Abhängigkeit

Stellas langer Weg durch den Drogen-Sumpf

Drogen zerstören das Leben junger Menschen. Hinter jedem Fall verbergen sich tragische Geschichten. Der Arnsberger Wendepunkt bietet Hilfe zum Ausstieg an.

Drogen zerstören das Leben junger Menschen. Hinter jedem Fall verbergen sich tragische Geschichten. Der Arnsberger Wendepunkt bietet Hilfe zum Ausstieg an.

Foto: clipdealer.com

Arnsberg.   Beratungsstelle Wendepunkt Arnsberg hilft junger Frau aus der Sucht. Einstieg in Szene mit 14 Jahren.

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Mit starrem Blick schaut die 17-Jährige Stella (Name geändert) ihrem Freund nach. Ihre Pupillen weit geöffnet – der Drogencocktail zeigt seine Wirkung. Olaf ist 19 Jahre älter als sie, gibt ihr das Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein. Und lebt ihr gleichzeitig ein Leben ohne Zukunft vor. Ohne Perspektive. Ohne Lebensmut.

Wirr durchs Wohnzimmer stolpernd, hinterlässt er einen roten Fußabdruck nach dem anderen. Alles ist voller Blut. Erst jetzt realisiert sie, was sie getan haben. Mit Mühe versucht sie, ihre Augen aufs Handgelenk zu richten – in pulsierenden Schüben verliert sie Blut. Doch plötzlich bekommt sie Angst. Angst um Olaf, Angst um sich. Stella ruft mit letzter Kraft den Krankenwagen. Szene einer bewegenden Arnsberger Geschichte um eine drogenabhängige Frau, deren letzter Ausweg die Beratungsstelle Wendepunkt war.

Cannabis, Speed und Ecstasy - mit 14 Jahren beginnt die Odyssee, die Stella heute nur kräftezehrend verarbeiten kann. Aber sie schafft es. Gerade auch, weil sie darüber redet. Mir erzählte sie ihre ganze Geschichte. Vom ersten Kontakt mit illegalen Drogen bis hin zum kalten Entzug, der ihr das Leben rettete - es aber auch genauso gut hätte nehmen können!

Als Stella den Raum betritt, sehe ich eine hübsche junge Frau, die ihr Leben im Griff zu haben scheint. Woran sollte ich auch erkennen, dass sie einen unermüdlichen Kampf gegen die Drogensucht führt? Am trüben Blick? An Einstichen im Arm? Es ist ein gesellschaftliches Klischee, dass ein drogenabhängiger Mensch gleich mit „dem in der Ecke hockenden Junkie” assoziiert wird.

„Menschen wie du und ich sind drogenabhängig. Ich könnte dir spontan etliche Namen aus sämtlichen sozialen Schichten nennen, die sich mit Speed oder Ecstasy bei Laune halten”, sagt Stella. Sie wirkt reflektiert und doch sehe ich ihr die Nervosität an. Außer in der Klinik und beim Wendepunkt Arnsberg hat sie mit niemanden über ihre Vergangenheit gesprochen - aus Angst, dass es sie den Job kosten könnte. Denn Stella hat eine gute Ausbildung - einen guten Job.

Gerade einmal 14 Jahre ist Stella, als sie das erste Mal Cannabis konsumiert – diesen Tag wird sie nie vergessen. Wie kam sie dazu? „Falsche Freunde. Drogen zu bekommen, ist doch gar kein Problem – man kennt sich untereinander. Auf der Straße und sogar in der Schule!”

Ihre Mutter bekommt anfangs von alldem nichts mit. Weil sie in gleich mehreren Jobs arbeitet, um sich, Stella und den Bruder durchzubringen, ist Stella sehr früh auf sich selbst gestellt. Als Stella zehn Jahre alt ist, trennt die Mutter sich von ihrem alkoholabhängigen Mann, Stellas Vater, da er sie körperlich wie auch seelisch missbraucht. Stella muss sogar in ihren jungen Jahren mit ansehen, wie ihre Mutter vom eigenen Vater vergewaltigt wird. Der psychische Druck ist groß. Sie erträgt ihn mit Drogen.

Freund wird zum Tod in Person

Als Stella 15 Jahre alt ist, lernt sie Olaf kennen. 19 Jahre trennen sie – und in ihm glaubt sie die Nähe und Geborgenheit zu finden, nach der sie sich so stark sehnt. Doch der Schein trügt. Olaf selbst ist alkohol- und drogenabhängig. Von jetzt an konsumieren sie gemeinsam jedes Wochenende. In dieser Phase ihrer Beziehung soll sie am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, geschlagen und vergewaltigt zu werden.

