Kölner Stadtarchiv

Sunderner erinnert sich an Schreckenstag

Trümmer liegen nach dem Einsturz in Köln an der Stelle, an der sich das „verschwundene“ historische Stadtarchiv befand. Der Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs wird am morgigen Freitag mit einem Urteil enden. Dr. Peter Hesse aus Sundern befand sich bis kurz vor dem Einsturz im Lesesaal.

Trümmer liegen nach dem Einsturz in Köln an der Stelle, an der sich das „verschwundene“ historische Stadtarchiv befand. Der Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs wird am morgigen Freitag mit einem Urteil enden. Dr. Peter Hesse aus Sundern befand sich bis kurz vor dem Einsturz im Lesesaal.

Foto: Oliver Berg/DPA

Sundern/Köln.   Seine Erinnerungen an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind sehr präzise: Dr. Peter Hesse hat aber persönlich mit dem Kapitel abgeschlossen.

Knapp zehn Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs nimmt am morgigen Freitag die juristische Aufarbeitung der Katastrophe ihr Ende. Für Dr. Peter Hesse ist der Urteilsspruch, den das Kölner Landgericht nach 47 Verhandlungstagen fällen wird, nicht mehr wichtig: „Ich habe mit dem Kapitel abgeschlossen“, sagt er unserer Zeitung. Dass er an dem Morgen des 3. März 2009 im Stadtarchiv saß, als der Einsturz begann, ist Teil seines Lebens: „Das lässt sich auch nicht mehr ändern, es bringt mich aber auch nicht weiter.“ Somit ist für den 43-Jährigen das Urteil wichtig, aber es berührt nicht mehr sein heutiges Leben.

Das war vor neun Jahren anders: Denn der damals 33-jährige Sunderner arbeitete gerade an seiner Doktorarbeit. Er recherchierte und sah regelmäßig Quellen in dem Gebäude ein. „Es ging um das Nachrichtenwesen von Köln im 15. Jahrhundert“, erklärt er, was der Abschluss seines Geschichtsstudiums werden sollte. „Das ist ein spannendes Kapitel, schon damals gab es Fake News, denn es wurden In­trigen gesponnen, Lügen erzählt und Belege gefälscht“, weiß Hesse.

Hoffnung Mikrofilme

In der Recherchezeit hatte er sich viele Notizen aus den alten Schriften

und Quellen im Stadtarchiv gemacht: Als das Kölner Archiv im Erdboden verschwand, waren damit auch alle wichtigen Referenz-Unterlagen für seine Dissertation verschwunden. „Ich wusste, dass es noch einen Stollen im Schwarzwald gibt, wo auf Mikrofilmstreifen die Quellen nochmals gesichert sind. Im März 2009 war da aber nicht heranzukommen“, erinnert sich Hesse.

Die Chance, seinen Doktortitel zu erhalten, war mit dem Einsturz zunächst dahin. Und die Zeit drängte, auch wenn es damals ziemlich chaotisch war im historischen Seminar in Köln. „Ich bin die Sache dann pragmatisch angegangen: „Mein Doktorvater sagte: Irgendwie geht es!“ Also änderte Hesse den Fokus der Arbeit von Köln nach Neuss auf einen mit Akten gut dargelegten Vorgang der Stadtgeschichte. „Damit war die Arbeit gerettet und die viele Arbeit im Vorfeld auch“, sagt Dr. Peter Hesse heute. Am Einsturztag, dem 3. März 2009, hatte er bereits 120 Seiten fertig, verwerten konnte er später nur noch 40 Seiten Einstieg in die Materie. Im Juni 2010 hat Peter Hesse die Arbeit dann an der Universität zu Köln abgegeben und auch später die Promotion abgeschlossen.

Gute Erinnerung

Den Tag des Einsturzes kann er sehr gut wiedergeben, das habe sich - trotz allen Abstandes - eingebrannt: „Es gab einen riesigen Knall. Wenig später rannte ein Bauarbeiter durch den Lesesaal, wo ich saß“, erzählt Hesse, während er mit ein paar Bierdeckeln den Aufbau des Archivs skizziert. Die Aufsicht habe den aufblickenden Lesern aber ein beruhigendes Zeichen gemacht und man habe weitergearbeitet: „Dann aber sahen wir Menschen an einer offen Tür panisch vorbeilaufen. Und wenig rannte ein Professor in den Saal und brüllte: ,Alle raus, alles raus’.“ Er habe zwar keine Befugnis dazu gehabt, aber in diesem Moment eine Menge Autorität ausgeströmt: „Ich habe dann den Stecker vom Laptop gezogen, ihn unter den Arm geklemmt und bin raus gelaufen.“

Garderobe blieb im Haus

Als er noch seine Garderobe aus dem Spind holen wollte, habe ihn eine Aufsicht herausgedrängt. Vor dem Haus brüllte ihn ein Bauarbeiter an: „Du weg, weg“ und er sei gelaufen. Nach 30 oder 40 Metern habe er sich umgeschaut: „Und da bog sich das Gebäude. Ich konnte das Bild nicht verarbeiten. Dann kam ein Geräusch, so als wenn jemand eine Fuhre Schutt abkippt“, erinnert sich Peter Hesse an diese Sekunden. Er beschreibt den Anblick als surreal und nicht zu verarbeiten.

Später wurden Studenten und Mitarbeiter in ein nahes Hotel gebracht, dort sei alles aufgenommen, alle Namen notiert worden, auch von denen, die man in seinem Umfeld gesehen hatte. Anschließend hätte ständig sein Handy gebimmelt: „Ich höre Sirenen“, hätte sein Vater bei seinem Anruf gesagt. Dann brach das Netz in Köln zusammen.

Coaching neues Arbeitsfeld

Die Geschichte hat Hesse hinter sich gelassen, arbeitet als Coach in einer Unternehmensberatung: „Es geht um die Vermittlung von Gesprächsführung und Verhandlungen. Die Kunden kommen aus dem Bereich der Industrie und der Hochschule. Mir hatte die Arbeit mit den Studenten an der Kölner Uni Spaß gemacht. Und jetzt gebe ich Menschen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln“, so der Sunderner. Das sei besser als sich alten Akten zu widmen, habe er letztlich erkannt. „Das Stadtarchiv war ein Ort, wo ich hingegangen und recherchiert habe. Es war nicht mein Archiv, das war bei den Archivaren anders. Es war ihr Leben.“ Anfangs habe er sich bei den Freiwilligen eingereiht und einen Berg Akten, der durch den Druck zu einem Kegel zusammengepresst worden war, bearbeitet: „Aber ich hatte Angst, dass mich das alles zu sehr deprimiert“, sieht Hesse die Sache fast zehn Jahre später. „Es bringt mir nichts, ich muss pragmatisch denken und einen Schritt vorwärts gehen“, habe er sich damals gesagt. Das sei auch der Zeitpunkt gewesen, ab dem er nicht mehr Zeitung gelesen habe, zumindest nichts über das Stadtarchiv.

Mehr zum Thema: https://www.wp.de/panorama/prozess-um-koelner-archiv-einsturz-plaedoyers-beginnen-id215418361.html

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