Razzia

Umarex-Mitarbeiter schmuggelt Waffenteile in Thermoskanne

Die Polizei stellte am Mittwoch in Hagen die Waffenfunde vor.

Die Polizei stellte am Mittwoch in Hagen die Waffenfunde vor.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Neheim.  In einer Thermoskanne schmuggelte ein inzwischen in U-Haft sitzender Mitarbeiter Waffenteile aus der Neheimer Umarex-Produktion.

Mit einer Thermoskanne soll der inzwischen entlassene Mitarbeiter eines Waffenherstellers im Sauerland die Sicherheitsmaßnahmen überlistet haben. In der beschichteten Kanne habe er nach Recherchen der Deutschen Presseagentur Waffenteile unbemerkt durch eine Metalldetektor-Schleuse aus der Fabrik schmuggeln können, sagte Staatsanwalt Thomas Schmelzer am Freitag auf Anfrage. Auch seinen mit Münzen gefüllten Geldbeutel habe er genutzt, um den Detektor auszutricksen, sagte Schmelzer der Deutschen Presse-Agentur. Die Schleuse sei aber recht spät installiert worden. Viele Teile habe der 47-Jährige zuvor relativ einfach aus dem Werk bringen können. Ende März war er beim Versuch erwischt worden, einen Pistolenlauf durch die Sicherheitskontrolle zu schleusen. Wie sich herausstellte, soll der Mann seit 2016 Teile entwendet und zuhause zu kompletten Waffen zusammengebaut haben. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft. Eine Anklage beim Landgericht Arnsberg, so die dpa, läge bereits vor.

Bei einer groß und landesweit angelegten Razzia im Kampf gegen illegalen Waffenhandel und organisierte Kriminalität gerieten auch beim Neheimer Unternehmen Umarex entwendete Waffenteile am Mittwoch in den Fokus. Ein 47-jähriger Mitarbeiter war schon im Frühjahr festgenommen worden. Er soll mindestens seit dem Jahr 2016 Waffenteile entwendet und in Umlauf gebracht haben. Er wurde fristlos gekündigt. Das Neheimer Unternehmen kooperierte offenbar von Beginn an mit der Polizei bei der weiteren Aufklärung des Falles.

Große Razzia mit 130 Beamten

Die Dienststelle zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität des Polizeipräsidiums Hagen durchsuchte am Mittwochmorgen mit einem Großaufgebot von rund 130 Beamten in den Städten Dortmund, Lünen, Radevormwald, Menden, Duisburg und Wilhelmshaven (Niedersachsen) insgesamt zwölf Wohnungen, Häuser, Werkstätten und eine Firma wegen illegalem Waffenhandel. Zum Teil wurden dabei, so teilt die Polizei mit, auch Spezialeinheiten eingesetzt.

„Der Einsatz war Teil eines außergewöhnlichen Ermittlungsverfahrens, bei welchem ausgehend von versuchten Tötungsdelikten mit Schusswaffen im Rockerbereich, der Weg der Tatwaffe bis zum illegalen Verkäufer akribisch in monatelanger Arbeit zurückverfolgt wurde“, erklärt das zuständige Polizeipräsidium.

Umarex-Waffenteile gefunden

Wie aber führte Spur überhaupt nach Neheim? Im Rahmen von Ermittlungen der OK-Dienststelle des PP Hagen gegen Mitglieder der Rockergruppierungen Bandidos und Freeway Riders wurde festgestellt, dass 2018 bei drei versuchten Tötungsdelikten in Hagen Waffen des Kalibers 22 als Tatwaffen verwendet wurden. Bei Durchsuchungen im Dezember 2018 wurden beim Präsidenten und beim Vize-Präsidenten der Freeway Riders Hagen jeweils Pistolen der Marke Walther, Typ P 22, Kaliber 22, sichergestellt. Bei den Waffen fehlten die Seriennummer und die Beschusszeichen. Ermittlungen zu der o. g. Pistole P 22, ergaben, dass die Waffe ausschließlich bei einem Waffenhersteller aus Arnsberg produziert wird.

„Auffällig war, dass seit 2017 in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen zahlreiche Pistolen der Marke Walther, Modell P22, Kaliber 22 ohne derartige Prägungen sichergestellt wurden“, so die Polizei. Außerdem kam es 2018 zur Auffindung von Betäubungsmitteln und Waffen in einem Lkw in Dover in Großbritannien, darunter befanden sich auch Pistolen des Typs P 22.

Weitere Pistolen des Typs P 22 wurden unter anderem in Meschede, Bielefeld, Dortmund, Bochum, Herne, Köln, Lüdenscheid und Hagen sichergestellt. Mehrere der Sicherstellungen erfolgten im Rockermilieu. Charakteristisch war bei allen sichergestellten Pistolen der Marke Walther, Typ P 22, dass die in der Bundesrepublik Deutschland vorgeschriebenen Beschusszeichen, Vertriebszeichen und die Waffennummer fehlten. Es lagen auch keine Anzeichen dafür vor, dass diese Kennzeichnungen einmal vorhanden oder entfernt worden waren.

