Hilfsbedürftige

Telefonseelsorger helfen, wenn das Fest unerträglich wird

An Weihnachten suchen viele einsame Menschen ein offenes Ohr. Mit der Telefonseelsorge sprechen sie auch darüber, wenn sie nach einer Familienfeier traurig oder wütend zurückbleiben.

An Weihnachten suchen viele einsame Menschen ein offenes Ohr. Mit der Telefonseelsorge sprechen sie auch darüber, wenn sie nach einer Familienfeier traurig oder wütend zurückbleiben.

Foto: Kerkez / Getty Images

Bochum/Hattingen.   Ob aus Einsamkeit oder nach einem Familienstreit: An den Feiertagen wenden sich viele Menschen an die Ehrenamtler der Telefonseelsorge Bochum.

Die meisten Familien kommen zur Weihnachtszeit zusammen, um ein schönes, besinnliches Fest zu feiern. Doch für einige Menschen werden diese Feiern zum Jahresende zum Alptraum. Ihnen kann dann die Telefonseelsorge Bochum helfen.

„Bei uns ist immer nur ein Telefon besetzt, daher bemerken wir nicht, ob im Advent oder an Weihnachten deutlich mehr Ratsuchende anrufen“, sagt Ludger Storch, der Leiter der Telefonseelsorge, aber jede Jahreszeit habe ihre eigenen Themen. „Jetzt, am Jahresende, bemerken wir eine starke Resignation.“

Denn die Menschen würden gerade den Winter nutzen, um Bilanz zu ziehen und zu schauen, wie das neue Jahr wird – doch längst nicht immer fallen Bilanz und Zukunftsperspektive positiv aus. Betroffene Bochumer greifen dann zum Telefon, um über ihre Probleme zu sprechen, bis hin zu ihren Selbstmordgedanken.

Gespräche nicht nur über Einsamkeit

„Menschen rufen jetzt an, die alleine sind, und sie wollen aus der Isolation geholt werden, indem sie mit jemandem sprechen, der für sie da ist.“ Doch nicht nur über Einsamkeit oder Selbstmordpläne sprechen die Ehrenamtler während ihres Dienstes. Gerade zur Weihnachtszeit, so Ludger Storch, gehe es auch um Streitigkeiten in der Familie oder in der Beziehung. „Oft ist das verbunden mit großer Traurigkeit oder Wut“, weil das Fest nicht so friedvoll war, wie man es erhofft hatte.

„Streit entzündet sich meist an einer Kleinigkeit“, etwa weil der Festtagsbraten etwas zu trocken war. „Dahinter steckt aber immer ein ungelöster Konflikt, der schon lange schwelt und die Familie oder Beziehung belastet.“ Zumal die Hoffnung, dass solch ein Problem über die Feiertage ruht, sich oft nicht erfülle.

„Man sollte Konflikte dann ansprechen, wenn sie entstehen“

Grundsätzlich rät Storch dazu, mit allen Beteiligten die Erwartungen ans Familienleben, an eine Partnerschaft oder auch an eine gemeinsame Feier vorher zu besprechen. Denn enttäuschte, vielleicht zu hohe Erwartungen würden häufig Konflikte entfachen. Zudem helfe, wenn man sich bei der Vorbereitung einer Feier nicht nur Stress macht, sondern sich zusätzlich etwas gönnt, das einem selbst Freude bereitet. Wichtig findet er außerdem zu jeder Jahreszeit: „Man sollte Konflikte dann ansprechen, wenn sie entstehen und sie nicht schwelen lassen.“

Ratsuchende rufen ohnehin die Telefonseelsorge nicht nur zu Weihnachten an, sondern das ganze Jahr über. Insgesamt gut 8000 Gespräche führen die 75 Ehrenamtlichen jährlich. „Kinder und Jugendliche wenden sich an uns“, so Storch, „weil sie es schwer aushalten, dass sich ihre Eltern streiten. Oder sie haben Angst, weil der Vater sie missbraucht.“ Das seien häufig Erstgespräche, bei denen die Betroffenen testen, ob man ihnen glaubt. Die Ehrenamtler werden aber dafür geschult, mit solchen Situationen umzugehen, und vor allem Menschen, die über Selbstmord nachdenken, würden sich darauf verlassen, dass sie den Gesprächspartner mit dieser Information guten Gewissens belasten können. „Wir nehmen jedes Problem ernst und stellen es in den Mittelpunkt“, sagt Storch, ob es jugendlicher Liebeskummer ist, Einsamkeit oder Suizidgedanken.

Kostenlos, anonym und vertraulich

Ob es sich bei den Anrufern jedoch immer um Bochumer handelt, lässt sich nicht sagen. „Die Gespräche sind kostenlos, anonym und vertraulich, wir sehen und speichern keine Telefonnummern, und wir erscheinen nicht auf der Telefonrechnung.“ Dennoch wisse Storch, dass sich tatsächlich Bochumer melden. Als Universitätsstadt würden Studenten das Angebot der Telefonseelsorge nutzen, um beispielsweise über Stress und Leistungsdruck im Studium zu sprechen. Und als das Opelwerk geschlossen wurde, habe dies damals auch viele Leute stark belastet.

Dass die Telefonseelsorge Bochum durchaus zahlreichen Menschen hilft, das wissen Ludger Storch und seine Ehrenamtler aufgrund vieler Ratsuchender, die mehrmals anrufen und sich auch für geleistete Unterstützung bedanken – ob an Weihnachten, Silvester oder zu anderen Jahreszeiten.

>>> INFO: Beratung gibt es auch per Chat oder per Mail

  • „Die Telefonseelsorge ist frauendominiert“, sagt Ludger Storch. Von den 75 Ehrenamtlern seien gut zwei Drittel weiblich, ebenso wie die der jährlich gut 8000 Anrufer.

  • Besetzt ist die Telefonseelsorge täglich rund um die Uhr, 0800/ 1 11 01 11 oder 0800/ 1 11 02 22. Außerdem gibt es eine Beratung per Chat und per Mail, diese Angebote werden vor allem von Jüngeren wahrgenommen.

  • Weitere Infos auf www.telefonseelsorge-bochum.de

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