Seltene Klinikfälle

Krebskranker Bochumer hat seinen Lebensmut nicht verloren

„Er ist unser einziger Patient, der mich ungefragt duzt“: Augusta-Chefarzt Prof. Dr. Dirk Behringer (re.) mit Michael und Andrea Wenzel.

Foto: Dietmar Wäsche

„Er ist unser einziger Patient, der mich ungefragt duzt“: Augusta-Chefarzt Prof. Dr. Dirk Behringer (re.) mit Michael und Andrea Wenzel. Foto: Dietmar Wäsche

Bochum.  Laut Statistik müsste er längst tot sein. Doch ein Bochumer kämpft gegen seine Krebserkrankung. Seinen Lebensmut hat er dabei nicht verloren.

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Das Ende schien nahe. Weihnachten werde er nicht mehr erleben, mutmaßten die Ärzte, als Mitte 2010 feststand: Michael Wenzel hat Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Das Hirn ist bereits von Metastasen befallen. „Nicht heilbar. Aus und vorbei. Mein Todesurteil“, erinnert sich der Werner an den Moment der Diagnose. Seither hat der 56-Jährige weitere sieben Weihnachtsfeste gefeiert. „Ein kleines Wunder“, sagt Prof. Dr. Dirk Behringer, Onkologie-Chefarzt am Augusta-Krankenhaus. Andrea Wenzel (54) drückt es in typisch liebenswerter Revier-Manier aus: „Ich bin froh, dass mein Männe noch mit’m Arsch auf unserer Couch sitzt.“

Metastasen im Hirn

Die Geißel Krebs schleicht sich vor knapp sieben Jahren ins erfüllte Leben des Ehepaares Wenzel. Er hat sein Auskommen als Berufskraftfahrer. Sie arbeitet als Verkäuferin in einer Bäckerei. Er hat in letzter Zeit an Gewicht verloren. Eine Allergie sei der Auslöser, hören die Wenzels bei einem Arzt. Ein anderer tippt auf Tuberkulose. Die Therapien schlagen nicht an. Der Brummi-Fahrer „fühlt sich wie eine leere Batterie, die nicht aufgeladen werden kann“. Eine erneue Untersuchung bringt die schreckliche Gewissheit: Bei dem starken Raucher wird ein Lungenkarzinom mit Metastasen im Hirn entdeckt. Die niederschmetternde Prognose: siehe oben.

Familie und Freunde leisten Hilfe

Der Tumor ist faustgroß. Inoperabel, sagen die Mediziner, die einen „palliativtherapeutischen Ansatz“ wählen. Heißt: Die knapp bemessene Lebenszeit soll möglichst lebenswürdig verlängert werden. Lunge und Hirn werden bestrahlt, eine Chemotherapie kommt hinzu. „Eine knüppelharte Zeit. Er hat sich durchgekämpft“, schildert Andrea Wenzel. Ihr Bruder Lutz wird zu Michaels „Nanni“. Auch der Rest der Familie und die Freunde leisten daheim an der Limbeckstraße alle erdenkliche Hilfe. „Dafür sind wir unendlich dankbar“, sagt die tapfere Ehefrau, während ihr Mann im WAZ-Gespräch von Weinkrämpfen geschüttelt wird: „Seit alldem bin ich total nah am Wasser gebaut.“

Rückkehr in den Job

Der Kampf lohnt sich. Ende 2010 ist der Tumor geschrumpft. Auch wenn die Ärzte wenig begeistert sind: Michael Wenzel kehrt in seinen Job zurück, sitzt noch während der Therapie wieder auf dem Bock.

Zwei Jahre geht alles gut. Zwei Jahre, die sein Patient eigentlich nicht hätte überleben können, weiß Prof. Behringer. Denn zwei Jahre: Das sei die statistisch maximale, höchst seltene Lebenserwartung bei einer derartigen Krebs-Diagnose.

Zwei Monate Koma nach Herz-OP

Im November 2013 passiert, was zu befürchten war: Der Dämon kehrt zurück. Der Tumor in der Lunge hat gestreut. Erneute Chemo. Als wenn das nicht reichen würde, wird Michael Wenzel von einem schweren Herzleiden heimgesucht. Im Bergmannsheil wird ihm ein Bypass gelegt. Nach einer Not-OP fällt er 2015 für zwei Monate ins Koma.

Aber das Kämpferherz bäumt sich ein weiteres Mal auf. Gevatter Tod muss weiter warten. Der Tumor schlummert zwar nach wie vor in der Lunge. Professor Behringer hat auf „Systemkontrolle“ gewechselt. Antibiotika und Inhalationen sollen die Folgen der Erkrankung in Schach halten. Und doch hat der Modelleisenbahn-Fan seinen Lebensmut nie verloren. „Das treibt auch uns immer wieder an“, sagt der Augusta-Chefarzt. Michael Wenzel legt ihm fast freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Aufgeben gibt’s nicht, sagt er, wieder mit Tränen in den Augen. „Ich habe es bis hierher geschafft. Ich schaffe es auch weiter.“

Der September ist da nur eine Zwischenstation. Wenn auch eine wichtige: Michael und seine Andrea feiern ihre Silberne Hochzeit.


>>> WAZ-SERIE BESCHREIBT SELTENE BEHANDLUNGSFÄLLE

  • In einer Serie berichtet die WAZ über außergewöhnliche Behandlungsfälle an Bochumer Kliniken. Nach dem Auftakt mit einer Patientin der Kinderklinik, die nach 25 Jahren im Rollstuhl wieder laufen kann , steht heute die ermutigende Geschichte eines 56-jährigen Krebspatienten im Blickpunkt.
  • Dabei haben Michael und Andrea Wenzel zusätzlich zu der schweren Erkrankung zwei Schicksalsschläge zu verkraften, die einfach nur fassungslos machen.


  • Im Sommer 2016 kam der jüngere Bruder von Andrea Wenzel bei einem Motorradunfall ums Leben.
  • Nur sieben Wochen später verunglückte der ältere Bruder von Michael Wenzel. Ebenfalls mit dem Motorrad. Ebenfalls so schwer, das er seinen Verletzungen erlag.


    Wie das Paar auch diese Prüfung meistert, ist für Augusta-Chefarzt Behringer beispielhaft: „Das sind Helden.“

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