LANDGERICHT ARNSBERG

Prozess um Überfall in Balve: Opfer haben immer noch Angst

Angeklagter Rafael P. mit Verteidiger Jannusch Nagel (re.)

Angeklagter Rafael P. mit Verteidiger Jannusch Nagel (re.)

Foto: Jürgen Overkott / wp

Balve/Arnsberg.  Zweiter Tag im Arnsberger Prozess um den brutalen Überfall in Balve: Der Angeklagte (40) gesteht. Wichtiger aber ist, was die Opfer sagen.

Im Prozess um die brutalen Überfälle in Balve und Essen im Februar 2016 hat der Angeklagte Rafael P. (40) am Dienstag vor dem Landgericht Arnsberg die Vorwürfe der Anklage zugegeben. Mit mehr Spannung indes wurden die Aussagen der Opfer erwartet.

Daniel Langesberg nimmt es genau. Die Fragen des Vorsitzenden Richters sind so präzise wie das Skalpell eines Chirurgen. Das hat seinen Preis. Schnell wird klar: Der zweite Prozesstag wird lange dauern.

Der Angeklagte wird in Handfesseln in den Verhandlungssaal 3 geführt – ebenso wie sein bereits verurteilter Komplize. Beide stammen aus Polen. Karoline Klimkiewicz übersetzt simultan für den schmalen 40-Jährigen, der mit gesenktem Kopf in den Saal schleicht. Seine Stimme wird zunächst kaum hörbar sein. Richter Langesberg und der Verteidiger des Angeklagten, Jannusch Nagel, arbeiten den Lebenslauf eines Gescheiterten heraus: Die Jugend von P. prägen väterliche Gewalt- und Alkohol-Exzesse.

Der Junior gerät in seiner Heimat bereits als Jugendlicher an Drogen und, nur wenig später, mit dem Gesetz in Konflikt: Beschaffungskriminalität. Immer wieder ist auch Gewalt im Spiel. Haftstrafe reiht sich an Haftstrafe. Allerdings bewegt sich das Strafmaß stets im unteren Bereich.

Vor ungefähr neun Jahren – so ganz genau lässt es sich jetzt nicht mehr bestimmen – geht Rafael P. nach Deutschland. Im Revier lernt er seinen späteren Komplizen (36) kennen, kleiner und kompakter als Rafael P. Die beiden Schwarzarbeiter auf dem Bau verbindet eine fatale Neigung. Sie teilen Drogen – und brauchen immer mehr davon. Mit steigendem Sucht-Druck kommt es im Februar 2016 zu einer fatalen Eskalation der Kriminalität. Die beiden Überfälle in Balve und Essen bilden den traurigen Höhepunkt.

Treibende Kraft im Hintergrund, so scheint es, ist die ebenfalls süchtige Verlobte des bereits Verurteilten. Zuvor war sie mit dem Sohn des Balver Opfers Roman G. verheiratet.

Den 1. Februar 2016 werden Roman und Bożena G. nie vergessen. Der 57-Jährige erinnert sich mit einer Präzision an den Ablauf der Ereignisse, als sei die Tat erst gestern geschehen. „Es war ein Montag. Gegen acht war ich mit dem Hund raus, Brötchen holen. Gegen neun war ich zurück. Ich hatte gerade den Kaffee gekocht, da klingelte es an der Tür“, erinnert sich Roman G.

Dann ging es alles fix. „Da standen zwei Männer. Sie trugen Kleidung, die fürchterlich stank – es war kein Tabak. Sie sprachen von einem Kratzer am Auto. Dann verpasste mir der Größere eine Kopfnuss, ich fiel, ich lag auf dem Rücken, die beiden drückten mich auf den Boden, auch mit dem Knie, und fesselten mich mit Kabelbindern und Klebeband. Der Größere rief immer wieder: Wo Geld? Wo Geld?“

Über die Höhe der Beute gehen die Angaben auseinander. Rafael P. will nur 250 Euro in 50er Scheinen gestohlen haben. Roman P. spricht 2000 Euro, die seiner Mutter gehörten, und 1350 Euro seiner Frau – Putzgeld. Den materiellen Schaden hat die Versicherung ersetzt.

Schulter kugelt immer wieder aus

Andere Schäden bleiben. Die Schulter von Bluter Roman G. kugelt seit dem Überfall immer wieder aus. Eine Operation scheint unausweichlich. Und: „Wenn ich von der Spätschicht komme“, sagt der Arbeiter, „muss meine Frau in der Wohnung immer Licht anmachen.“

Bożena G. wird ebenfalls geschlagen und gefesselt. „Mein Gesicht“, sagt die gelernte Verkäuferin, „war zwei Jahre lang geschwollen.“ Obendrein sprüht ihr der Angeklagte, wie sie sagt, gezielt Pfefferspray in die Augen – wie ihrem Mann.

Verteidiger Nagel fragt Ehepaar G., ob sich sein Mandant bei ihnen entschuldigen dürfe. Roman G. sagt zu Rafael P.: „Entschuldigen Sie sich bei meiner Frau.“ Das macht der Angeklagte. Mit einem kleinen Unterschied: Bei Roman G. steht er auf, bei dessen Ehefrau bleibt er sitzen.

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