Nachruf

Bochumer Kulturhaus Thealozzi: Abschied von Gudrun Gerlach

Gudrun Gerlach (re.) und Axel Walter (mi.) mit dem Thealozzi-Team auf einer Aufnahme im Sommer 2013.

Gudrun Gerlach (re.) und Axel Walter (mi.) mit dem Thealozzi-Team auf einer Aufnahme im Sommer 2013.

Foto: Olaf Ziegler / WAZ FotoPool / Olaf Ziegler

Bochum.  Trauer um Gudrun Gerlach. Die Thealozzi-Mitbegründerin starb mit 81. Mit Axel Walter gehörte sie seit den 80ern zu den Aktivposten im Kulturhaus.

Eine traurige Nachricht erreicht die BO-Kulturszene aus dem Thealozzi: Gudrun Gerlach, Schauspielerin und Regisseurin im Kulturhaus in Stahlhausen, lebt nicht mehr. Die langjährige Mitstreiterin und Lebensgefährtin des ehemaligen Thealozzi-„Oberhauptes“ Axel Walter starb, wie erst jetzt bekannt wurde, am 11. August. Sie wurde 81 Jahre alt.

Man sagt nichts Falsches, wenn man von Gudrun Gerlach als der „guten Seele“ des Kulturhauses spricht, das sie seit den Anfängen in den 1980er Jahren entscheidend geprägt hat. Ebenso wie Axel Walter (71), von dem das Thealozzi im letzten Jahr Abschied nehmen musste. Der Schauspieler und Regisseur gilt als verschollen.

Aufbaujahre 1982

Aus einem Urlaub in Griechenland kehrte er nicht mehr zurück. Suchaktionen vor Ort blieben ergebnislos.

Mit Gerlach und Walter verbindet sich vor allem die Aufbauzeit des Kulturhauses, das 1982 inmitten des damals auf Abriss stehenden Heusner-Viertels zwischen Bochum und Weitmar entstand. Das gründerzeitliche Wohnquartier sollte der „Westtangente“, der Stadtautobahn, weichen, was zu schweren Protesten führte – und zu handfesten Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt, die sich regelmäßig mit jugendlichen Hausbesetzern zoffte.

Umkämpftes Revier

Zur selben Zeit rumorte es in Bochum auch in anderer Hinsicht. Seit Jahren wurde ein selbstverwaltetes Jugend-/Begegnungszentrum gefordert, immer wieder wurden leerstehende Hallen besetzt, die die Stadt sogleich durch die Polizei räumen ließ. Schließlich rückte die ehemalige Pestalozzi-Schule im Heusner-Viertel als Auffangbecken für die subkulturelle Szene in den Blick. Mitten im „umkämpften“ Heusner-Viertel ging der Aufbau, unterstützt durch die Stadt, aber mit reichlich Eigeninitiative, vonstatten. Neben manchen anderen waren Axel Walter und Gudrun Gerlach Akteure der ersten Stunde.

„Kreative Atmosphäre“

Unvergessen die Zeiten, als Randale im Abrissviertel alltäglich und Improvisation im Alltag alles war. Das Schulhaus, das zum Kulturhaus werden sollte, hielt Arbeit satt bereit, man denke zurück an den Vandalismus, den das Gebäude erlitten hatte. Oder an die mangelnde Infrastruktur, Strom, Heizung, Wasser. Oder an das „Chaos“ in Hof und Garten. Das alles konnte einem euphemistisch als „kreative Atmosphäre“ vorkommen, wenn man als Außenstehender mal zu Besuch kam. Wieviel Arbeit, Herzblut, Leidenschaft und Selbstverleugnung ebenfalls dazu gehörten, das wurde damals in Gesprächen mit Gudrun und Axel im engen Thealozzi-Büro schnell klar.

Alternative Spielstätte

Aber bald schon mauserte sich die alternative Spielstätte zum Sammelbecken für aufstrebende Künstler aller Art. In den Anfangstagen gehörten u.a. Willy Thomczyk und Paco Gonzales, Jo Bausch und Ingo Naujoks dazu, später kam – verbunden auch mit dem Namen Gudrun Gerlachs – die Theatergruppe „Stahlhausen Enterprises“ hinzu. Sie blieb der Mittelpunkt von Gerlachs künstlerischem Leben, man erinnert sich an die große Aufführung „Der Bochumer Jedermann“, die Mitte der 1990er Jahre in der damals baulich noch nicht aufgefrischten Jahrhunderthalle über die Riesen-Bühne ging. Eine Produktion, die federführend von Walter und Gerlach gestaltet worden war, die Titelrolle spielte Thomas Rech.

Ein Schwerpunkt von Gerlachs Arbeit in späteren Jahren war das Theatermachen für und mit Kindern.

Gesellschaftspolitischer Ansatz

Das Thealozzi-Sonntagsformat „Hallo Kinder“ war ebenso ihr Baby wie erfolgreiche Kinderaufführungen, etwa „An der Arche um Acht“, gemeinsam mit dem Regisseur Giampiero Piria. Immer schimmerte neben dem künstlerischen ein gesellschaftspolitischer Ansatz in ihren Arbeiten durch. Geprägt durch die 68er Jahre, war für Gudrun alles Handeln letztlich politisch und die Forderung nach einer gerechten Gesellschaft, die niemanden ausgrenzen muss, mehr als ein Wort. Es war ihre Haltung.

Mit Einsatz und Kraft

Das Thealozzi ist über 30 Jahre nach seiner Gründung aus der Bochumer Szene nicht mehr wegzudenken. Hier wird mit Einsatz und mit Kraft an der kulturellen Zukunft gebaut. Auch wenn die Nachfrage nach Proberäumen, Spiel- und Aufführungsstätten längst nicht mehr so drängend ist wie ehedem, so kommen doch immer wieder neue Ensembles oder Bands dazu, die sich engagieren wollen. Sie führen damit das Erbe von Gudrun Gerlach und Axel Walter fort.

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