SORPE-BOMBARDIERUNG 1944

Flakhelfer Helmut aus Garbeck: „Wir waren vor Angst gelähmt“

Günter Tolle aus Garbeck bewahrt das Andenken an seinen älteren Bruder Helmut. Er hat die Bombardierung der Sorpe 1944 erlebt und seine Erinnerungen weitergegeben.

Günter Tolle aus Garbeck bewahrt das Andenken an seinen älteren Bruder Helmut. Er hat die Bombardierung der Sorpe 1944 erlebt und seine Erinnerungen weitergegeben.

Foto: Bettina Hartwig-Labs / WP

Garbeck.  Drama im Zweiten Weltkrieg: Vor 75 Jahren wurde die Sorpe bombardiert. Helmut Tolle aus Garbeck war dabei.

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Die Kriegsereignisse waren dramatisch. „Vor genau 75 Jahren wurde die Sorpetalsperre bombardiert“, sagt der Garbecker Günter Tolle, „mein großer Bruder war dabei.“ Helmut Tolle hat sie ihm erzählt. Den Jahrestag erlebt Helmut Tolle nicht mehr. Er starb im Mai. Aber Günter Tolle hat alles notiert.

Umso wertvoller sind Aufzeichnungen wie die von Günter Tolle. Flakhelfer Helmut musste schon vor Kriegsbeginn zur Hitlerjugend. Eine halbmilitärische Ausbildung stand an. Helmut Tolle: „Zu Kriegsbeginn am 1. September 1939 war ich elf Jahre alt. Im beschaulichen Garbeck bekam ich selbst nicht viel davon mit.“

Für Helmut Tolle, damals 16, begann der Krieg 1944. Er begann mit einem sogenannten Wehrertüchtigungslager bei Lüdenscheid. „Mich und vielleicht fünf, sechs weitere Jugendliche beeindruckte das Ganze nicht. Also wurden wir für zwei Stunden in einen Kellerraum gesperrt, Beugehaft!“, erinnert sich Helmut Tolle. „Drei Tage später erreichte mich die Einberufung zum Flakhelfer. Nach einer sechswöchigen Ausbildung wurde ich zur Flakbatterie am Sorpesee abkommandiert. Flakgeschütze verschiedener Kaliber (Flak: Flugabwehrkanone) hatten die Aufgabe, den Sorpedamm vor feindlichen Angriffen zu schützen. Meine Aufgabe war, die Stromaggregate der Suchscheinwerfer zu bedienen. Wir leuchteten den Himmel aus. Geschossen wurde von der Flak auf dem gegenüberliegenden Hügel, den wir Kanonenberg nannten.“

Dann kam der 15. Oktober 1944 – ein Tag, den Helmut Tolle nie vergaß. Er begann mit strahlend blauem Himmel. Helmut Tolle: „Es war ein ruhiger Sonntagmorgen. Trotz der Möhnekatastrophe im Jahr zuvor, die 1500 Menschenleben gefordert hatte, sind bei uns kurz zuvor die schweren Flakgeschütze des Kalibers 10,5 cm abgezogen worden.

Plötzlich dröhnten in der Ferne Motorengeräusche feindlicher Bomber. 15 englische Lancaster flogen von Hachen zur Sorpe, langsam in Reih und Glied. Sie flogen in 4500 Metern Höhe und waren für die Geschütze unerreichbar. „Wir waren machtlos!“

Zwei Flakhelfer starben

Das Fallen der Bomben, wahrscheinlich 36-Zentner-Bomben, konnten wir wegen der guten Sicht genau beobachten. Die Ladung wurde allerdings vor dem eigentlichen Ziel, der Staumauer, abgeworfen. Nur drei oder vier Bomben trafen den Damm, der aber zum Glück nicht brach! Im Inneren des Dammes kam es durch die Bombentreffer zu Schäden.“ Doch die Region hat Glück im Unglück. Die Sorpe führte wenig Wasser. Eine Katastrophe blieb aus.

Folgenlos blieb der Angriff dennoch nicht. Helmut Tolle: „Es sind aber leider zwei Flakhelfer ums Leben gekommen. Wir alle, Soldaten wie Flakhelfer, waren die ganze Zeit vor Angst wie gelähmt! Durch die von uns abgezogenen Geschütze machte das Gerücht vom Verrat die Runde.“

Wie ging es weiter? „Sofort hatte ich die Aufgabe, eine Mitteilung zur nächsten Stellung mündlich zu überbringen, etwa 400 Meter weit,zu Fuß und allein. Meine Ängste waren unbeschreiblich!“

Die Angst blieb. Tags drauf sollte Helmut Tolle Mittagessen für die Flakhelfer von der Langscheider Schützenhalle abholen. Da drehte ein englischer Aufklärer über der Sorpe seine Runde. „Unter den Tragflächen waren fälschlicherweise deutsche Hoheitszeichen angebracht. Er flog immer tiefer. Alle stationierten Männer waren höchst angespannt. Und einer von uns verlor die Nerven: Er schoss ohne Befehl auf den Flieger. Aus weiteren Stellungen schossen immer mehr Kameraden.“ Schließlich stürzte der Flieger ab. Die Flakhelfer selbst blieben bei diesem Gefecht unverletzt.

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