Kindernotruf

Kindernotruf in Bochum wird immer öfter angerufen

Evelyn und Wolfgang, die Maskottchen des Kindernotrufs, sitzen am Arbeitsplatz der Feuerwehrleitstelle. Die Notrufe werden von der Feuerwehr weitergeleitet.

Evelyn und Wolfgang, die Maskottchen des Kindernotrufs, sitzen am Arbeitsplatz der Feuerwehrleitstelle. Die Notrufe werden von der Feuerwehr weitergeleitet.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Bochum.  Nach dem schrecklichen Tod des kleinen Justin 2005 wurde in Bochum der Kindernotruf ins Leben gerufen. Und der wieder immer öfter angewählt.

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14 Jahre alt wäre Justin heute. Der kleine Junge starb im November 2005, nachdem ihn sein Stiefvater mit heißem Wasser verbrüht hatte. Die schreckliche Tat hat damals für Entsetzen weit über Bochum hinaus gesorgt. Das Jugendamt, das die Familie betreut hatte, sah sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Es gab Defizite im System.

Und als eine der Konsequenzen wurde Anfang 2008 der Kindernotruf ins Leben gerufen. Er sollte gewährleisten, dass es auch außerhalb der Dienstzeiten von Jugend- und Sozialamt eine Anlaufstelle für Krisensituationen gibt. Mehr als zehn Jahre später ziehen die Beteiligten des Notrufnetzwerks eine positive Bilanz. „Unser Kindernotruf ist beispielgebend“, sagt Ruth Piedboeuf-Schaper, Leiterin des Sozialen Dienstes der Stadt. Jugendamts-Chef Jörg Klingenberg nennt es einen der „zentralen Bausteine in unserem Netzwerk“.

Insgesamt 2100 Anrufe

Etwa 2100 Anrufe sind bislang bei der Feuerwehrleitstelle unter der Kindernotruf-Nummer 9 10 29 85 in Werne eingegangen – von Hilfe suchenden Kindern, Geschwistern, Verwandten, von Eltern, von Nachbarn, geschiedenen Ex-Partnern, von Lehrern, Freunden und Mitarbeitern diverser Organisationen. Dabei ging es um Gewalt, um Vernachlässigung, um Kindeswohlgefährdung, sexuellen Missbrauch, Drogen, Alkohol. Die Liste ist lang und die Not der Anrufer häufig groß.

Es sind schreckliche Fälle darunter. Petra Hiller, Leiterin der Stiftung Overdyck, erinnert sich etwa an den Fall eines elfjährigen Jungen, der von seinem Vater zum sexuellen Missbrauch angeboten wurde. „Das sind Ereignisse, an denen auch unsere Mitarbeiter lange zu knacken haben“, sagt sie.

Und sie nennt weitere Beispiele. Von dem Anruf eines zehnjährigen Jungen, der Angst hat, nach Hause zu gehen, weil er geschlagen wird. Von einem Elfjährigen, der nicht mehr zu Hause leben möchte, weil seine Eltern Alkohol und Drogen konsumieren. Oder von dem Mädchen, das sich Sorgen um ihre Nichte macht, nachdem ihre Schwester einen Selbstmord angekündigt hatte.

Einsatz unter Polizeischutz

Etwa 40 Prozent aller Anrufe führen zu Einsätzen in den Familien, berichtet Sozialdezernentin Britta Anger. Nicht selten geschieht dies in Begleitung der Polizei. Dabei geht es um Sofortmaßnahmen, die während der üblichen Arbeitszeiten vom Jugendamt und ansonsten vom Jugendhilfeträger Stiftung Overdyck übernommen werden. „Die Zusammenarbeit aller Kooperationspartner funktioniert wirklich gut“, lobt Ruth Hiller. Jugendamt, Feuerwehr, Polizei und Stiftung Overdyck bildeten ein gutes Netzwerk. Die Präventionsexpertin der Polizei, Barbel Solf, sieht es ähnlich: „Wir sind wirklich gut aufgestellt.“

Overdyck-Leiterin Petra Hiller hat einen steten Anstieg von Krisenfällen registriert: 2008 waren es noch 61 Notrufe, die bei der Stiftungen landeten. 2012 waren es 107, 2016 schon 164 und im Vorjahr dann 203. „150 ließen sich telefonisch klären. 53 Mal kam es aber zum Einsatz in der Familie“, so Hiller.

Zahl der Krisenfälle nimmt zu

Der Anstieg sei sicherlich auf das funktionierende Notrufsystem, seine Bekanntheit, eine gestiegene Sensibilität in der Gesellschaft und auch darauf zurückzuführen, das heute praktisch jeder über ein mobilies Telefon verfüge. „Aber es nehmen auch die Zahl der Krisenfälle zu.“ Oft geht es um Gewalt – gegenüber Kindern, Ehepartnern, aber auch gegenüber Eltern. Nicht selten seien es dann allerziehende Mütter, die mit ihren pubertierenden Kindern nicht mehr fertig werden. Festgestellt hat Petra Hiller auch, dass es gerade bei Alleinziehenden häufig kein Netzwerk mehr gibt, der sich um ein Kind kümmern kann, wenn Vater oder – meistens ist die Mutter – ausfällt, zum Beispiel wegen eines Krankenhausaufenthalts.

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