Finanzen

Schuldner in Arnsberg: „Der finanzielle Stress ist hoch“

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„Taschen leer...“: Im Raum Arnsberg kommen viele Menschen aus dem Niedriglohnsektor sowie Kleinunternehmer zur Beratung.

„Taschen leer...“: Im Raum Arnsberg kommen viele Menschen aus dem Niedriglohnsektor sowie Kleinunternehmer zur Beratung.

Foto: Heiko Wolfraum / picture alliance / dpa

Arnsberg.  Die Schuldnerberatung in Arnsberg hat viel zu tun – trotz bundesweit sinkender Fallzahlen.

Bundesweit weniger überschuldete Menschen hat die „Credit­reform“ für das laufende Jahr gezählt. Wie sieht es vor Ort mit der Überschuldung von Privatpersonen aus? Dazu haben wir Sarah Hermes befragt, bei der Diakonie Ruhr/Hellweg für die Schuldnerberatung in Arnsberg zuständig.

Die Zahl überschuldeter Verbraucher hat 2021 einen Tiefststand erreicht, es sind so wenige wie noch nie seit Beginn der Auswertungen 2004 (Quelle: Creditreform) – lässt sich dieser Trend auch in Arnsberg feststellen?

Sarah Hermes Die Creditreform spricht im Rahmen des veröffentlichen Schuldner-Atlas Deutschland 2021 von einem „Überschuldungsparadoxon“. Trotz Pandemie zeige sich ein Tiefststand bei der Überschuldung. Diesen Trend spüren wir im Beratungsalltag allerdings nicht. Die Anfragen an die Beratungsstellen sind konstant, Tendenz steigend durch die Verkürzung der Verbraucherinsolvenzlaufzeit auf drei Jahre. Im Raum Arnsberg erhalten wir deutlich mehr Anfragen von Menschen im Niedriglohnsektor oder bei Kleinunternehmern.

Die Folgen der Corona-Pandemie seien bei der Überschuldung nicht akut spürbar, sondern würden – laut Creditreform – zeitverzögert und mit Langzeitwirkung auftreten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Unsere Klientel schildert auf­fallend, dass sie durch steigende Lebenshaltungskosten bei gesunkenem Haushaltsnettoeinkommen stark an ihre Grenzen kommt. Erhöhte Nebenkostenabrechnungen und Stromjahresabrechnungen belasten das Haushaltsbudget enorm. Ein bereits ausgereiztes Budget führt durch (auch Corona bedingte) Einkommenseinbußen häufig zur Zahlungsunfähigkeit, so dass Ratenkäufe und Kredite nicht mehr bedient werden können. Der finanzielle Stress der Verbraucher ist hoch, nur zum Teil greifen die staatlichen Corona-Hilfen, sämtliche Selbsthilfemöglichkeiten werden genutzt. Aus unserer Erfahrung ist mit dem erstmaligen Aufsuchen einer Beratungsstelle für die Klienten oft ein Gefühl des persönlichen Versagens und Scham verbunden. Häufig ist ein langer Leidensweg für die Menschen vorgeschaltet. Daher teilen wir die Einschätzung der Creditreform.

„Altersarmut bleibt trotz allem ein Thema“, so Creditreform. „Die 60- bis 69-Jährigen zeigen 2021 als einzige Altersgruppe einen Anstieg der Überschuldungsfälle und -quote.“ Spiegelt sich das bei Ihren Beratungen wider?

Von 2019 auf 2020 ist ein Anstieg an Insolvenzberatungen der über Sechzigjährigen im Raum Hochsauerlandkreis in unseren Beratungsstellen zu verzeichnen. Dennoch ist in diesem Alter die Hemmschwelle, eine Beratungsstelle aufzusuchen bzw. staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, sehr groß. Wir vermuten hier eine hohe Dunkelziffer.

Bei Privatinsolvenzen liegt der deutlichste Anstieg seit über zehn Jahren vor, u.a. wegen verkürzter Restschuldbefreiung von drei Jahren; wie sieht es mit diesem Aspekt vor Ort aus?

Das Ende 2020 beschlossene Gesetz zur Verkürzung der Restschuldbefreiung hat dazu geführt, dass überschuldete Privatpersonen im Jahr 2020 ihre Insolvenzanträge zurück gehalten haben, um den Antrag nach dem Jahreswechsel zu stellen. Somit hatten wir insbesondere zu Beginn des Jahres 2021 eine besonders hohe Anzahl an Insolvenzantragstellungen. Die Nachfrage ist durchgehend hoch. Es ist schon sehr motivierend für Überschuldete, bereits nach drei Jahren die Chance auf einen wirtschaftlichen Neustart zu erhalten.

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