Stadtteil-Check

In Hordel müssen die Bürger ohne Hausarzt auskommen

Heike Dombrowski findet die Situation in Hordel „katastrophal“. Vor allem ältere Menschen bräuchten einen fußläufigen Arzt. Sie steht vor der ehemaligen evangelischen Kirche, seit Jahren außer Betrieb und verfallen.

Heike Dombrowski findet die Situation in Hordel „katastrophal“. Vor allem ältere Menschen bräuchten einen fußläufigen Arzt. Sie steht vor der ehemaligen evangelischen Kirche, seit Jahren außer Betrieb und verfallen.

Foto: Ingo Otto

Bochum.  Geht es um die ärztliche Versorgung, landet Hordel beim WAZ-Stadtteil-Check ganz unten. In dem Stadtteil gibt es keinen Hausarzt mehr.

Wer in der Praxis von Dr. Josef Khazzoum in Hordel einen Termin vereinbaren möchte, ist ungefähr 20 Jahre zu spät dran. In den 90er Jahren ist der Allgemeinmediziner in den Ruhestand gegangen. Bis heute rufen bei den Khazzoums Menschen an, die ärztlichen Rat suchen. Khazzoums Ehefrau verweist sie dann nach Günnigfeld oder Hamme. „Das ist ja alles nicht weit.“

Dünn besiedelter Stadtteil

Einen eigenen Hausarzt hat Hordel nicht mehr. Der Praxissitz habe sich damals nicht nachbesetzen lassen, erklärt Dr. Eckard Kampe von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). „Wir können ja keinen zwingen, sich dort niederzulassen.“ Von 205 Hausärzten in ganz Bochum zog es niemanden dorthin.

Es wohnen ja auch nicht viele Menschen auf Hordels 2,35 Quadratkilometern, gerade mal 3252 – das ist die zweitniedrigste Bevölkerungsdichte im Stadtteilvergleich. Nur Stiepel ist dünner besiedelt. Doch während Bochums größter Stadtteil mit seinen sieben Hausärzten beim WAZ-Stadtteil-Check auf einem respektablen neunten Platz landet, ist Hordel Schlusslicht.

Auch eine Apotheke gibt’s nicht mehr

Anne Drobing ist in Hordel geboren, hat sich viele Jahre ehrenamtlich und politisch eingebracht, singt nur zu gerne ein Loblied auf die „ländliche Lage“, den Zusammenhalt der Hordeler, den dörflichen Charakter des Stadtteils. Doch sie sagt auch: „Wenn man gefragt wird, ob man mit der ärztlichen Versorgung zufrieden ist, kann man natürlich nicht ja sagen. Jeder wünscht sich doch so einen Bergdoktor, der sich um alles kümmert und alles behandelt“.

Doch da ist niemand. Für sie persönlich sei es nicht schlimm, auf andere Stadtteile auszuweichen, sagt die 66-Jährige. Mit ihrem Hausarzt in Günnigfeld habe sie sogar einen Mediziner gefunden, der auch Hausbesuche mache. „Für viele Menschen wird die Situation dennoch schwierig sein.“ Auch die Apotheke habe schon vor Jahren aufgegeben, sei ins Hannibal-Center abgewandert – wo kein Arzt, da lohnt auch keine Apotheke.

Ärzte finden keine Nachfolger

Eckhard Kampe berichtet, dass in einigen Stadtteilen vor allem in den vergangenen fünf Jahren Praxen aufgegeben werden mussten, weil Ärzte, die in den Ruhestand gingen, keine Nachfolger finden konnten. Man strebe natürlich „eine faire“ Verteilung der Arztsitze an, doch nicht immer gelinge das. „So haben wir in der Innenstadt eine hohe Arztdichte, und auch Stadtteile wie Stiepel oder Wiemelhausen sind sehr gut versorgt.“ Hordel aber habe das Nachsehen.

Ein Arzt aus dem Medizinischen Qualitätsnetz MedQN kritisiert in diesem Kontext die „zunehmende Kommerzialisierung“ in der medizinischen Versorgung: „Ist der Arzt Idealist oder betrachtet er seine Praxis als reines Wirtschaftsunternehmen?“ Davon hänge mitunter die Standortwahl ab, denn in reicheren Stadtteilen mit vielen Privatpatienten seien die Verdienstmöglichkeiten natürlich besser als in Vierteln mit hohem Anteil von Migranten- oder Hartz-IV-Empfängern. „In manchen Gebieten könnte die Versorgungsqualität durchaus noch verbessert werden.“

Räumliche Nähe nicht immer optimal

Als Mitglied im Patientenbeirat des MedQN und vor allem als Vorsitzende des Bochumer Bündnisses gegen Depression hat Sabine Schemmann ebenfalls eine kritische Haltung zur medizinischen Versorgung in Bochum insgesamt.

Dabei sei die räumliche Nähe zu einem Arzt gar nicht immer das wichtigste Kriterium. Schemmann spielt auf psychische Erkrankungen an – für viele noch immer ein Tabuthema. „Beim Hausarzt trifft man sich und quatscht miteinander, bei psychischen Problemen möchte man das eher nicht.“ Viele suchten sich dann ganz bewusst einen Arzt in einem anderen Stadtteil. Ihren eigenen Stadtteil Grumme, im Stadtteil-Check auf Platz 12 gelandet, sieht sie grundsätzlich ganz gut aufgestellt, doch was Termine bei Fachärzten angehe, gebe es vielfach Luft noch nach oben. Manche Gesundheitsprobleme schiebe man ewig vor sich her, mit dem Gedanken: „Da bekomme ich sowieso keinen Termin.“

Kassenärzte: Wartezeiten im Durchschnitt

Eckard Kampe will das so nicht stehen lassen: „Die Wartezeiten liegen im Landesdurchschnitt.“ Notfälle würden sofort und unmittelbar behandelt, nur planbare Untersuchungen und Routineeingriffe hätten in manchen Fachbereichen „einen längeren Terminvorlauf“. Man bearbeite bei der KVWL auch Patientenbeschwerden – für Bochum aber gebe es „keine wesentliche Menge an Beschwerden“.

Dass Hordel nochmal einen Arzt bekommt, will Kampe indes nicht ausschließen. In den nächsten Jahren würden neue Arztsitze geschaffen (siehe Randspalte). „Wenn sich da jemand für Hordel findet...“

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