Theater

Ein Stück von beklemmender Aktualität

Proben für das Stück:

Foto: Alexander Lück

Proben für das Stück: Foto: Alexander Lück

Langenholthausen.  Mit viel Mut und genauso viel Spaß gehen Deutsche und Flüchtlinge in ein ungewöhnliches und bedrückend aktuelles Experiment.

Jugendliche und junge Erwachsene aus Balve und Umgebung stecken mitten in den Proben für ein Theaterstück. Dabei geht es um die Flucht aus einem vom Krieg zerstörten Land. Daran beteiligt sind auch Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, die die geschilderten Situationen teilweise selbst erlebt haben.

Und dennoch: Lachen dringt von der Gruppe hinüber, man ist hörbar mit Spaß bei der Sache. „Aber es gibt auch schwierigere Momente, in denen den jungen Menschen einige Textpassagen sehr nahegehen, in denen Erinnerungen an die eigene Fluchtgeschichte wieder sehr lebendig werden,“ erzählt Maria Schäfer-Hahne. Aber genauso wie man sich gegenseitig zu Albernheiten und Witzen anstacheln lässt, ist auch hier die Gemeinschaft da, um den Einzelnen aufzufangen.

Proben im Wohnzimmer

Maria Schäfer-Hahne, Lehrerin an der Balver Hauptschule, hat die 20 Teilnehmer dieses Experiments im Alter zwischen 16 und 30 Jahren häufig in ihrem Wohnzimmer im Langenholthausen versammelt. Sie ist auch Ideengeberin des Projektes, warb an verschiedenen Schulen der Umgebung und auf elektronischem Weg um Teilnehmer. Nicht nur aus Balve, auch aus Sundern oder Iserlohn kamen positive Rückmeldungen.

Die Teilnehmer stammen aus Deutschland, dem Iran, Irak, Afghanistan, Albanien und Syrien. Die meisten der Flüchtlinge – teilweise gar als unbegleitete Minderjährige – sind seit etwa einem Jahr hier. Manche haben schon in der Heimat Schwarzlicht- oder andere Theatererfahrungen gesammelt, andere sind Bühnenneulinge.

Westeuropäer fliehen nach Ägypten

Das Theaterstück, welches im März Premiere feiern soll (siehe Infobox), ist eine Eigenkreation auf Grundlage des Buches „Krieg: Stell dir vor, er wäre hier.“ Schon gut 15 Jahre alt, hat dieses Buch eine beklemmende Aktualität, denn es dreht die Geschichte von Bürgerkrieg und Flucht geografisch um, lässt die Menschen aus einem gewaltgebeutelten und zerstörten Westeuropa nach Ägypten fliehen. Dort angekommen, werden sie von den Einheimischen mit Skepsis bis hin zu offener Verachtung betrachtet.

Selbst geschriebene Musik mit Gesang

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben einzelne Szenen herausgegriffen und als Dialog für die Bühne geschrieben, die verbindenden Passagen werden vorgelesen. Dazu gibt es selbst geschriebene Musik mit Gesang und mehreren Instrumenten. Verantwortlich dafür sind Gaith Al Dabbaq, ein syrischer Profimusiker, der gemeinsam mit seiner Frau in einer kleinen Einliegerwohnung bei Maria Schäfer-Hahne ein neues Zuhause gefunden hat, sowie Anna Hahne. Die hat in Balve schon mehrfach ihre musikalischen Spuren hinterlassen, etwa beim Musical der Kolpingsfamilie.

Ähnliches, mit Fokus mehr auf die Theaterbühne, lässt sich über Freya Müller sagen. Die Langenholthausenerin geht ihrem Hobby auch am Studienort Bielefeld nach, zusammen mit Lisa Reese. Die beiden jungen Frauen haben daher die Regiearbeit in ihrer Hand. Von „ganz tollen und berührenden Momenten“ in der Erarbeitung des Stückes spricht Anna Hahne. Die deutsche Sprache beherrschen die Flüchtlinge schon beeindruckend gut, für manche schwierige Wörter wird der Text sehr genau durchgegangen.

Menschliche Emotionen

Beim Besuch des WP-Reporters gibt es einen kurzen Einblick in eine Szene, in der sehr bildhaft verschiedene menschliche Emotionen dargestellt werden. Seit Oktober wird nun gemeinsam geprobt, in der Ferienzeit ist etwas mehr Luft, zuletzt war man fast den ganzen Tag zusammen. „Das ist natürlich auch anstrengend, aber macht wahnsinnig viel Spaß und ist produktiv“, so noch einmal Maria Schäfer-Hahne. Sie macht ihre Rolle wahrscheinlich ein bisschen kleiner als sie ist, wenn sie bescheiden sagt: „Ich kümmere mich nur ein bisschen um das logistische Drumherum.“ Die Theaterkunst liegt in den Händen ihrer jungen Schützlinge – und da darf man mit Sicherheit berührende Aufführungen erwarten.

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