Enteignung

Geschäftsführer widersetzt sich dem türkischen Staat

Metin Aytulun, Geschäftsführer von Alfa Möbel, steht zwischen zwei gut gefüllten Hochregallagern. Er kämpft jetzt auch vor Gericht darum, das Unternehmen weiterführen zu können.

Metin Aytulun, Geschäftsführer von Alfa Möbel, steht zwischen zwei gut gefüllten Hochregallagern. Er kämpft jetzt auch vor Gericht darum, das Unternehmen weiterführen zu können.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum  Bis 2017 war Alfa Möbel ein florierendes Unternehmen. Dann aber erfasste der weite Arm des türkischen Staates das Bochumer Unternehmen.

. Es ist noch nicht lange her, da brummte es mächtig auf dem Betriebsgelände der Alfa Möbel Vertrieb GmbH in Riemke. Möbel im Wert von mehr als 13,6 Millionen Euro wurden allein im Jahr 2016 bei dem Großhändler umgeschlagen. „Wir haben alle Großen in Deutschland beliefert“, sagt Geschäftsführer Metin Aytulun. „Poco, Roller, Porta und viele andere.“ Für 2017 hatte er eine Umsatzsteigerung auf fast 16 Millionen Euro anvisiert. Aber dann kam alles anders.

Die politische Entwicklung in der Türkei schlug durch bis zur Herzogstraße an der Stadtgrenze zu Herne. Mittlerweile hat Metin Aytulun sein Büro geräumt, sitzt wie aus dem Ei gepellt mit Jackett und Einstecktuch vor einem leeren Tisch im Konferenzzimmer und ist – wenn er denn mal etwas zu tun hat – vor allem damit beschäftigt, seine Firma zu retten.

Unter türkischer Zwangsverwaltung

Denn die steht seit dem 18. August 2016 unter türkischer Zwangsverwaltung, nachdem der Staat den Eigentümer von Alfa Möbel, den milliardenschweren Konzern der Familie Boydak, enteignet hat. Der Vorwurf: Die Boydaks, Cousins von Metin Aytulun, haben die Gülen-Bewegung unterstützt. Der Bewegung wird in der Türkei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen, Drahtzieher des Putschversuchs im Juli 2016 gewesen zu sein. Nun reicht der lange Arm Ankaras bis nach Bochum-Riemke.

Anfangs konnte sich der Geschäftsführer mit der Zwangsverwaltung arrangieren, die Geschäfte gingen weiter. Doch dann wuchsen die Differenzen. Im September 2017 stellte der Boydak-Außenhandel die Lieferung von Möbeln nach Bochum ein. Und als einen Monat später eine Gesellschafterversammlung einberufen wurde, mit dem Ziel, Aytulun seines Postens zu entheben und den Möbel-Vertrieb in die Slowakei zu verlagern, ging der 51-Jährige auf Konfrontationskurs. „Das ist für mich eine feindliche Übernahme. Die wollten den Laden schließen, den ich 1997 gegründet habe“, sagt er. „Ich erkenne die Jungs aus der Türkei nicht an. Für mich sind nach wie vor die Boydaks die Eigentümer. Und ihnen bin ich verpflichtet.“

Wie in Deutschland 1933

Um der Abberufung zuvor zu kommen, änderte er kurzerhand die Satzung und beruft sich auf die deutschen Gesetze. Er sagt: „Es geht mir nicht ums Geld. Es geht mir um mein Rechtsempfinden. Was hier passiert, erinnert mich an die Situation in Deutschland 1933.“

Das habe er auch mehrfach an „höherer Stelle“ zum Ausdruck gebracht. Im vergangenen Jahr habe er dem Wirtschaftsausschuss des NRW-Landtags berichtet, 2016 habe er mit dem damaligen Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) über die Situation türkischer Unternehmen in Deutschland gesprochen.

Der Fall „Alfa Möbel“ liegt nun vor Gericht. Die 13. Zivilkammer des Landgerichts Bochum hat mittlerweile entschieden, dass die Abberufung des Geschäftsführers „aus formalen Gründen nichtig ist“, so Gerichtssprecher Markus van den Hövel. Unzulässig sei aber auch die Satzungsänderung gewesen. Damit steht es im Rechtsstreit zwischen Metin Aytulun und dem Zwangsverwalter seiner Firma sozusagen 1:1. Beide Seiten haben Berufung beim Oberlandesgericht Hamm eingelegt. Die juristische Auseinandersetzung geht damit weiter.

Hochregallager ist gut gefüllt

An der Herzogstraße drehen derweil die 15 noch verbliebenen von einst 25 Beschäftigten zum größtenteils Däumchen, auch wenn die Hochregallager in der 6900 Quadratmeter großen Halle, die einst dem Möbelhaus de Groot und später zu Möbel Unger gehörte, noch gut gefüllt ist. Aytulun: „Ich habe den Boydaks versprochen, niemanden zu entlassen.“ Auch nicht, wenn, wie er vermutet, die Hälfte seiner Leute Erdogan-Anhänger sind. Er versuche, die Geschäfte wieder in Gang zu bringen, habe Kontakte nach China und Polen geknüpft und sucht Lieferanten. Der Absatz sei nicht das Problem („Ich kenne doch alle großen Häuser“). Auch Lieferanten ließen sich finden. „Aber ich wollte erst die rechtliche Situation klären.“ Und die ist vorerst noch ungewiss. Nur eines weiß Metin Aytulun, der seit 1979 in Deutschland lebt und seit einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt: „In die Türkei traue ich mich nicht, so lange der Despot an der Macht ist.“

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