Autismus-Spektrums-Störung

Asperger Autist: Menschenmengen und viele Reize stressen

Ein Einkauf im Supermarkt ist für Niklas als Autist eine Herausforderung.

Ein Einkauf im Supermarkt ist für Niklas als Autist eine Herausforderung.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Balve/Fröndenberg.  Niklas ist Asperger Autist. Wir haben den gebürtigen Fröndenberger, der lange in Balve gelebt hat, nach Herausforderungen im Alltag gefragt.

In Hollywood-Filmen wird Autismus immer wieder thematisiert, am eindrücklichsten ist wohl die Darstellung in dem Film „Rain Man“, in dem Dustin Hoffmann den erwachsenen Autisten spielt. Doch abseits aller Klischees: Mit welchen Herausforderungen haben Autisten im echten Leben zu kämpfen? Wir haben dazu Niklas Hausmann (Name von der Redaktion geändert) befragt. Der 22-jährige gebürtige Fröndenberger, der viele Jahre in Balve gelebt hat, ist Asperger Autist.

Was sind die Merkmale des Asperger Autismus?

Ein grundsätzliches Merkmal des Autismus ist generell eine veränderte, besser gesagt verstärkte Wahrnehmung. Während die meisten Menschen üblicherweise Sinnesreize gefiltert wahrnehmen, funktioniert diese Filterung bei Autisten nicht.

Das heißt, auf Asperger Autisten strömen unwahrscheinlich viele Sinnesreize gleichzeitig ein?

Ja, und aus dieser anderen Wahrnehmung resultieren Überforderungen, die sich zum Beispiel in abweichenden Verhaltensweisen bemerkbar machen. Asperger-Autisten speziell sind im Gegensatz zu frühkindlichen Autisten, da sie normal oder sogar hochintelligent sind, vor allem besser darin, Kompensationsstrategien zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Jedoch gibt es auch hier eine große Bandbreite, wie stark die Betroffen von dieser Behinderung betroffen sind. Deshalb und weil die klare Abgrenzung zu anderen Autismus-Typen nicht eindeutig ist, spricht man mittlerweile von einer Autismus-Spektrums-Störung.

Seit wann wissen Sie, dass Sie Asperger Autismus haben?

Ich habe die konkrete Autismus-Diagnose mit zwölf Jahren erhalten. Es gibt jedoch ärztliche Berichte aus meiner Kindheit über Auffälligkeiten, die die Ärzte zu jener Zeit mangels Kenntnisse nicht dem Autismus zuordnen konnten.

Wie lief die Diagnose ab?

Der Diagnoseprozess ist ein aufwändiger mit mehreren Sitzungen. Es müssen diverse Störungen und Krankheitsbilder, die sich bei oberflächlicher Betrachtung mit ähnlichen Merkmalen zeigen, ausgeschlossen werden. Erschwert wird dies dadurch, dass einige dieser Störungen als Komorbiditäten (also weitere Erkrankungen, die zusätzlich zu der Grunderkrankung vorliegen) bei Autismus nicht selten sind. Das trifft beispielsweise auf AD(H)S, also die Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung, zu.

Also setzt die richtige Diagnose viel Erfahrung auf Seiten des Arztes voraus?

Ja, es gibt zwar auch standardisierte Tests und Fragebögen, deren Auswertung jedoch durch eine in der Diagnostik erfahrene Person auszuführen ist. Je nach den Charaktereigenschaften des Patienten können sich die diversen Merkmale unterschiedlich zeigen. Das zu erkennen und richtig zuzuordnen, erfordert viel Erfahrung von einem Diagnostiker.

Welche Hürden gibt es im Alltag für Sie?

Am meisten Probleme bereiten gewöhnliche Alltagssituationen wie zum Beispiel der Einkauf im Supermarkt.

Haben Sie für sich Möglichkeiten entwickeln können, diese Herausforderungen zu kompensieren?

Wirkliche Lösungen gibt es für das eigentliche Problem, nämlich das Überfordert-Sein mit der Reizüberflutung, aber nicht. Daher erledige ich diese Dinge immer dann, wenn es noch einigermaßen leer in den Geschäften ist.

Wie geht Ihr privates Umfeld mit dem Asperger Autismus um?

Meine Familie und meine Freunde kennen meine Diagnose und die wichtigsten Punkte, die mich stressen. Das sind Menschenmengen, viele Reize, Unterbrechung meiner Routinen beziehungsweise Störung des Tagesablaufes und Probleme mit Emotionen. Auch dass Zwischentöne nicht richtig bei mir ankommen, weshalb vieles klar mit mir kommuniziert werden muss, haben sie gelernt. Mir wird also viel Verständnis und Toleranz entgegen gebracht.

