenden Schlote krank geworden. Ein bitteres Stichwort hier: die Staublunge, die vor allem die Bergarbeiter nicht alt werden lässt.

Doch wer krank ist, der benötigt Erholung - und die dafür erforderliche Freizeit. Was allmählich Arbeitgebern und Politikern dämmert.

„Das war der Startschuss für die Entwicklung“

So werden mit Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals Urlaub und Acht-Stunden-Tag eingeführt. „Das war der Startschuss für die Entwicklung des Sauerlandes als Urlaubsregion.“

Denn dieses Naturparadies, so Schulte-Hobein, befindet sich direkt und damit leicht erreichbar vor der Haustür des Ruhrgebiets.

Die Entwicklung, die der Tourismus fortan nimmt, wird in der Ausstellung in verschiedenen Kategorien dargestellt: Wie zum Beispiel am Wintersport, der bereits schon im ausgehenden 19. Jahrhundert seine Anfänge hat. Begünstigt auch durch den Bau der Ruhrtalbahn (1870 - 1872) sowie dem Anschluss nach Winterberg 1906.

„In dieser Zeit entsteht der Begriff Sommerfrische“

Um 1890 betritt dann ein weiterer, noch heute bedeutsamer Mitspieler die Szene: der Sauerländische Gebirgsverein.

Der SGV wirbt mit dem Wandern eben an der frischen Luft, nach der die umweltgeplagten Ruhrgebiet-Bewohner lechzen. „In dieser Zeit entsteht der Begriff Sommerfrische,“ weiß der Museumsleiter. Als Synonym für Urlaub.

Der Erste Weltkrieg bedeutet eine Zäsur

Aber jetzt werden auch die ersten Talsperren als Wasserreservoire für den Kohlenpott gebaut- und damit ergibt sich ein neues Urlaubsvergnügen: der Wassersport. Mit übrigens häufig wechselnden „Bademoden“.

Dann bringt der 1. Weltkrieg die erste Zäsur: Statt Urlaub in Arnsberg oder Winterberg heißt es jetzt Vegetieren im Schützengraben. Folge: Der Tourismus stagniert bis zum Inflationsjahr 1923. „In den goldenen 1920ern nimmt jedoch der Tourismus vor Ort richtig Fahrt auf und konsolidiert sich.“

Ab 1933 staatlich organisierter Tourismus - KdF

Allerdings ist der Tourismus in dem ab 1933 dunklen Deutschland staatlich organisiert. „Kraft durch Freude“ (KdF) ist das Zauberwort, das viele Menschen Gutes im Braunen vermuten lässt.

Kleine Anekdote: „Durch den KdF kamen damals die Albrecht-Bruder (Gründer der Aldi-Kette) ins Sauerland,“ sagt Dr. Jürgen Schulte-Hobein, „und lernten es schätzen.“

Wirtschaftswunder steht Pate für den Massentourismus

Doch die braune Verschleierung hält nicht lange: 1939 werden aus KdF-Dampfern Lazarettschiffe und Truppentransporter, die Urlaubsbusse transportieren Soldaten an die Fronten. Es hat sich ausgeurlaubt in Deutschland.

Bis Ende der 1950er Jahre das Wirtschaftswunder dem Massentourismus Pate steht. Aber dabei gerät auch das „Paradies vor der Haustür“ ins Hintertreffen.

Plötzlich wird das Ruhrgebiet selbst Urlaubregion

Denn nach Jahren der Enge zieht es nun viele Menschen in die Ferne. Darauf regiert das Sauerland - mit dem Ausbau der Infrastruktur, der Entwicklung von Tagestourismus und Urlaub auf dem Bauernhof.

Dann der nächste Schlag, so Schulte-Hobein: „Die Schornsteine im Ruhrgebiet rauchen nicht mehr.“ Strukturwandel. Und das Land der Zechen und Stahlwerke wird mit Museen, Parks und künstlichen Seen selbst zur Urlaubsregion.

„Eine Herausforderung“

„Eine eklatante Herausforderung für das Sauerland.“ Doch das reagiert - mit neuen Attraktionen wie Bike-Arena, Eis-Arena, Bobbahn und Skizirkus. Das Land der tausend Berge ist damit „Active Area“. Aktiv-Urlaub als Erholung vom Alltagsstress.

Das Hin und Her ist der rote Faden der Ausstellung

„Dieses Hin und Her zwischen Ruhrgebiet und Sauerland zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung,“ erklärt Jürgen Schulte-Hobein. „Und lässt erkennen, wie sich der Tourismus entwickelt hat und vielleicht noch entwickeln wird.“

Schließlich sei Tourismus kein starres System, sondern ein ständiges Reagieren auf sich veränderte Begehrlichkeiten.

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