Verdacht schon im Jahr 2018

Da dieser Waffentyp ausschließlich bei der Firma Umarex GmbH Co. KG in Arnsberg produziert wird, bestand der Verdacht, dass gegebenenfalls Mitarbeiter Waffen oder entsprechende Waffenteile vor der Endkontrolle und vor dem Anbringen der Beschusszeichen und Seriennummern Waffen aus der Firma entwendet und in Umlauf gebracht hatten.

Die bestehende Verdachtslage führte im Spätsommer 2018 zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Arnsberg und der Kreispolizei Hochsauerlandkreis. In diesem Rahmen wurden in Absprache zwischen der Polizei und der Geschäftsleitung der Firma Umarex die dortigen Sicherheitsvorkehrungen kontinuierlich optimiert, so dass letztendlich am 25. März 2019 ein deutsch-portugiesischer 47-jähriger langjähriger Beschäftigter des Waffenproduzenten bei dem Versuch, einen Lauf durch die Sicherheitskontrolle zu schleusen, auffiel.

Langjähriger Mitarbeiter als Schlüsselfigur

Die anschließend durchgeführte Durchsuchung führte zur Auffindung von zahlreichen Waffen und Waffenteilen. Im Rahmen seiner geständigen Einlassung machte der 47-jährige Arnsberger weitergehende Angaben zu einem Abnehmer der Waffen aus dem Märkischen Kreis. Die Ermittlungen bestätigten, dass der Mitarbeiter zumindest seit 2016 Waffenteile bei seinem Arbeitgeber entwendete und mit seinem Fachwissen zu Hause zu kompletten Waffen zusammenbaute. Die Firma Umarex GmbH Co. KG beendete das Arbeitsverhältnis mit diesen Mitarbeiter fristlos. Schon vorher hatte das Unternehmen seine Sicherheitsvorkehrungen intensiviert.

„Bei diesen ihm jetzt von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegten Taten griff der Beschuldigte auch auf im Fachhandel frei erwerbbare Waffenteile zurück“, erklärt das Unternehmen Umarex am Abend. Diese Teile bearbeitete er weiter und verwendete sie zur Herstellung der Schusswaffen. Dabei setzte er nach Angaben des Unternehmens einen in seinem Privathaus vorhandenen, umfassenden Bestand an hochwertigen Werkzeugmaschinen und speziellen Werkzeugen ein, die sich zur Herstellung jeglicher Art von Waffenteilen einsetzen lassen. „Diese Hilfsmittel hatte er sich offensichtlich im Werkzeugmaschinen-Fachhandel gekauft“, so das Unternehmen.

Weitere Festnahmen

Später wurde ein 26-jähriger Deutsch-Kasache aus Menden festgenommen, der die von dem Arnsberger zusammengebauten Pistolen Walther P22 und PK380 weiterverkaufte und die für den Funktionstest und den Verkauf nötige Munition beschaffte. Im Rahmen seiner Vernehmung machte der 26-jährige Mendener Angaben zu weiteren vier männlichen Personen aus Dortmund und Hagen, an welche er die Waffen samt Munition gewinnbringend verkauft hatte.

So wurde gegen einen 54-Jährigen britischen Staatsangehörigen aus Dortmund ein Haftbefehl erwirkt, dessen Festnahme im April 2019 während einer Urlaubsreise in der Eifel durch Spezialeinheiten erfolgte. Dieser Betrieb in Unna eine illegale Waffenwerkstatt, in der er neben Reparaturen an Schusswaffen auch selbst Dekowaffen zu scharfen Waffen umbaute. Dort wurden zahlreiche Waffen- / Waffenteile und Munition unterschiedlichsten Kalibers gefunden. Über den Betrieb der illegalen Waffenwerkstatt und dem Handel mit Munition und Waffen gestaltete dieser sein Auskommen.

Am 16. April 2019 war es möglich, im Rahmen eines Scheingeschäftes einen 25-jährigen Deutsch-Kosovaren aus Hagen zu identifizieren und durch Spezialeinheiten festzunehmen. Bei ihm konnten zwei scharfe Schusswaffen, darunter auch eine Walther PK380 ohne entsprechende Kennzeichnungen, zirka sieben Kilo Cannabis und rund 50.000 Euro sichergestellt werden.

