SEGELN

15-Jähriger lebt bei LSV Sauerland Traum vom Fliegen

Mauricel Berger ist vom „Segelfliegervirus“ befallen.

Mauricel Berger ist vom „Segelfliegervirus“ befallen.

Foto: Jürgen Overkott / WP

Höveringhausen/Küntrop.  Maurice Berger war am Montag der einzige junge Teilnehmer im Sommerlager des LSV. Aber täglich werden es mehr. Was fasziniert die jungen Flieger?

Ein Sommerlager besteht zuweilen nur aus einer einzigen Person. Am Montagmorgen heißt es: Maurice Berger. Der 15-jährige Flugschüler kommt aus Werdohl. Er wirkt tiefenentspannt im Hier und Jetzt. Und der gastgebende Luftsportverein (LSV) Sauerland? Tiefenentspannt. Vereinssprecherin Marie Kneer sagt: „Heute Nachmittag kommt noch jemand. Und so richtig viel los ist am Wochenende.“ Dennoch herrscht auf dem Flugplatz zwischen Höveringhausen und Küntrop reges Treiben. Paradox? Von wegen.

Im Schnitt erwartet der LSV 15 bis 20 junge Leute. Dazu kommen Gäste aus Baden, Linkenheim bei Karlsruhe. Man pendelt mit dem Auto hin und her, und mache fliegen sogar. Langstreckenflüge sind machbar – wenn die Thermik stimmt.

Am Montagmorgen indes herrscht fast keine Thermik. Graues Gewölk wabert übers Sauerland. Die Sonne ist erahnbar, sichtbar ist sie nicht. Dennoch gibt Julia Pagel mit ihrem Motorflieger immer wieder Segelflugzeugen Starthilfe. „Wir üben Starts und Landungen“, sagt Marie Kneer, „das ist kein Problem“.

Auch für Maurice Berger nicht. Der 15-Jährige hat die A-Prüfung bestanden, in beiden Teilen. Bei der B-Prüfung hat er die graue Theorie schon hinter sich. „Den praktischen Teil muss ich aber noch machen.“

Fluglehrer sieht von unten zu

Immerhin: Maurice darf allein fliegen. „Das darf man sogar mit 14“, weiß Marie Kneer. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – im Straßenverkehr sind die Grenzen enger, strenger. Ganz so frei ist es denn doch nicht. Fluglehrer Lothar Müller schaut vom Boden aus zu, was sein Luftikus Berger 600 Meter überm Sauerland treibt. Meist ist es ist ein kurzes Vergnügen. „So eine Platzrunde dauert meistens nur 15 Minuten“, sagt Marie Kneer. Maurice Berger ist zufrieden. „30 Flugstunden habe ich schon“, sagt der Realschul-Absolvent und jetzige Metall-Azubi. Er spricht ruhig, knapp, klar. „Es ist toll, wie sich die Flugschüler entwickeln“, schwärmt Kneer. „Die Jugendlichen lernen beim Segelfliegen, Verantwortung zu übernehmen. Wer kann das schon mit 14 von sich sagen?“

Fliegen trainiert Verantwortungsgefühl

Zunächst einmal Verantwortung für sich selbst. Die Flieger aus hauchdünnem glasfaserverstärkten Kunststoff werden stets gründlich gewartet und beinahe noch gründlicher gecheckt. „Das gilt vor einem Flugtag“, berichtet Marie Kneer, „aber auch vor einem Flug. Ich checke, ob ich richtig angeschnallt bin, ob der Computer funktioniert, ob die Instrumente funktionieren und ob ich die Karten dabei habe.“ Karten im Navi-Zeitalter? Marie Kneer lacht: „Ja, klar. Ich will doch auch zurecht kommen, wenn mal alles ausfällt.“

Maurice Berger kennt die Prozedur. Er nickt wissend. „Ich habe das Virus in mir“, sagt er. Seine blitzenden Augen verraten: Er will noch mehr, will die C-Prüfung bestehen. Die Fächer heißen Luftrecht, Navigation, Meteorologie, Technik und menschliches Leistungsvermögen. Unterricht im Sprechfunk gibt’s auch. Dafür muss Mauricel Berger eine gesonderte Prüfung ablegen. Ach ja, und ein Fach heißt Verhalten in besonderen Fällen. Wer perfekt vorbereitet ist, kann gut improvisieren. Marie Kneer hat so etwas erlebt.

Weitaus öfter aber erlebt sie die Freiheit des Fliegens, Freiheit im Kopf: „Ich konzentriere mich nur auf den Moment. Alles andere kann ich ausschalten.“ Kneers Vater und LSV-Chef Joachim spricht vom „Segelvirus“. Diagnose: unheilbar.

Die Kneers würden gern junge Leute damit infizieren. Sie wissen aber, dass sich Schule und Freizeitverhalten verändert haben. Dennoch geben sie ihre Hoffnung nicht auf. Denn die Vorlieben der Generation Digital lassen sich clever nutzen. Maurice Berger: „Wenn ich meinen Freunden vom Segelfliegen erzähle, gucken sie erst ungläubig. Wenn sie aber meine Videos sehen, sagen sie: „Echt cool, Mann.“

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