Sie sind Student in Münster und absolvieren gerade ein Auslandssemester in England. Das ist sicherlich für jeden Studenten eine Herausforderung. Für Sie noch stärker als für andere Kommilitonen?

Also ich studiere jetzt seit etwa vier Jahren, und für mich ist das Studium im Vergleich zur Schule sogar in vielen Aspekten entspannter.

Wieso das?

In der Schule wird von Menschen verlangt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise aufmerksam zu sein und dem Unterricht zu folgen. Während ich in der Schule manchmal Ärger bekommen habe, weil ich im Unterricht gezeichnet habe, weil ich so besser aufpassen kann, achtet an der Uni niemand auf deine Arbeitsweise. So kann man selbst entscheiden, wie man am besten lernt. Außerdem sind Unis nicht so streng mit Anwesenheitspflichten wie Schulen und wenn man mal wirklich keine Lust auf soziale Interaktion hast, kann man sich die Folien zur Vorlesung einfach online ansehen und daheim lernen.

Das klingt nach einem teils auch sehr anstrengenden Studentenleben. Wie ist das in Prüfungssituationen?

Mir hilft auch ein Nachteilsausgleich sehr. Wenn man diesen beantragt hat, kann man zum Beispiel die Klausuren in einem ruhigen Raum schreiben. Jeder Mensch hat verschiedene Bedürfnisse und eine individuelle Wahrnehmung und kann deshalb verschiedene Dinge als problematisch erleben. Ich kenne einige andere Asperger-Autisten – und laut Statistik ist dies auch die Mehrzahl –, die ihr Studium abbrechen müssen.

Gibt es Bereiche in Ihrem Leben, die Ihnen besonders gut liegen und vielleicht sogar leichter fallen als anderen Menschen?

Ich habe keine Superkräfte, aber ich kann emotionale Situationen und Sachverhalte rational und sachlich betrachten und so die richtigen Entscheidungen treffen. Man könnte es auch Abstraktionsfähigkeit nennen. Mustererkennung, sowohl bildlich als auch in großen Datenmengen, liegt mir auch sehr. Dazu kommt noch eine hohe Detailwahrnehmung und eine extrem ausgeprägte Fähigkeit, mich zu orientieren. Ich kann im Kopf Straßenkarten meiner wichtigsten Wege anlegen und nach Belieben markante Fronten von Gebäuden, die zur Orientierung wichtig sind, hinzufügen.

Es gibt Filme, in denen die Protagonisten Asperger oder eine andere Form von Autismus haben, zum Beispiel „The Accountant“ mit Ben Affleck, „Ella Schön“ mit Annette Frier oder die Serie „The Good Doctor“. Wie realistisch sind diese Figuren?

Die Darstellungen sind unterschiedlich gut gelungen. Bei einigen filmischen Figuren wirkt es, als hätten die für die Darstellung verantwortlichen Personen - was nicht alleine der Schauspieler, sondern auch der Drehbuchautor und Regisseur sind - sich irgendein Sachbuch zum Thema Autismus vorgenommen, und die Figur wird dann nach den Beschreibungen dieser Merkmale kreiert. Die Figur ist dann von ihrer Charakterisierung her eigentlich nur Autist, sie ist jedoch kein Mensch mit eigenem Charakter, bei dem die Ausprägungen des Autismus durch den Charakter beeinflusst ist.

Gibt es auch ein Gegenbeispiel?

Ja, da fällt mir der Schauspieler Anthony Hopkins ein, der ein spätdiagnostizierter Asperger-Autist ist. Hier kann niemand ernsthaft sagen, er käme in seinen Rollen klar als Autist herüber und niemand würde ihm ernsthaft individuelle Charakterzüge absprechen. Man sieht an Anthony Hopkins also, dass ein echter Autist sowohl in seinem normalen Leben als auch als Schauspieler in seinen Rollen deutlich wenig stereotypisch herüberkommt und kaum als Autist erkennbar ist, im Gegensatz zu der oftmals überaus an Stereotypen angelegten Darstellung von Autisten durch nichtautistische Schauspieler. Natürlich will man in filmischen Darstellungen durch eine kleine Überspitzung etwas deutlicher aufzeigen, allerdings sind die Überspitzungen oftmals eben längst nicht nur klein.

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