LANDGERICHT ARNSBERG

Überfall auf Balver Ehepaar: Süchtiger Täter schämt sich

Der psychiatrische Gutachter Georgios Kotrotsios (rechts) spielte bei der juristischen Aufarbeitung von zwei Überfällen in Balve und Essen eine wichtige Rolle.

Der psychiatrische Gutachter Georgios Kotrotsios (rechts) spielte bei der juristischen Aufarbeitung von zwei Überfällen in Balve und Essen eine wichtige Rolle.

Foto: Jürgen Overkott / WP

Balve/Arnsberg.  Ein Balver Ehepaar und ein Essener wurden brutal überfallen. In Arnsberg stand ein Pole vor Gericht. Am Donnerstag fiel das Urteil.

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Die Vorwürfe wogen schwer, der Fall war klar. Der Angeklagte hatte vor dem Landgericht Arnsberg nur eine kleine Chance, seine Aussichten zu verbessern. Er nutzte sie. Der drogensüchtige Pole Rafael P. (40) sprach den entscheidenden Satz seines letzten Wortes auf Deutsch: „Ich schäme mich.“ Wohl auch deshalb fiel das Urteil milder aus, als von Staatsanwalt Sebastian Wirwa gefordert: Der Angeklagte muss für zwei brutale Überfälle in Balve und Essen neun Jahre lang ins Gefängnis.

Zuvor hatte der psychiatrische Gutachter Georgios Kotrotsios von der Hans-Prinzhorn-Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Hemer den Lebensweg des schmächtigen Angeklagten nachgezeichnet. Er wuchs in einer kriminellen Nachbarschaft auf. Sein Vater, alkoholkrank und gewalttätig, hatte die Familie tyrannisiert. Die Ehe zerbrach, als der Junge sieben Jahre alt war. Seine Mutter hatte anschließend einen neuen Partner – für kurze Zeit. Anschließend war sie alleinerziehend. Rafael P. beendete die Schule; einen Beruf erlernte er nie. Ständige Geldnot sollte den Verlauf seiner Drogen-Karriere prägen.

Mit Betäubungsmitteln kam Rafael P. als Jugendlicher in Kontakt. Er bevorzugte Amphetamine als Aufputschmittel. Cannabis hingegen nahm der Pole als Beruhigungsmittel. Seinen Drogenbedarf finanzierte er mit Diebstählen und, später, mit Einbrüchen.

Immer wieder wurde er erwischt und verurteilt, durchweg zu Bewährung. Seine Gefängnisaufenthalte hatten allerdings einen Drehtür-Effekt: So schnell er draußen war, so schnell war er wieder drin.

Drogen und Kriminalität

2011, 2012 – ganz genau ließ sich der Zeitpunkt nicht klären – setzte sich Rafael P. nach Deutschland ab. Er floh vor einer alkoholsüchtigen Partnerin, die sich in der gemeinsamen Wohnung prostituierte, und vor einer drohenden Inhaftierung.

Im Ruhrgebiet lernte Rafael P. seinen inzwischen verurteilten Komplizen kennen. Der Teufelskreis von Drogen und Kriminalität begann erneut. Mehr noch: Er eskalierte.

Schließlich kam noch eine ebenfalls drogensüchtige Frau ins Spiel. Sie wurde Partnerin des Komplizen von Rafael P. Zudem war sie die ehemalige Schwiegertochter des Balver Ehepaars. Die Frau gab dem Duo den Tipp, dass in der Wohnung der beiden Balver Geld zu holen sei. Insgesamt 3500 Euro in bar erbeuteten Rafael P. und sein Komplize. Dabei gingen sie gewalttätig vor, schlugen die beiden Balver nieder, setzten Pfefferspray ein und fesselten ihre Opfer mit Kabelbinder.

Später überfielen die beiden Täter einen Bekannten in Essen, bei dem sie Drogen vermuteten. Das Opfer schlug Rafael P. mit einem Ast nieder. Am Ende waren die Verletzungen des Mannes so schwerwiegend, dass er eine Hirnblutung erlitt. Schließlich fesselten sie ihn und schlossen ihn in seiner Wohnung ein. Mit Glück gelang es ihm, einen Nachbarn zu Hilfe zu rufen. Die Einbrecher flohen mit Drogen.

Rafael P. setzte sich nach Polen ab. Dort wurde er wegen einer anderen Straftat inhaftiert. Danach, im Frühjahr 2016, wurde er nach Deutschland überstellt. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Staatsanwalt Sebastian Wirwa forderte eine Gesamtstrafe von zehn Jahren. Der Vorsitzende Richter Daniel Langesberg verkündete schließlich das Strafmaß: neun Jahre Haft.

Langjährige Drogensucht, wiederholte Straftaten und nicht zuletzt die Brutalität von Rafael P. fielen zu seinen Ungunsten aus.

Allerdings würdigte das Gericht, dass Rafael P. ein Geständnis abgelegt, Reue gezeigt und sich obendrein bei den Opfern entschuldigt hatte. Überdies erklärte sich der Langzeit-Drogensüchtige zu einer Therapie bereit.

Genau darauf hatte Gutachter Kotrotsios großen Wert gelegt: „Eine Unterbringung im Maßregelvollzug sollte mindestens zwei Jahre dauern. Eine längere Unterbringung ist wünschenswert.“

Doch vor dem Entzug muss Rafael P. zunächst einmal zwei Jahre lang in Haft, wobei die U-Haft angerechnet wird. Der Vorsitzende Richter Lan-gesberg gab ihm zuletzt einen gut gemeinten Rat: „Lernen Sie Deutsch!“

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