Geschichte

Hönne-Hochwasser sorgt für „Herzenleit“

Volkringhausen, Hochwasser in diesem Winter: Weil der Boden so trocken war, flossen die Niederschläge oberflächlich ab.

Volkringhausen, Hochwasser in diesem Winter: Weil der Boden so trocken war, flossen die Niederschläge oberflächlich ab.

Foto: Jürgen Overkott

Balve.   Balves Pfarrarchivar Rudolf Rath entdeckt Bericht über Überschwemmung vor fast 300 Jahren. Lehrer Fischers Schriften wurden übersetzt

Die Dürre des vergangenen Jahres ist Menschen im Stadtgebiet immer noch bestens in Erinnerung – vor allem Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Obwohl es gerade im Winter häufig geregnet hat, beklagen Fachleute noch immer Wassermangel in Wald und Flur. Dabei hat Balve schon ganz andere Zeiten erlebt, wie der Kirchenarchivar der katholischen Gemeinde St. Blasius, Rudolf Rath, herausfand.

Der Blick in die Geschichte

Der über die Stadtgrenzen hinaus anerkannte Regionalhistoriker schreibt in einem Beitrag für die WP: „Archivare sammeln und pflegen historische Dokumente. So eröffnet uns das Pfarrarchiv der Kath. Kirchengemeinde St. Blasius spannende Einblicke, zwar nicht in ferne Welten, wohl aber in frühere Zeiten. Wir blicken zurück und ,begegnen’ Menschen, die vor Jahrhunderten hier gelebt haben und vieles erleben mussten. Früher war alles besser?

Das kann leicht widerlegt werden: Nach Aufzeichnungen in historischen Dokumenten, nachfolgend urschriftlich in Auszügen, ist ,im Jahre 1729 so eine grosse Wasserflut entstanden den 29. Januar, dass in der Stadt Balve so ein gross Herzenleit ist gewesen dass Kinderen niemalen erlebt haben…’

Überschwemmungen gab es häufiger, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Gegenüber den Stadtbränden finden sie in den uns vorliegenden Chroniken allerdings weniger Beachtung.

Die Abschrift eines Originaltextes über diese Katastrophe vor knapp 300 Jahren verdanken wir dem Balver Lehrer Fischer, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Balve wirkte und seinen Sohn Norbert Fischer förderte, über den als mutigen katholischen Geistlichen in der Zeit des Kulturkampfes (1875-1886) noch viele Zeugnisse vorhanden sind.

Der Zeitzeuge

Lehrer Fischer also zitiert aus dem Bericht eines Zeitgenossen, ,dass die Menschen haben so eine grosse dodtgefahr aussgestanden in Ihren häusern dass das Wasser über 2 Ehlen (1 Elle entspricht etwa 50 bis 80 Zentimeter; Rudolf Rath) hoch ist gestiegen. In Stubben Kammern undt Keleren. Ja dass den Wirten so viel …bier seint zu Grund gegangen…, wen ich aber sollte sahgen von den Kramerleuten so Ich dass nicht genugsam mit meiner Feder aufschreiben den Jahmer und Herzensleid den ich selbst mit meinen Augen gesehen habe, … dass Ihre Öhlfässer aus den Häusern ist geflossen ja ich will geschweigen von den wahren die gewesen sind im Winckell Laden Kisten und Kasten als da sein Karduhn (Baumwollgewebe; Rudolf Rath), Seide und Leinewandt… und andere dergleichen wahre, Kaufmannssachen. … Dass alless und alless mit Wasser überzogen gewesen, dass man ohne Gefahr mitt seinem fert nicht mehr hatt reiten können…’, vielmehr musste man, wie es weiter heißt, ,die Flucht nehmen’.

Der Übersetzer

Josef Pütter (heimatkundlicher Schriftsteller, Balver Ehrenbürger, 1890-1982) liefert in seinem Buch „Sauerländisches Grenzland im Wandel der Zeit“; herausgegeben von der Heimwacht Balve e.V. , in der zweiten Auflage über die Überflutung Balves im Jahre 1729 eine Übersetzung des Originals, falls denn überhaupt eine Hilfestellung zum Verständnis des Augenzeugenberichtes erforderlich sein sollte.

Nur 60 Jahre später werden die Menschen unserer Stadt Balve dann auch noch vom großen Stadtbrand heimgesucht. Aber das ist ja wieder eine andere Geschichte… - aus der ,guten, alten Zeit’.“

Die aktuelle Gefahrenlage

Die Gegenfrage lautet: Ist denn heute alles besser? Die Spurensuche führt zum Ruhrverband. Er nahm im Auftrag des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums eine Risikobewertung heimischer Flüsse vor. Die Untersuchung läuft seit Jahren; abgeschlossen ist sie nicht. In der vorläufigen Bewertung des Ruhrverbandes zählt die Hönne immer noch zu den Risikogewässern in NRW. Sie ist eingestuft in die Kategorie A. Das bedeutet: Wenn die Hönne Hochwasser führt, besteht nach wie vor die Gefahr, dass Menschen in Not geraten und erhebliche Sachschäden zu befürchten sind. Kurzum: Mag die allzu trockene Witterung der vergangenen Monate das Gefühl geweckt haben, von der Hönne drohe keine Gefahr mehr – der Eindruck trügt. Dauerregen oder Unwetter können auch heute noch sehr schnell für eines sorgen: „gross Herzenleit“.

<<<Informationen>>>

Das Pfarrarchiv, Alte Hospitalgasse 5, Balve, ist montags bis freitags in der Regel von 9.30 bis 12.30 Uhr geöffnet. Kontakt: 02375-2049809. Mail-Adresse: archiv-st.blasius@pv-balve-hoennetal.de

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