Bühne

Ruhrtriennale beschert Bochum eine Kunst-Offensive

Szene aus Heiner Goebbels’ Aufführung „Everything that Happened and would Happen“  

Szene aus Heiner Goebbels’ Aufführung „Everything that Happened and would Happen“  

Foto: Artangel  / Ruhrtriennale 

Bochum.  Die Ruhrtriennale bietet bis zum 29. September ambitionierte Kunst zwischen Theater, Musik, Tanz und Performance. WAZ gibt Tipps zur Orientierung.

Die Ruhrtriennale bietet bis zum 29. September ein volles Programm; beinahe unübersehbar scheinen die Angebote. Insgesamt stehen 35 Produktionen und Projekte an 14 Spielorten im Programm der 2. Spielzeit von Intendantin Stefanie Carp. Die WAZ gibt einen Überblick über lohnenswerte Produktionen aus Bochumer Sicht.

Muss man sehen

„Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend.“ Bemerkenswert ist Christoph Marthalers Kreation schon mal wegen des Spielorts: keine Industriehalle, sondern der nüchterne Raum des Audimax der Ruhr-Uni. Im musikalischen Zentrum Musik von verfemten Komponisten wie Pavel Haas, Szymon Laks oder Fritz Kreisler. Ihre Musik erklingt in einem imaginierten Parlament, in dem „Abgeordnete“ Reden aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Gegenwart und der nahen Zukunft halten, die katastrophale Zivilisationsbrüche bezeugen. Ein dystopischer Blick auf Europa (ab 21. August).

„Everything That Happend und Would Happen“. Heiner Goebbels hat als Intendant (2012-2014) wegweisend für die Triennale gewirkt. Jetzt kommt der Künstler mit einer Produktion zurück in die Jahrhunderthalle, die mindestens so ambitioniert ist wie sein damaliges Großwerk „Europeras 1 & 2“. In Auseinandersetzung mit der zerstörerischen europäischen Geschichte verbindet „Everything...“ Musik, Licht, Performance, Sprache, Objekte und Filme zu einer multimedialen Installation, die durch Sinnes-Eindrücke überwältigt, und die Frage nach einer „Botschaft“ zurückstellt (ab 26. August).

„Evolution“. Im Zentrum dieser Aufführung in der Jahrhunderthalle steht das „Requiem“ des Komponisten György Ligeti von 1965. Kornél Mundruczó, ungarischer Film und Theaterregisseur, streift in seiner Inszenierung über europäische Geschichtshorizonte hinweg: von der Begegnung mit dem Grauen der Vergangenheit über das traumatisierte Schweigen in der Gegenwart bis zur Vorstellung einer Zukunft, in der die künstliche Intelligenz dem Erinnern keinen Raum mehr lässt. Es musizieren die Bochumer Symphoniker (5. bis 14. September).

Kann man sehen

„Chapter 3“. Die Sparte „Tanz“ spielt seit je her bei der Triennale eine gewichtige Rolle, so auch diesmal. In der Zusammenarbeit der Tänzerin und Choreographin Sharon Eya und dem Event-Gestalter Gai Behar prallen zwei Welten aufeinander: die Aufführungen der israelischen Künstler/innen verbinden im überwältigenden Ambiente der Jahrhunderthalle die explosive Dynamik von Techno-Musik mit großer tänzerischer Ausdruckskraft und Präzision (26. bis 29. September).

„Bergama Stereo“. Für seine Klang-Kunst-Installation ließ der türkische Künstler und Musiker Cevdet Erek Gestalt sich von dem antiken „Pergamonaltar“ inspirieren. Der „Gigantenfries“ wird in Form von Verstärker-Boxen als Multi-Kanal-Komposition interpretiert, die den Raum beschallt. Der Sound übernimmt die Rolle zur Schaffung einer neuen Klang-Architektur. „Bergama Stereo“ wird zunächst an der Turbinenhalle im Westpark zu erleben sein (Eröffnung 24. August, 17 Uhr), und dann in die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Berlin weiterziehen.

Auch interessant

„Archive of Messages Words in Motion“. In ihrer Video-Installation „Αλληλεγγύη“ (griech. für „Solidarität“), bestehend aus zahlreichen Interviews, befragt die Künstlerin Barbara Ehnes Menschen zu deren Verständnis von Solidarität. Dabei schlägt Ehnes eine Brücke zwischen dem von der Schuldenkrise getroffenen Griechenland und dem sich im Strukturwandel befindlichen Ruhrgebiet. Ihr Interview-Archiv kann an verschiedenen Standorten in Bochum besucht werden, u.a. wird auch der Baltz-Glaspavillon auf dem Boulevard bespielt. Info & Anmeldung für die Spaziergänge auf www.ruhrtriennale.de.

„Colours of Europe“. Im vergangenen Triennale-Sommer installierte der nigerianisch-amerikanische Künstler Olu Oguibe sein Kunstwerk „Appeal to the Youth of All Nations“ - eine Schriftskulptur, die in mehreren Sprachen einen Aufruf an die Jugend aller Nationen darstellt. Nun war geplant, „Colours of Europe“ folgen zu lassen, eine temporäre Arbeit für die Glasfassade des Foyers der Jahrhunderthalle. Dazu wird es nicht kommen, „Colours of Europe“ soll erst 2020 entstehen. Oguibes „Appeal“-Installation kann aber nach wie vor im Westpark hinter der Jahrhunderthalle besucht werden.

Eintrittspreise von 10 bis 80 Euro. Ticket-Hotline 0221 28 02 10

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