Haftbefehle gegen Abnehmer

Am 17. und 18. April 2019 wurden weitere Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse gegen Abnehmer von Waffen des 26-jährigen Mendeners vollstreckt. So wurden ein 25-jährigen Deutsch-Syrer aus Hagen und ein weiterer 26-jähriger Deutscher ebenfalls aus Hagen festgenommen, letzterer ist der Rockergruppierung Bandidos zuzurechnen. Aktuell befinden sich vier dieser Tatverdächtigen in Untersuchungshaft. Gegen zwei weitere Tatverdächtige wurden bestehende Haftbefehle gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Material für 150 Pistolen

Wie viele Waffen durch die Tatverdächtigen in Umlauf gebracht wurden, kann bisher nicht abschließend beziffert werden, es ist von mindestens 150 Pistolen auszugehen. Bei dem 47-jährigen Arnsberger wurden Waffenteile gefunden, mit denen rund 50 weitere Waffen hätten gebaut werden können. Im Ermittlungsverfahren wurden die Sicherstellungen von insgesamt 56 Walther P22 und 1 Walther PK380 zusammengeführt und bewertet. Im Rahmen der Ermittlungen wurde auch von einem Tatverdächtigen ein Karabiner samt Munition zurückbeschafft, und durch den Rechtsanwalt des 26-jährigen Hagener Bandido Members wurden 5 Waffen Walther P22 mit Munition den Ermittlern übergegeben.

Die Auswertung der zahlreichen Asservate führte zur Einleitung weiterer Verfahren wegen des Verdachts des Handeltreibens mit Waffen, Munition und teilweise auch Betäubungsmitteln. Diese Ermittlungen richten sich aktuell gegen 16 tatverdächtige Personen. Jetzt fanden weitere Maßnahmen in dem Verfahren statt. Bei einem Objekt in Lünen und einem weiteren in Wilhelmshaven kamen Spezialeinheiten zur Öffnung und Sicherung der Objekte zum Einsatz. Durchsucht wurden Wohnungen, Häuser, Werkstätten und Garagen. Während der Durchsuchungsmaßnahmen, ergaben sich Hinweise auf weitere Objekte und Personen, so dass es zu weiteren fünf Folgedurchsuchungen kam. Dabei wurden zahlreiche Waffen (u.a. auch vollautomatische Waffen), Munitionsteile, Schwarzpulver, Betäubungsmittel sowie ein Fahrzeug sichergestellt.

Die Asservierungen der Gegenstände sowie die weiteren Ermittlungen dauern noch an. Aktuell kann schon festgestellt werden, dass - ca. 15.000 Schuss Munition - ca. 5 kg Schwarzpulver - ca. 35 Kurzwaffen sowie diverse Kurzwaffenteile, darunter auch eine weitere Walther P22 ohne entsprechende Kennzeichnungen - ca. 29 Langwaffen - 2 Scharfschützengewehre - 2 vollautomatische Schusswaffen - 3 Handgranaten - diverse weitere Waffen, die noch einer waffenrechtlichen Bewertungen unterzogen werden müssen sichergestellt wurden.

Umarex optimiert Sicherheitssystem stetig

Geschäftsführer Eyck Pflaumer vom von Waffendiebstahl betroffenen Unternehmen Umarex in Neheim erklärte in einer ersten Erklärung am Morgen gegenüber unserer Zeitung, „dass keine Waffen, sondern ‘nur’ Waffenteile aus dem Hause Umarex entwendet wurden“. Das „nur“ setzte er bewusst in Anführungszeichen, da es natürlich auch dies zu verhindern gilt und da sich die Zahl der Waffenteile als sehr groß herausstellte. Eyck Pflaumer kündigte eine Pressemitteilung seines Unternehmens zu dem Fall an, verwies aber zugleich darauf, dass Umarex in der Vergangenheit viel Arbeit in den Aufbau eines umfangreichen und aufwendigen Sicherheitssystem gesteckt habe. Dazu gehörten auch Ein- und Ausgangsschleusen wie an Flughäfen. „Seit Jahren wird in den Ausbau und die Optimierung des Sicherheitssystems investiert“, sagt Eyck Pflaumer. Er ist um Transparenz bemüht. Technische Details und nähere Informationen zur Sicherheitstechnik würden nach Absprache mit der Polizei aber nicht veröffentlicht.

Das Neheimer Unternehmen stand durch die seinen Mitarbeiter im Fokus der Ermittlungen. Die Geschäftsführung von Umarex zeigte sich am Mittwoch umgehend auskunftsbereit gegenüber Nachfragen unserer Zeitung, wollte vor seiner eigenen offiziellen Erklärung aber zunächst die konkretisierende Polizeierklärung abwarten. Am Abend kam diese Erklärung dann: „Umarex kooperiert in vollem Umfang mit den ermittelnden Behörden und unterstützt diese in jeder Hinsicht“, heißt es darin unter anderem.

Der Fall zog in den Medien sofort weite Kreise. Am Nachmittag am Mittwoch wurden die gefundenen Waffen im Hagener Polizeipräsidium als Asservate zur Anschauung ausgelegt.

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