Geprägt von Gewalt findet sie in Olaf nicht den einfühlsamen Freund und Lebensretter, sondern den Tod in Person. Es geht sogar so weit, dass Stella im Alter von 17 Jahren gemeinsam mit ihm einen Suizidversuch unternimmt. Vor lauter Angst ruft sie jedoch selbst den Krankenwagen und liegt mehrere Tage auf der Intensivstation.

„Den Blick meiner Mutter im Krankenhaus werde ich niemals vergessen - das war der Punkt, an dem ich wusste, dass ich mich von Olaf trennen muss!” Stella zieht den Schlussstrich, doch Olaf lässt sie nicht so einfach gehen. Eines Tages verfolgt er sie bis zum Bahnhof und schlägt ihr eine Flasche über den Kopf. Wieder landet Stella im Krankenhaus.

Einige Zeit später erfährt Stella, dass Olaf nicht mehr lebt - ein Befreiungsschlag, der sie aber auch in ein tiefes Loch führt. Sie befindet sich mitten in ihrem Abschlussjahr. Das muss sie packen – sie möchte eine Ausbildung beginnen. „Ab da an musste ich irgendwie funktionieren”, erklärt sie ihren nunmehr erhöhten Drogenkonsum. „Nachts lernte ich – tagsüber funktionierte ich!” Sie schafft es. Der Start in die Ausbildung hält sie jedoch nicht davon ab, weiterhin Speed und Ectasy zu nehmen.

Den Job verloren

Sie findet neue Freunde, ebenfalls abhängig. Sie wird weiter in den Drogensumpf hineingezogen, verliert ihren Job. Mittlerweile lebt Stella abgeschottet von der Außenwelt – selbst zur Familie besteht kein Kontakt mehr. Sie leidet auch unter paranoiden Wahnvorstellungen, meint an jeder Ecke verfolgt zu werden.

Ich sehe ihr förmlich an, wie schwer es ihr fällt, über diese Zeit und vor allem die Wahnvorstellungen zu sprechen. Denn genau jetzt erzählt sie vom Punkt in ihrem Leben, wo sie die Kontrolle verliert. Die Kontrolle, die ihr immer so wichtig war. Die Kontrolle, die ihr der Alkohol und die Drogencocktails genommen haben. Sie erzählt, dass sie sich dauernd an den „letzten Blick ihrer Mutter” erinnere. Den, den sie ihr nach dem Suizidversuch auf der Intensivstation entgegenbrachte. Ein hilfloser und überforderter Blick. Im Nachhinein ist sich Stella sicher, dass dieser Blick ihr das Leben rettete!

Wendepunkt bietet schnelle Hilfe

Im Sommer 2015 zieht sie Bilanz - trennt sich von ihrem Freund und will sich eine neue, drogenfreie Zukunft aufbauen. Schnell jedoch merkt sie, dass sie mit den Drogen nicht so einfach aufhören kann. Sie bekommt starke Schmerzen - insbesondere in den Beinen. Laut ihrer Ärztin eine Folge der chronischen Dehydration ihres Körpers.

Zu tief sitzt die Sucht. Allein schafft sie das nicht! „Ich entschied mich recht spontan dazu, bei der Suchtberatung Wendepunkt anzurufen. Ich bekam schnell Hilfe und wurde direkt an eine Fachklinik verwiesen”, erzählt Stella. Zudem setzte sie sich mit AKIS - die Arnsberger Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen im HSK – in Verbindung, um weitere Unterstützung zu bekommen.

Vor mir sitzt eine gebeutelte 25-jährige Frau, die seit Januar dieses Jahres drogenfrei lebt und sich eine neue, sichere Zukunft aufbauen will. Eine Frau, die gemerkt hat, dass sie ohne fremde Hilfe nicht aus dem Drogensumpf herauskommt. Mittlerweile steht sie in einem neuen Arbeitsverhältnis und hat sich von sämtlichen „alten Freunden” getrennt. Zu schwer fällt es ihr, sich im alten Milieu aufzuhalten, ohne auch nur an Drogen zu denken. „Ich denke meine Rückfallgefahr ist am größten, wenn ich zwischen den Belastungen des Alltags und den angenehmen Dingen kein Gleichgewicht herstelle”, so Stella.

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