ONLINE-ANGEBOT

Darum machen Balves Totenzettel Geschichte lebendig

Pfarrarchivar Rudolf Rath demonstriert: Das neue Online-Angebot ist leicht zu bedienen und funktioniert einwandfrei.

Pfarrarchivar Rudolf Rath demonstriert: Das neue Online-Angebot ist leicht zu bedienen und funktioniert einwandfrei.

Foto: Jürgen Overkott / WP

Balve.  Totenzettel leben weiter. Pfarrarchivar Rudolf Rath und Sauerland-Historiker Dr. Rudolf Tillman stellten einen neuen Online-Service vor.

Es begann vor zehn Jahren mit einer schwarzen Kladde. Das Erbstück einer Balver Familie bewahrte Erinnerungen an eine ganze Generation auf. Totenzettel, säuberlich nebeneinander geklebt, lassen die Lebensgeschichten Verstorbener weiterleben. Mehr noch: Sie erzählen auch von seiner Familie und manchmal von einer ganzen Epoche. Rudolf Rath vom Pfarrarchiv der katholischen St.-Blasius-Gemeinde und Regionalhistoriker Dr. Rudolf Tillmann forschen seit geraumer Zeit gemeinsam. Jetzt ist es ihnen gelungen, ihr Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Internet macht’s möglich.

Rudolf Rath: „Totenzettel wurden nach Beerdigungsfeiern verteilt, als Dankeschön. Sie enthalten oft eine kurze Biografie des oder der Verstorbenen. Teilweise – etwa in Kriegszeiten – enthalten Totenzettel auch politische Kommentare.“

Schutztruhe Gesangbuch

Der Archivar von St. Blasius erhält immer wieder Gesangbücher von Menschen aus dem Hönnetal. Ein ums andere Mal erweisen sie sich aus heimliche Schatztruhen. Die liturgischen Lieder-Sammlungen enthalten nicht selten Totenzettel. Rudolf Rath sammelt beides.

Auch Dr. Rudolf Tillmann, früher Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Düsseldorf, heute leidenschaftlicher Sauerland-Historiker, trägt die Erinnerungen an Verstorbene zusammen. Das war und ist Teil seiner Forschung über heimische Höfe und Familien.

Durch einen Tipp von Stadtarchivar Reimund Schulte erfuhren die beiden Heimatforscher, dass der Verein Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde in Koblenz dabei ist, Totelzettel zu digitalisieren und kostenlos ins Netz zu stellen – mit Hilfe des Vereins für Computer-Genealogie. Für die Totenzettel-Sammlung zeichnet Michael Brammertz aus der Eifel-Stadt Prüm verantwortlich.

Dr. Rudolf Tillmann ging dem Hinweis nach – und befand die Macher des Projekts für seriös.

Die Vereine haben bedeutendes Wissen angehäuft. Ihre Bestandsliste umfasst rund 400.000 Totenzettel aus Westdeutschland, aber auch aus Belgien und den Niederlanden. Sterbedaten reichen zurück bis ins Jahr 1600.

Das Pfarrarchiv St. Blasius steuert fünf Kartons mit rund 2600 Totenzetteln dazu, Dr. Rudolf Tillmann aus Privatbesitz noch einmal weitere 650: „Sie stammen aus den letzten 200 Jahren.“

Zettel und Daten digitalisieren sich nicht selbst. Dr. Rudolf Tillmann steckte manche Stunde in das Vorhaben. Die mühsame Arbeit fiel ihm leicht. Er lebt dafür.

Was hat die Öffentlichkeit davon? Wer sich für Familiengeschichte interessiert, wird ab sofort fündig auf einer Internetseite mit einem sperrigen Namen, der eher an einen Geheimcode erinnert denn als Angebot an die Öffentlichkeit, ihr Wissen zu erweitern: www.wgff-tz.de.

Rudolf Rath ließ sich am Freitagmorgen die Chance nicht entgehen, an seinem Archiv-Rechner zu zeigen, dass die Seite tatsächlich benutzerfreundlich gestaltet ist. Die Suche führt über Geburtort, Sterbeort und Name zum Erfolg. Funde weisen Daten aus – und die gescannten Totenzettel. Per Lupe ist eine Detailansicht der zum Teil mit Fotos oder Grafiken versehenen Mini-Nachrufe möglich.

Wer, bitte, ist Johann von Schiller?

Manchmal sind sie anrührend emotional. Zuweilen klingen die Texte nach hohlem National-Pathos. Nicht selten enthalten sie Kurioses – etwa Schreibfehler oder Wissenslücken. Hinterbliebene eines Balvers, beispielsweise, gaben sich kulturbeflissenen. Den Totenzettel schmückte ein Zitat eines Dichters namens Johann von Schiller. Leider hat es ihn nie gegeben. Vermutlich war es Friedrich von Schiller.

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