Corona

Balver Kassiererin in Corona-Zeit: „Nur meinen Job gemacht“

Supermarkt-Kassiererinnen wurden in der Corona-Krise beklatscht, aber auch beschimpft.

Supermarkt-Kassiererinnen wurden in der Corona-Krise beklatscht, aber auch beschimpft.

Foto: Tom Weller / dpa

Balve.  Eine Supermarkt-Mitarbeiterin aus Balve erzählt, wie sie die Corona-Pandemie erlebt. Als Heldin der Krise sieht sie sich nicht.

Erst angepöbelt, dann als Helden gefeiert und mittlerweile irgendwie vergessen: Im Laufe der Corona-Krise waren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Supermärkten in Balve wahrlich einem stetigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Eine von ihnen hat der Redaktion erzählt, wie sie die vergangenen sieben Monate erlebt hat.

In der Hochzeit des Corona-Lockdowns habe es eine Phase gegeben, in der sie kleinere Geschenke wie zum Beispiel eine Tafel Schokolade von den Kunden bekommen hätte, erinnert sich die Supermarktkassiererin Ricarda Lange, die in Wirklichkeit anders heißt. Auch seien viele bei ihr an der Kasse vorbeigekommen, die einfach nur Danke sagen, der „Heldin der Krise“ aufmunternde Worte überbringen wollten. Da habe Lange ihnen entgegnet, dass sie keine Heldin sei. Aber das war den Kunden egal. „Ich habe nur meinen Job gemacht. Genau wie sonst auch“, erzählt Ricarda Lange.

Erste Wochen der Corona-Pandemie „abstrus“

Ihr Name ist ein Pseudonym, der echte Name ist der Redaktion bekannt. Aber das Pseudonym war notwendig, denn die Supermarktkassiererin, die gegenüber unserer Redaktion über Corona und über ihre Zeit als „Heldin der Krise“ gesprochen hat, möchte anonym bleiben.

Rückblickend erzählt Ricarda Lange, dass sich gerade die ersten Wochen der Corona-Pandemie im März etwas abstrus angefühlt hätten. „Man hat gar nicht verstanden, was die Leute alle mit Nudeln und Klopapier gewollt haben“, sagt sie. Die Hamsterkäufe empfand sie als unnötig.

Doch wer hat sich mehr als nötig mit Ware eingedeckt? Ricarda Lange verweist darauf, dass es vornehmlich jüngere Balver gewesen seien, die sich dazu hinreißen ließen, die Einkaufswagen übermäßig mit den immer gleichen Waren zu füllen.

Erinnerung an Orkan Kyrill

War diese Erfahrung neu für die Frau aus dem Supermarkt? Ricarda Lange verneint. „In der Vergangenheit hatte ich schon etwas ähnliches erlebt. Damalig herrschte bei den Menschen Unsicherheit wegen des Orkans Kyrill, da wurde auch gehamstert“, erinnert sich Lange. Anders aber, als vor einigen Jahren musste im März des Jahres rationiert werden – pro Haushalt wurde begrenzt, was an Toilettenpapier oder Nudeln abgegeben werden durfte. „Es war eine unangenehme Situation, das den Kunden zu erklären. Man wurde unfreundlich angeraunzt. Es gab auch einzelne, die fragten, ob man jetzt in der DDR lebe“, erzählt die Kassiererin.

Toilettenpapier habe man im Markt nur in begrenzten Stückzahlen erhalten: „Immer abends wurde eine Palette voll geliefert. Die war am nächsten Morgen aber regelmäßig abverkauft.“

Erst Klopapier, dann Mehl

Die Corona-Zwangspause dauerte im Frühjahr Wochen. Hat sich das Einkaufsverhalten in dieser Zeit verändert? Ricarda Lange hat beobachtet, dass sich das Hamster-Verhalten in Balve mit der Zeit verändert habe. „Nach Nudeln und Klopapier wurden Mehl und Hefe knapp“, so Lange. Man habe zeitweise das Gefühl gehabt, in allen Balver Haushalten werde nur noch gebacken. Besonders gegenüber türkischstämmigen Kunden, die laut Lange oftmals für gewöhnlich Großeinkäufe tätigten, sei es ihr manchmal peinlich gewesen, auf die Rationierungen hinzuweisen. Verständnisvoll hätten sich nicht alle Kunden gezeigt: „Immer wieder waren da auch welche, mit denen man diskutieren musste, was die Maskenpflicht im Markt angeht. Manche wurden auch richtig frech und beleidigend.“

Dass sogenannte „Corona-Helden“ wie sie beklatscht wurden, hatte Lange nur am Rande mitbekommen. „In der Straße, in der ich wohne, gab’s da nichts. Hier war nur mal jemand, der abends Musik gemacht hat vorm Haus.“

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